Rainer Eisfeld: "Die Zukunft in der Tasche"

Die prägenden Jahre der deutschen SF 1955-1960



Ein - manchmal recht autoritärer - Gründervater (Walter Ernsting) und viele viele fleißige und engagierte Fans schufen in der Wirtschaftswunderzeit Westdeutschlands eine ganz eigene Richtung der utopischen Literatur.

In diesem sehr anregend zu lesenden Buch, einer Mischung aus historisch-kritischer Dokumentation und Selbsterfahrungsbericht, stellt ein Fan der "frühen Stunde" und späterer Professor für Politikwissenschaften jene Literaturszene in vielen liebevoll skizzierten Details vor.

 
Details
Zum Fließtext

[2008-01-01 wip / ur 2007-12-31]


(Rezensent: Jürgen vom Scheidt)




Vorbemerkung als "Betroffener"


Wenn man selbst in einem Buch dreimal erwähnt wird, ist Zurückhaltung bei der Besprechung geboten. Ich habe damit aber keinerlei Mühe, weil diese Erwähnungen weder negativer Art sind noch von spezieller Bedeutung für das Buch: Ich war als Fan nie so tief drin in der SF-Szene jener frühen Jahre, dass ich sie nennenswert hätte mitprägen können.

Allerdings kann ich ein Detail ergänzen, das jene Pionierzeit etwas erhellen dürfte. Ich habe ja Walter Ernsting alias Clark Darlton an anderer Stelle dieser Website bereits meinen Respekt als MEIN MINUTEN-MENTOR gezollt. Daran will ich keinerlei Abstriche machen. Aber die Szenerie der damaligen SF-Jahre in Deutschland hatte so ihre Verflechtungen und Abhängigkeiten, die nicht immer ganz koscher waren. Rainer Eisfeld beschreibt dieses Netzwerk sehr anschaulich und differenziert. Ich kann es anhand meiner persönlichen Erfahrungen mit meinem ersten Roman Männer gegen Raum und Zeit noch etwas klarer machen, wie das manchmal zuging:

Ich hatte meinen Roman 1957 gerade fertiggestellt -
Halt: Hier muss ich zum besseren Verständnis einflechten, dass meine Einstellung zur Science Fiction gegen Ende der Pubertät (ein Zeichen von zunehmender Reife?) stets zwischen großer Faszination und äußerst kritischer Distanz schwankte, in einer ausgesprochenen Hass-Liebe (ja, das Wort trifft es recht gut)

Ich hatte also meinen Roman 1957 gerade fertiggestellt, als ich in zum ersten Mal in eine meiner extrem kritischen SF-Phasen eintauchte und aus dem Science Fiction Club Deutschland (SFCD) austrat - angewidert von allerlei Querelen im SFCD (die Eisfeld sehr ausführlich und anschaulich darlegt) und wohl auch genervt von den immer gleichen Ritualen an Clubabenden und auf Conventions).

Das hätte ich besser nicht getan: denn nun waren meine Aussichten, dass mein Roman veröffentlicht würde, enorm geunken - so gegen null, würde ich sagen. Als mir klar wurde, dass ohne Clubsiegel (das der SFCD verlieh) wenig zu machen sei, beschloss ich reumütig, wieder in den SFCD einzutreten. Mein Vater hatte die geniale Idee, mich ins Auto zu packen und mit mir - nach kurzer telefonischer Ankündigunhg "von Mann zu Mann" raus nach Irschenberg zu Walter Ernsting zu fahren. Dort legte er "als Spende für den Club" 75 Mark auf den Tisch und stellte eine Flasche besten Pott Rums daneben (dessen Vertretung mein Vater in Süddeutschland hatte). Gegen Hochprozentiges hatte WE nie etwas einzuwenden, die Flasche wurde geöffnet, wir tranken einen Versöhnungsschluck - und die Sache war geritzt. Für WE jedenfalls.

Noch nicht allerdings für Heinz Bingenheimer und Wolf Detlef Rohr. Die waren - genau wie WE - nicht nur im SFCD sehr aktiv und tonangebend, sondern auch berufsmässig (d.h. auch: finanziell) engagiert und verflochten: Bingenheimer als Buchvertreter, Rohr als Agent. Aber auch diese Hürden waren mit Geld zu bewältigen:

° Wolf Detlef Rohr wurde mein Agent (der erste von bislang fünf) und zwackte sich 25 (!) Prozent von meinem ohnehin nicht sehr üppigen Buchhonorar von 250 Mark ab

° Hein Bingenheimer lektorierte gegen weitere 50 Mark mein Manuskript (was ihm - ich meine dem MS - sicher nicht geschadet und hoffentlich genützt hat - das kann ich im Nachhinein nicht mehr beurteilen).

Ich überlasse es dem geneigten Leser dieser Zeilen auszurechnen, wieviel von dem Honorar für den stolzen Autor am Ende noch übrig blieb. Schwamm drüber - ich war froh, dass mein Erstling gedruckt und ich dadurch sehr ermutigt wurde, weiter zu schreiben - und vor allem professionell zu werden damit. Ähnliches Lehrgeld müssen wohl die meisten Autoren bezahlen.

Doch nun zu dem sehr lesens- und empfehlenswerten Buch von Rainer Eisfeld, dessen Lektüre diese Erinnerungen ausgelöst hat (die RE gerne in einer nächsten Auflage zitieren kann).



Rainer Eisfeld: "Die Zukunft in der Tasche"


Rainer Eisfeld (Jahrgang 1941) war einer der deutschen Science-Fiction-Fans der ersten Stunde. Später wurde er Professor für Politik-Wissenschaften in Osnabrück. Sein akademischer Hintergrund kam ihm beim Schreiben dieser Dokumentation sehr zupass - konnte er so doch die eigene Erfahrung mit dem geschulten Blick des Wissenschaftlers kombinieren.

Seine Exkursion stellt nicht nur die Gründer des ersten Deutschen SF-Clubs (SFCD) und dessen Konkurrenten resp. Ableger vor, sondern auch viele Fans der frühen Stunde und ihre FanZines.

Zentrale Figur jener Zeit des Aufbruchs der deutschen SF-Szene aus dem deutschen Zukunftsroman à la Hans Dominik zu einer moderneren, sehr von den USA geprägten "Science Fiction" war Walter Ernsting (1920-2005, viel bekannter unter der Pseudonym "Clark Darlton" und als einer der Schöpfer der sagenhaft erfolgreichen Heftserie "Perry Rhodan"). Rainer Eisfeld nähert sich diesem Urgestein der deutschen Nachkriegs-Utopie (der ja nicht nur für ihn ein Anreger, Förderer und Mentor war) mit einer wohltuenden Mischung aus Respekt und kritischer Distanz. Auf diese Weise können auch jüngere SF-Leser sich ein sehr differenziertes Bild von W.E. (wie er kurz genannt wurde) machen, das auch seine Grenzen (im Literarischen) und seine Schattenseiten (autoritäres Verhalten als Club-Präsident) nicht ausspart - sondern verständlich macht.

(Mehr zu W.E. findet man in einem gut recherchierten Artikel der Wikipedia.)
Das Buch ist ein MUSS für jeden Leser, der ein wenig hinter die Kulissen der deutschen SF und vor allem deren Pionierzeit schauen will.

Es geht zwar primär um die Jahre 1955-1960 - aber andere prägende Figuren der folgenden Jahre und Jahrzehnte werden bereits in Konturen und nicht zuletzt in ihrem Werdegang sichtbar: Herbert W. Franke und Wolfgang Jeschke.

Die reichhaltige, zu einem Gutteil farbige Bebilderung macht das Buch zusätzlich zu einer sehr lesenswerten Einführung in die Geschichte der deutschen SF der Nachkriegszeit mit ihren heute kaum mehr vorstellbaren Schwierigkeiten und Einschränkungen im Bereich des Buchmarkts, wobei SF, als Literarisches Genre am Rande - oder oft mittendrin - von "Schmutz und Schund" harte Kämpfe und heftige Geburtswehen überstehen musste.

Was die Darstellung besonders sympathisch macht, ist die Präsenz des Autors als "teilnehmender Beobachter" (wie das die Sozialwissenschaftler nennen), der seinen eigenen Werdegang als Fan wie einen roten Faden durch das doch immer wieder auch verwirrende Puzzle dieser ganz speziellen Literaturgattung sichtbar macht.

(Den Rezensenten freut natürlich zusätzlich, dass er - eine Weile selbst Teil jenes frühen Fandoms - im Buch auch erwähnt wird. Danke!)

Bibliographie

Eisfeld, Rainer: Die Zukunft in der Tasche. Lüneburg 2007 (Dieter von Reeken)
Scheidt, Jürgen vom: Männer gegen Raum und Zeit. Wuppertal-Barmen 1958 (Wieba)


© 2007 bei Jürgen vom Scheidt / Quelle: Website "www.hyperwriting.de"