TSCHINAG, GALSAN*

Mongolischer Schamane, Häuptling und Schriftsteller



Galsan Tschinag lebt in zwei Kulturen und Welten, zwischen denen er offenbar mühelos hin- und herwechselt: Er ist anerkannter Führer seines Stammes in der Mongolei und lebt auch in Deutschland (er wurde in der DDR ausgebildet).

 
Details
Zum Fließtext
*in Bearbeitung

[2007-12-22]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)



Schamanen als Vorläufer vieler Berufe


So fing alles Forschen an hat: mit den über zehntausende von Jahren gesammelten Beobachtungsreihen der Schamanen. Sie studierten die Mondphasen und die Bewegungen der Sterne, das Kommen und Gehen der Jahreszeiten und ihren Einfluss auf Pflanzen, Tiere und Menschen; sie waren also die ersten Wissenschaftler (aus denen sich später die Astrologen und Astronomen entwickelten).

Sie beobachteten nicht nur, sondern notierten ihre Funde auch – auf Rentierknochen und auf den Wänden von Höhlen, die sie bemalten; sie waren also die ersten Schriftsteller und Künstler.

Gleichzeitig waren sie die ersten Ärzte und Priester, die ersten Psychologen und Soziologen. Später – da nannte man sie schon Priester – wurden sie die Berater und Vertrauten der Mächtigen. Die Schamanen fassten dieses frühe Wissen schließlich auch zusammen in den Erzählungen und den endlosen Gesängen, mit denen sie ihrem Stamm ein geistiges Zentrum in der Gegenwart und ein die Generationen überdauerndes Band der sozialen und kulturellen Zusammengehörigkeit übergaben.

Ich denke, wir gehen nicht fehl in der Annahme, dass die Schamanen die Ersten waren, die man als hochbegabt bezeichnen kann. Oder anders ausgedrückt: Ihre gesellschaftliche Funktion und Position war die erste, in der sich Hochbegabung zeigen und entwickeln konnte.

Wozu sonst hätte man in der Frühzeit der Menschheit solche umfassenden Talente gebraucht? Ihr geschickter Umgang mit Menschen, Dingen (Heilkräutern zum Beispiel) und Informationen war jedenfalls ein Segen für ihr Sozialwesen. Desgleichen entwickelten sie neue Lösungen für neue Probleme, also Kreativität – beispielsweise, wenn plötzlich das Wasser der Quelle versiegte, die den Stamm seit vielen Sonnen zuverlässig versorgt hatte. Oder wenn die Winter länger und kälter wurden, die Jagdbeute schrumpfte und das Wild sogar ganz verschwand und der Stamm sein Glück in unbekannten Gegenden suchen musste.



Häuptling und Schriftsteller Galsan Tschinag


Den zweiten Beruf der früheren Menschheitsgeschichte, bei dem Hochbegabung hilfreich war (und körperliche Überlegenheit sicher nicht schadete), stellte der des Häuptlings dar. Einen Schamanen besaß jeder größere Stamm*, den brauchte man ständig – weil es immer wieder einmal Jagdunfälle, Krankheiten und psychische wie soziale Malaisen gab, die geheilt werden mussten. Einen Häuptling hingegen brauchte man nicht unbedingt, jedenfalls nicht die ganze Zeit. Ihn wählte man allenfalls in Zeiten der Bedrohung durch andere Stämme oder in anderen sozialen Krisen.
* Ein Stamm umfaßt(e) in der Regel zwischen 25 und 100 Mitgliedern.
Ein sehr eindrucksvolles Beispiel hierfür aus jüngster Zeit findet man im Bericht Die Karawane von Galsan Tschinag. In der Westmongolei geboren, studierte der Autor Anfang der 60er-Jahre in Leipzig. Danach arbeitete er als Journalist wieder in der Mongolei, machte sich aber wegen seiner kritischen Einstellung bei der kommunistischen Führung unbeliebt.

Schließlich wurde er Häuptling seines Stammes. In einer abenteuerlichen Unternehmung führte er sein ganzes Volk, das während der Stalinzeit von den Kommunisten zwangsumgesiedelt worden war, über 2 000 Kilometer zurück in die alte Heimat im hohen Altai.

Wie seine anderen Werke auch, erweist ihn sein Bericht als glänzenden Erzähler. In der Karawane erkennt man jedoch am besten seine Doppelbegabung, die ihn meines Erachtens als Hochbegabten ausweist: Er ist sowohl ein guter Anführer (ich bezeichne dies als »Vernetzung von Menschen«) als auch ein guter Erzähler (»Vernetzer von Informationen«).

Inzwischen ist Galsan Tschinag auch zum Schamanen geworden. Am 22. Dez 2007 trat er in der Talkshow 3nach9 des NDR als "Schriftsteller und Schamane" auf. Sehr beeeindruckend, wo er so nebenbei nicht nur der Moderatorin sehr kluge Anworten gab und über das "bewußt gewählte Datum des eigenen Todes" sprach, sondern die Moderatorin ganz praktisch mit einer Kurzmassage so ganz nebenbei von ihren Verspannungen im Bereich von Nacken und Schultern erlöste.

In einem neuesten Buch befaßt er sich mit seinem Vorfahren Dschingis Khan, den er vom Odium des Schreckensherrschers befreien möchte: Die neun Träume des Dschingis Khan




Bibliographie

Tschinag, Galsan: Die Karawane. (München 1997: A1 Verlag) TB Zürich 2003 (Unionsverlag)
ders.: Die neun Träume des Dschingis Khan.- Frankfurt am Main Jan 2007 (Insel _ gebundene Ausgabe). EUR 17,80


© 2007 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de