ALCHEMIE DES SCHREIBENS

Aus Wörtern und Sätzen ein Buch destillieren



Als Athanor haben die Alchimisten der Renaissance ihre Retorte bezeichnet, in der sie aus Allerweltsmaterialien wie Blei das kostbare Gold oder gar den Stein der Weisen zu destillieren suchten. Es wurde dies stets als ein komplexes Geschehen mit zwei parallel ablaufenden Prozessen verstanden:
° einem materiellen Prozeß
° einem geistig-seelischen Prozeß

(Foto: jvs)

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[2007-11-26 wip / ur 1999-07-30]


((Autor: Jürgen vom Scheidt)


Inhalt
1. Der Athanor als geistige Retorte
2. Das Ziel: Erweiterung des Bewußtseins
3. Drei Schritte von den Notizen zum fertigen Buch
4. Eine Bemerkung zum Material...
5. Fünf Ziele verfolgt ein Buch-Projekt


Anfang 2003 begann ich hier auf der Website ein Schreib-Experiment: Ich schrieb mein neues Buch "DAS DRAMA DER HOCHBEGABTEN" gewissermaßen live auf unserer Website.

Aus verschiedenen Gründen mußt ich das Experiment abbreche. Es war mir nämlich zunehmend bewußt geworden, daß das Kreative Feld, das dafür nötig ist, sich zunehmend in die Arbeit an den anderen (rund 330) Seiten der Website verlagerte und die ganze Aufmerksamkeit dorthin abzog. Ich habe die tieferen Gründe in dem Beitrag KREATIVES FELD näher erläutert.

Um wieder in mein Buch-Projekt hineinzukommen, entschloß ich mich deshalb, die Arbeit an der Website (die jetzt ohnehin nahezu abgeschlossen ist) einstweilen weitgehend ruhen zu lassen und die Arbeit am Buch davon abzukoppeln. Was ich jedoch weiter machen werde, beschreibe ich etwas tiefer unter dem Titel
Drei Schritte von den Notizen zum fertigen Buch



1. Der Athanor als geistige Retorte


Als Athanor haben die Alchimisten der Renaissance ihre Retorte bezeichnet, in der sie aus Allerweltsmaterialien wie Blei das kostbare Gold oder gar den Stein der Weisen zu destillieren versuchten. Es wurde dies stets als ein komplexes Geschehen mit zwei parallel ablaufenden Prozessen verstanden:

° einem materiellen Prozeß (da wurde in der Retorte von den Alchimisten tatsächlich etwas geköchelt - wie später in den Labors ihrer Nachfolger, den naturwissenschaftlich orientierten Chemikern) und

° einem geistig-seelischen Prozeß (entsprechend einer Läuterung und Transformation des Adepten - heute würde man dies als Selbsterfahrung oder sogar als Psychotherapie bezeichnen).



2. Das Ziel: Erweiterung des Bewußtseins


Ziel der Alchimisten war es nicht unbedingt, materiell reich zu werden (durch Goldmachen, wie man ihnen gerne unterstellt hat), sondern im übertragenen, ideellen Sinne etwas zu gewinnen: eine Erweiterung des Bewußtseins.

Das Schreiben eines Buches ist ein ähnlicher Vorgang; nur sind hier geschriebene Wörter und Sätze das profane Material und das angestrebte Endprodukt. Naja, ein Stein der Weisen wird das fertige Buch selten sein. Aber auch bei der Olympiade wird ja bekanntlich die Teilnahme am Wettbewerb als das Wesentliche bezeichnet - und nicht unbedingt der Sieg eines einzigen Teilnehmers.


In diesem Athanor habe ich eine Weile (Okt 2001 bis Sommer 2003) gewissermaßen öffentlich, an meinem neuen Buch zur Hochbegabung gearbeitet. Der Arbeitstitel lautete: LATENTE TALENTE. Denn genau darum geht es mir: um die Förderung und Ermutigung von Talenten (die zum Beispiel ein Buch schreiben wollen).

Im Frühjahr 2004 ist mein Buch erschienen: "DAS DRAMA DER HOCHBEGABTEN"



3. Drei Schritte von den Notizen zum fertigen Buch


Ein Manuskript entsteht in mehreren Schritten:


LOGbuch
Im LOGBUCH läßt sich gewissermaßen die Entstehung des Rohstoffs verfolgen. Es ist sowohl Tagebuch wie auch Materialsammlung, Reflexion, Fragestellung, Spekulation - wenn auch all dies schon ein wenig gefiltert. (Ganz roh sollte man es anderen nun doch nicht zumuten).
[Eine Teilnehmerin in einer BÜCHER-WERKSTATT nannte diesen Teil Lock-Buch - denn genau dies ist auch eine seiner Funktionen: den Schreiber immer wieder zu seinem Stoff und Manuskript zu locken.)

TRANSformator
Aus dem Rohmaterial des LOGBUCHs entsteht nach und nach das MANUSKRIPT. Dieser Teil enthält zugleich Erfahrungen mit dem und Anregungen zum Bücherschreiben. Genau hier bin ich jedoch schon gescheitert - zu viel Energie floß in die übrigen Seiten der Website.

MANUskript
Im eigentlichen MANUSKRIPT sollte schon vieles buchmäßig überarbeitet sein.



4. Eine Bemerkung zum Material


Vor fast 20 Jahren legte ich meine ersten beiden Datenbanken an - ein Text-Archiv (um den Überblick über meine schriftlichen Produkte zu behalten) und einen Thesaurus, gewissermaßen mein privates Lexikon und Clipping-Archiv.

Der Thesaurus war zugleich der Start für das aktuelle Buch-Projekt. Davon wußte ich damals, 1985, allerdings noch nichts. Ich nannte das Vorhaben Projekt Homo futurus.

Es verging nicht nur viel Zeit - es bedurfte auch vieler beruflicher und privater Veränderungen (wirklich ein Prozess der Transformation wie in einer alchimistischen Retorte) -, bis ich endlich begriff, welches Thema da geboren werden wollte. Eine sechsteilige Feature-Serie 1980 im Bayrischen Rundfunk (aus der 1988 ein Taschenbuch im Herder-Verlag entstand) war mein erster Versuche, dieses gewaltige Thema in den Griff zu bekommen. Der Tenor der Serie war eher düster, pessimistisch.

Ein zweiter Anlauf war 1995 ein längerer Artikel in der Zeitschrift Psychologie heute, im Rahmen einer Serie über die Welt im Jahr 2050.

Etliche meiner früheren Bücher, etwa die über Rauschdrogen, über Träume und ihre Bedeutung, über Psychoanalyse, über das Kreative Schreiben, das Alleinleben, die Innenwelt-Verschmutzung - sie alle erweisen sich im Nachhinein als Teil-Projekte und Vorbereitungen des neuen Manuskripts.

Im Dezember 1999 legte ich eine weitere Datenbank an, speziell für das Material zu einem neuen Buch über Hochbegabung (auf das sich das Homo futurus-Thema inzwischen fokussiert hatte). In diese Datenbank übertrug ich einen Gutteil meiner handschriftlichen Notizen, die ähnlich wie im LOGBUCH beschaffen sind - also mehr oder minder roh. Diese Datenbank - mit derzeit mehr als 4000 Einträgen - dient vor allem zum Sammeln und Sortieren des Materials.



5. Fünf Ziele verfolgt dieses Buch-Projekt


Dieses geplante öffentliche Buch-Projekt im Internet (zur Vorgeschichte dieser Idee und der Anregung durch Thomas Riehm TageBuch IAK 1998 - 2000) sollte zwei Ziele verfolgen:

° Ein didaktisches Ziel ist es, daß die Teilnehmer meiner BÜCHER-WERKSTATT und des Langzeit-Kurses DEN ROTEN FADEN FINDEN) quasi life mit verfolgen können, wie so etwas vonstatten geht: ein Buch schreiben (wobei es nicht darum geht, diesen meinen Schreibprozeß gewissermaßen "1:1" nachzuahmen, sondern sich anregen zu lassen zu eigenen Buch-Schreib-Wegen).

° Ein sehr persönliches Ziel war es, mich durch die Öffentlichkeit dieses Projekts selbst ein wenig mehr als sonst "an die Kandare" zu nehmen und das Buch - nach all dieser Vorbereitungszeit - endlich in ein druckreifes Manuskript zu verwandeln. Dies hat sich zeitweilig gut bewährt: Von Anfang Februar bis September 2003 arbeitete ich nahezu jeden Tag daran und stellte am Abend die Aktualisierung ins Netz.

° Sollten drittens Besucher unserer Website angeregt werden, selbst so ein Buch-Projekt zu starten, wäre dies ein schöner Nebeneffekt. Thomas Riehm war darüber erstaunt, als er seine Vorbereitung für das Jura-Examen kontinuierlich ins Netz stellte, zu erleben, daß viele Kommilitonen sich seinem Projekt anschlossen. Es waren zeitweilig bis zu 4000, die diese neuartige Möglichkeit, für eine Prüfung zu lernen, quasi als Trittbrettfahrer nützten.

^Wenn viertens aufgrund dieses Projekts jemand Interesse an unseren Seminaren bekommt, freut mich das natürlich ganz besonders.

° Die Idee, daß fünftens und letztens auch noch Lektoren eines Verlages über diese Internet-Version Lust auf das fertige Manuskript bekommen könnten, erwies sich als blanker Unsinn. Kaum jemand - schon gar nicht vielbeschäftige Verlagsmitarbeiter - liest längere Manuskripte im Internet! Das ware auch nicht nötig, weil ich bald auf Interesse im Kösel-Verlag stieß, dem ich ganz konventuionell ein Exposé schickte. Inzwischen (seit März 2004) ist das Buch im Handel verfügbar - und inzwischen (Okt 2005) ist bei Piper sogar die - leicht überarbeitete -Taschenbuch-Ausgabe erschienen: TB "DAS DRAMA..." (Piper)"

Dieses Buch-Manuskript entstand, nach der oben beschriebenen Versuchs-Phase, auf ganz konventionelle Weise in einem WORD-Dokument. Vielleicht packe ich später wieder was ins Netz. Mal schaun.... (Einige kürzere Texte von mir finden Sie einige hier: KURZGESCHICHTEN JvS)


© 2007 / 1999 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de