VIER-SPALTEN-METHODE (VIERSPALTER)

Bewährte Methode zum Anfangen eines Textes ...



.. und zum Auflösen von Schreib-Blockaden!

Wir haben in unseren Schreib-Seminaren eine Methode entwickelt und für das Kreative Schreiben nutzbar gemacht, die einer Anregung Sigmund Freuds zur Deutung von Träumen folgt.

 
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[2007-06-25 ok / ur 2001-10-28]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Aus diesem Text wurde mein Artikel "Die Tinte soll fließen" entwickelt, erschienen Anfang März 2006 in Heft I der Zeitschrift TextArt - Magazin für kreatives Schreiben.





Wir haben in unseren Schreib-Seminaren eine Methode für das Kreative Schreiben entwickelt, die bereits Freud zur Traumbearbeitung einsetzte (einer seiner genialsten Einfälle!).

Freud notierte zunächst seinen Traum (von "Irmas Injektion", den er in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1895 hatte). Daneben schrieb er seine Freien Assoziationen (wie er es nannte) zu den einzelnen Details des Traums.

Wir haben dies als Vorgang zunächst in zwei verschiedenen Spalten konzipiert (ähnlich wie bei einem Vokabelheft). Diese nennen wir Logbuch und Text-Projekt oder (eigentlicher) Text (der aber erst ein Roh-Text ist).

(Auf die Idee mit den "Zwei Spalten" brachte mich ein Hinweis des Berliner Psychotherapeuten Harald Schultz-Henke in seinem Werk "Der gehemmte Mensch". Darin schlug er vor, Freuds Anregung folgend, der besseren Übersicht halber den Traumtext und die Einfälle ähnlich wie in einem Vokabelheft in zwei parallelen Spalten anzuordnen. Ich las das während des Psychologiestudiums in einem der Bücher auf der Liste der "Pflichtlektüre" - auch das kann also etwas "für´s Leben" bringen.)



Vom Zwei-Spalter zum Vier-Spalter


Dem habe ich später noch zwei weitere Spalten für zusätzliche Einfälle hinzugefügt (Umformungen oder Ergänzungen zum Text-Projekt und Flohmarkt - s. unten die Tabelle).

Um einen Text (gleich ob sachlicher oder erzählender Natur) beginnen zu können, während einem gleichzeitig noch allerhand andere Gedanken durch den Kopf geistern, wird ein großes Blatt durch zweimaliges Falten in vier parallele lange Spalten eingeteilt (ggf. kann man dies auf der Rückseite fortsetzen):

° Die erste Spalte ist für alle Gedanken reserviert, die einem spontan einfallen und die nicht unbedingt mit dem zu schreibenden Text zusammenhängen. Sie kann übertitelt werden mit LOGBUCH oder (PROJEKT)BEGLEITENDES TAGEBUCH.

Ich empfehle, beim Einstieg in einen neuen Text zu allererst folgende Drei Fragen in diese erste Spalte zu notieren und auch zu beantworten - und sei es nur mit einem knappen "gut" oder "schlecht":
Wie geht es mir? (z.B. "Ich habe Kopfschmerzen und kann mich nicht konzentrieren")
Was ist mein Projekt, mein Thema? (z.B. "Ich möchte eine neue Variante des "Märchen von den Drei Wünschen" erfinden")
Wie geht es mir mit diesem Projekt und Thema? (z.B. "Ich bereue schon, für die Weihnachtsfeier in der Firma diesen Text zugesagt zu haben -")
Das Notieren und Beantworten dieser drei Fragen stellt zum einen sicher, dass man sich selbst nicht völlig aus dem Schreibprozess herausnimmt - was ein häufiger Grund für Schreib-Blockaden ist. Es sorgt zum anderen aber auch dafür, dass die Tinte und damit die Einfälle zu fließen beginnen.

° Die zweite Spalte ist für den eigentlichen Text gedacht, den man gerade schreiben muß, und zwar so, wie er einem im Moment einfällt (Korrigieren und Redigieren sollte man erst nach dem Schreiben der ersten Rohfassung!)

° In die dritte Spalte kommen Ergänzungen zum Text, die einem en passant in den Sinn kommen - zum Beispiel dass einem ein bestimmter Ausdruck plötzlich sehr kitschig vorkommt. Oder man bemerkt, dass man ein Klischee benützt hat.

Statt nun lange zu überlegen, wie man diese Passage besser ausdrücken könnte, empfehlen wir, lediglich einen Vermerk anzubringen und nach Abschluss der Rohfassung einen passenderen Ausdruck zu suchen. (Interessanterweise fällt einem dieser nicht selten schon in einem der nächsten Absätze ein - weil das Vorbewußte ständig weiter mit dem kreativen Prozess befasst ist).

° Die vierte Spalte ist schließlich gedacht für mögliche neue Ideen zu anderen Projekten, die einem spontan einfallen. Dies nenne ich Flohmarkt - eben deshalb, weil sich dort allmählich ein buntes Sammelsurium von Ideen anhäuft, von denen man zunächst nichts weiß, wie und ob überhaupt man sie brauchen kann (manches erweist sich am Schluss dieses Kreativen Prozesses als durchaus nützlich für den eigentlichen Text in Spalte 2).



Der VIERSPALTER regt den Kreativen Prozeß an und dokumentiert ihn zugleich


Die Methode, mit vier Spalten zu arbeiten, hilft, die Gedanken frei fließen zu lassen und gleichzeitig ein Stück weit zu strukturieren. Man muss sich nicht ständig zur Ordnung rufen, wenn andere Gedanken auftauchen als die zum Text passenden, sondern man schreibt einfach weiter - aber eben in einer anderen Spalte.
Gleichzeitig dokumentiert das Verfahren sehr genau den Kreativen Prozeß, der im psychischen Untergrund abläuft (Freud nannte dies das Vorbewusste).

Das erleichtert es einem später, wenn man vielleicht eine andere Text-Variante schreiben möchte, die Entstehung der Gedanken beim Schreiben zu rekonstruieren. Man muß außerdem nicht gleich alle Details beim ersten spontanen Notieren der Gedanken genau ausführen. Besonders beim Flohmarkt ist das hilfreich: Selbst wenn da vielleicht nur ein knapper Hinweis steht (siehe das Beispiel unten in der Tabelle: statt Märchen = SF-Story) - aus dem Kontext lässt sich der Gedankengang leicht wieder nachvollziehen, der diese Idee ursprünglich produziert hat.

Damit machen wir in den Seminaren sehr gute Erfahrungen, wenn Leute sagen: "Mir fällt nichts ein zu diesem Thema". Dann wird eben dieses "Mir fällt nichts ein" und alles, was diesen Gedanken sonst noch an Einfällen begleitet, in die erste (Logbuch-) Spalte geschrieben. Dadurch kommt man "in Fluss" und meistens tauchen nach einer gewissen Zeit plötzlich die "richtigen" Gedanken auf, also jene, die zum eigentlichen Text gehören und nach denen man vorher vergeblich gesucht hat.

Oder es erscheint unvermutet der lange gesuchte erste Satz für die Geschichte (der ja angeblich der schwierigste ist ...)



Ein praktisches Beispiel


Nehmen wir an, es sei in einem Schreib-Seminar diese Aufgabe gestellt worden:
Schreibe eine moderne Variante des Märchens von den Drei Wünschen

(Das Vorbild hierzu ist Johann Peter Hebels Kalendergeschichte zum selben Thema. Ich habe mich wiederum von Hebel zu einer Variation dieses Motivs anregen lassen - s. meine Story DREI WÜNSCHE AN EINE FEE)

Und nehmen wir weiter an, Ihnen will absolut nichts zu diesem Thema einfallen. Aber der folgende Satz springt ihnen quasi in den Kopf:

"Mir fällt zu diesem Thema überhaupt nichts ein - drei Wünsche - so ein Blödsinn -"


Dann schreiben Sie genau diesen Satz in die erste Spalte (Logbuch): "Mir fällt zu diesem Thema überhaupt nichts ein - drei Wünsche - so ein Blödsinn -"

Die Chance ist recht gut, dass Ihnen bald danach dennoch zum eigentlichen Text ( = zweite Spalte) etwas einfällt.

Und so kann das Ergebnis dieses über die vier Spalten verteilten, hin- und herspringenden Schreibablaufs in Form einer Tabelle dann aussehen:




Logbuch (= Begleitendes Tagebuch)(eigentlicher) Text Ergänzungen zum TextFlohmarkt (= Einfälle zu anderen Projekten und Themen)
Mir fällt zu diesem Thema überhaupt nichts ein - drei Wünsche - so ein Blödsinn Drei Wünsche - modern (= Titel) [leer] [leer]
[leer] Es war einmal ein kleiner Junge, der wünschte sich sehnlich viel Geld. Denn er hörte dauernd seinen Vater jammern, dass es hinten und vorne fehle und man dieses Jahr wieder nicht nach Hawaii zum Surfen fahren könne und den neuen Computer mit Internetanschluss könne man sich auch nicht leisten.
Da lief der Junge in seiner Not (denn der Vater dauerte ihn sehr) in den nah gelegenen Wald. Er verirrte sich natürlich, denn in den Wald war er noch nie allein gegangen.
Doch zum Glück - denn es dämmerte bereits und in der Ferne schrie schon unheilverkündend ein Käuzchen - begegnete ihm ein altes Hutzelweibchen, das vom Pilzesammeln kam und das Jammern des Jungen hörte.
(In Wahrheit war sie eine mächtige Fee, sah sehr schön aus und konnte allerlei magische Künste - aber davon gleich noch mehr)....
[Statt "Hutzelweibchen" eine andere Bezeichnung? Ist nicht gerade politisch korrekt] [leer]
[leer][leer] [leer] Warum ein Märchen? Könnte sich doch als Science Fiction auch ganz gut machen:
Ein Alien landet auf der Erde und bietet dem ersten Erdenmenschen, der ihm begegnet, an, ihm drei Wünsche zu erfüllen.
Die Sache hat natürlich einen Haken, denn
[denn was??? Dazu wird mir irgendwann schon noch etwas einfallen...]



Die Methode eignet sich übrigens auch gut, um eine Schreib-Blockade aufzulösen!
Siehe hierzu auch die Ausführungen auf der Verzweigung WIR LÖSEN BLOCKADEN.




Abschließend möchte ich noch anmerken:

Auch wer Schwierigkeiten mit dem umfangreicheren VierSpalter hat, sollte diese Methode wenigstens einige Male ausprobieren. Nicht zuletzt, weil sie den gesamten Ablauf der Textentstehung dokumentiert, ist sie nicht nur ein effektives, sondern auch ein sehr interessantes Werkzeug, das zudem faszinierende Aufschlüsse über den persönlichen Arbeitsstil und den eigenen Kreativen Prozess verschafft.

Es ist zudem klar, dass - wie jedes andere Werkzeug - auch dieses entsprechend geübt werden muss, bevor man wirklich gute Resultate damit erzielt.


Bibliographie

Freud, Sigmund: "Der Traum von Irmas Injektion". (1895) In: Gesammelte Werke Bd. II/III, Kap. 6. Frankfurt am Main 1964 (S. Fischer)
Scheidt, Jürgen vom: "Das Große Buch der Träume". München 1985 (Heyne), Kap. 10
ders.: "Die Tinte soll fließen". In: Heft I/2006 von TextArt - Magazin für kreatives Schreiben
Schultz-Henke, Harald: Der gehemmte Mensch. Stuttgart 1947 (Thieme)


© 2011 / 2000 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt/ Quelle: www.iak-talente.de