KRITIK (an Texten)

Wesentlich ist, ob die Texte "frisch" oder "gut abgehängt" sind



Ein soeben geschriebener Text ist wie ein neugebornes Kind: Man muss äußerst behutsam damit umgehen.

Erst die gründliche Überarbeitung macht ihn (und vor allem den Urheber) überhaupt erst fähig für eine kritische Betrachtung.

(Wenn Cowboys am Lagerfeuer ein Lied singen, wird Kritik am Dargebrachten anders ausfallen als wenn der Song auf einer CD gekauft wurde / Abb.: Corel Gallery)

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[2009-02-25 wip / ur 2008-01-29]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Horrorvorstellung: das Verfahren der Gruppe 47 mit ihrem "elektrischen Stuhl" (Arnold S. 64-97)

Aber die Gruppe 47 war ohnehin etwas völlig anders als ein heutiges Seminar mit Creative Writing oder HyperWriting.



2003-08-21

9. Wie steht es mit Kritik in den Schreib-Seminaren?


Mit Kritik sind wir sehr zurückhaltend, vor allem als Seminarleiter. Die Teilnehmer bitten wir, sich auf spontane Rückmeldungen (Feedback) zu beschränken und vor allem stets die Texte zu "meinen" und nie den Autor.

Naturgemäß kommt es immer wiede vor, dass ein Thema starke Reaktionen auslöst (vor allem wenn es um gemeinsame Erfahrungen von Verlust, Trauer, Angst, aber auch um gute Erfahrungen geht). Auch hierbei gilt stets:

° Die eigene Erfahrung oder Erinnerung, die angesprochen wird, zeigen und äußern ("Sprich per ich")

° Sich klar machen. dass eine im Text beschrieben Situation, Handlung oder Person stets nur einen Ausschnitt eines viel größeren, komplexeren Panoramas darstellt und vor allem nicht mit Erfahrungen des Autors oder der Autorin "1:1" gleichgesetzt werden darf - auch wenn Autobiograpisches stets im Spiel sein dürfte.

Man sollte sich immer bewusst machen, dass wir viele Innere Gestalten in uns bergen, die sich je nach Text mal in der und mal in jener Zusammensetzung zeigen und äußern.

Grundsätzlich sind frisch geschreibene Texte wie neugeborene Kinder: Man sollte sich darüber freuen, dass sie auf die Welt gekommen sind. Ist der - meistens mit der Hand geschriebene - Text wenigstens einmal abgetippt und überarbeitet worden, kann man diesem Neugeborenen schon mehr zumuten.

Feedback und vor allem ernsthaftere Kritik sollte man stets zuerst schriftlich notieren, bevor man sie mündlich weitergibt. Das neutralisiert nicht nur überschießende Emotionen und versachlicht die Rückmeldung - es vermeidet auch, dass sich die Schnellsten mit ihren Reaktionen vordrängeln und durchsetzen und die Bedächtigeren schließlich das Gefühl haben, es sei ja "schon alles gesagt". Jede Reaktion ist wichtig und hilfreich für den Autor - gerade auch die der Bedächtigen und Nachdenklichen, die naturgenäß etwas langsamer reagieren!

Eine Anregung: Den Text nach dem ersten Überarbeiten zunächst sich selbst, dann auch anderen Menschen (die möglichst selbst schreiben sollten - sonst sind sie nicht kompetent als "Rückmelder") laut vorlesen.
(Weitere Tips findet man in meinem Buch "KREATIVES SCHREIBEN" und bei David M. Kaplan - s. u. Bibliographie.)




11. Wie komme ich an konstruktive Kritik meiner Texte?


Diese Frage wird immer dann gestellt, wenn man eine Reihe von Texten geschrieben hat und allmählich merkt, dass man dem kreativen Fluss vertrauen kann - dass also die Einfälle und Texte fließen. Da dies zunächst einmal Rohtexte sind, wächst das Interesse an Kritik von anderen Menschen, die einem sagen sollen, ob die Geschichten oder Essays etc., die man da produziert hat, etwas "taugen".

Hierzu einige Anmerkungen bzw. Tipps:

a) Niemand kann einem Selbstkritik ersetzen. Aber diese muss genauso gelernt = geübt werden wie das Schreiben selbst. Man lernt sie, indem man seine Texte überarbeitet - immer wieder. So wie man das Schreiben lernt - indem man immer wieder schreibt (möglichst jeden Tag möglichst mindestens eine Stunde). Dass man dies nicht unwillig macht und als ärgerliche Zumutung betrachtet (wie am Anfang oft der Fall), ist der sicherste Gradmesser dafür, dass man allmählich eine gewisse Professionalität entwickelt.
Sich die Texte laut vorlesen - am besten (auf Cassette) diktieren! That´s it.

b) Andere Menschen sind nur bedingt brauchbare Kritiker. Die einen urteilen zu verständnisvoll "weich" - die anderen zu "hart". Und was man nach ersten Erfolgen (= gedruckt werden) gut wegsteckt - das macht einem zu Beginn einer Schreib-Karriere (auch wenn man dies nur als Hobby betrachtet) ziemliches Bauchgrimmen, weil man noch nicht so recht trennen kann zwischen
° "Kritik an einem Teil des Textes"
° "Kritik am gesamten Text" und
° "Kritik an der Person, die den Text geschrieben hat"

Das ist nicht leicht auseinanderzuhalten; besonders letzteres macht auch erfahrenen und erfolgreichen Autoren Probleme.

Was tun?

c) Kompetente und zugleich verständnisvolle Kritiker findet man eigentlich nur unter Menschen, die sich in der selben Situation an an einer ähnlichen Stelle der Schreib-Karriere befinden.

Am besten schließt man sich dem an, was ich einen Schreib-Lese-Zirkel nenne: eine kleine Gruppe, die sich regelmäßig trifft und gemeinsam schreibt, später auch mal gemeinsame Lesungen veranstaltet, zu denen man auch andere Menschen einlädt - und vor allem publizieren (in einer kleinen Zeitschrift, als Anthologie).

d) Wenn es so einen S-L-Z in Ihrer Nähe noch nicht gibt - dann gründen Sie selbst einen . Zum Beispiel durch eine Annonce im Lokalblatt. Oder indem Sie ein paar schreiblustige bzw. -interessierte Leute zusammentrommeln (möglichst nicht Freunde und Bekannte . Durch Besuch eines Schreib-Seminars an einer Volkshochschule (und das gibt es heute in jedem größeren Ort) findet man Gleichgesinnte wahrscheinlich am leichtesten.

e) Wenn nur Anfänger beisammen sind, sollte unbedingt auch ein etwas erfahrenerer Schreiber dabei sein, der als Leiter und MENTOR fungiert - weil er / sie diese Heldenreise des Autors (wie Christopher Vogler es, angelehnt an Joseph Campbell, nenn)t, bereits einmal gemacht hat - Details unter HELDENREISE.

f) Und dann, wie gesagt: Publizieren, wo immer man einen Text unterbringt. Wenn man bei keiner der vielen kleinen literarischen Zeitschriften unterkommt (vielleicht scheibt man noch nicht gut genug?) - dann kann man ja selber eine gründen und das Niveau bestimmen (und allmählich verbessern). Nichts ist wirksamer in Richtung Kritik und Rückmeldung - als den eigenen Test irgendwo gedruckt zu sehen!

g) Die Teilnahme an Wettbewerben ist dafür eine gute Übung - weil man sich damit der Tatsache bewusst wird, das andere Leute den Text lesen und bewerten; so lernt man allmählich, das eigene Schreiben "mit den Augen anderer" zu sehen. Dadurch schreibt man aufmerksamer - und besser.

Ein Publikum zu haben, ist die allerwichtigste Voraussetzung für allmähliche qualitative Verbesserung.

h) Irgendwann sollte man seine Texte auch einem erfahrenen Lektor geben. Adressen findet man über den Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL)



Bibliographie

Arnold, Heinz Ludwig : Die Gruppe 47 / Reinbek 2004 (Rowohlt Monographien)
Kaplan, David Michael: Die Überarbeitung. Ein Lehrbuch für Autoren. (1997) Frankfurt am Main 2002 (Verlag Zweitauseneins)
Scheidt, Jürgen vom: Kreatives Schreiben. (1989) 7. überarb. Auflage Frankfurt am Main 2003 (Fischer TB)
ders.: Kurzgeschichten schreiben. (1995) überarb. Ausgabe München 2002 (Allitera)
Vogler, Christopher: The Writer´s Journey. Dt. Die Odyssee des Drehbuchautor. (1997) Frankfurt am Main 2002 (Verlag Zweitauseneins)


© 2009 / 2008 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de