BÜHNE, INNERE

Hier wird der kreative Prozeß sichtbar





(Abb.: Corel Gallery)

 
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[2007-12-11 ok / ur 1994]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Das Konzept der Inneren Bühne


Grundmodell für meine Seminare ist das Konzept der Inneren Bühne. Dies wird folgendermaßen praktisch umgesetzt: Ich bitte zu Beginn einer Schreibsitzung die Teilnehmer, die Augen zu schließen und sich vorzustellen:

„Sie sitzen in einem Theater und schauen vor zur Bühne. Der Vorhang ist zunächst geschlossen; aber Sie ahnen bereits, daß sich dahinter einiges tut. Nun geht der Vorhang langsam auf. Kulissen werden sichtbar –

Was sehen Sie? Ist da eine Landschaft – im Gebirge – am Meer – oder in einer Wüste – Wo waren Sie das letzte Mal in einer Landschaft, die Sie beeindruckt hat?
Aber vielleicht spielt die Geschichte auch im Inneren eines Gebäudes –“

Nachdem sich die Vorstellung des Schauplatzes (Lokalkolorit) allmählich entfaltet hat, geht es weiter mit dieser Anweisung:

„Stellen Sie sich nun vor, daß jemand auf der Bühne erscheint. Ist es ein junger Mensch oder ein alter? Ein Mann oder eine Frau? Oder ist es gar kein Mensch?“
Wieder lasse ich Zeit, daß sich die inneren Bilder entfalten können.
„Nun erscheint eine weitere Figur … Wo immer sich zwei Menschen begegnen, kann es zum Konflikt kommen. Entweder haben sie gemeinsame Interessen, aber verschiedene Vorstellungen davon, wie diese sich realisieren lassen. Oder sie haben verschiedene Interessen – dann kommt es auf jeden Fall zum Konflikt …
Wie sieht dieser Konflikt aus? Um welche Interessen könnte es gehen?“



Konflikt ist die treibende Kraft jeder Handlung


Die Handlung entfaltet sich (Exposition nennt man das beim Theaterstück), sie treibt auf einen Höhepunkt zu, den Dramatischen Knoten. Irgendwie entkommt die Hauptfigur (der Held oder Protagonist) der beklemmenden Enge dieser Verstrickung. Er/sie besteht die Prüfung, überwindet das Hindernis. Oder scheitert daran.

Jedenfalls löst sich der Konflikt irgendwie auf (Lysis nennt man das). Schluß der Vorstellung unseres Inneren Theaters. Schluß auch der Kurzgeschichte, die sich da – wie ich annehme – entfaltet hat.

Es gilt noch, speziell den Anfang der Story und ihr Ende (die Pointe) sorgsam auszugestalten; sind diese doch für uns selbst als Autor wie für den potentiellen Leser Eingang und Ausgang des geistigen Gebäudes unseres Textes, die entsprechend einladend beziehungsweise abschiedgebend sein sollten. Jetzt muß das Ganze nur noch aufgeschrieben werden. Und dieser Rohtext seinen passenden Anstrich bekommen.



Bibliographie

Scheidt, Jürgen vom: "Viele Gestalten bevölkern die Innere Bühne". In: JvS: Kreatives Schreiben. (1989) Frankfurt am Main 1993 (Fischer TB) S. 106 -
ders..: "Das Konzept der Inneren Bühne". In: JvS: Kurzgeschichten schreiben. Frankfurt am Main 1995 (Fischer TB) , S.26 -


© 2007 / 2004 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de