Andreas Eschbach: "Ausgebrannt"

Angenommen, daß Erdöl geht schneller zuende . . .



. . . als gedacht. Was würde dann geschehen? Eschbach hat viel darüber nachgedacht und recherchiert. Hier ist seine spannende Erzählung dazu.

 
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[2007-08-12]


(Rezensent: Jürgen vom Scheidt)


* * * * * Fünf Punkte
(von sechs möglichen) auf meiner persönlichen Bewertungsskala.



Zwei logische Fehler des Autors vorweg:

° Kaum noch Saft in der Batterie, denkt der Protagonist Markus Westermann auf S. 534. Einige Monate später (das Mädchen Abigail ist schon sichtbar schwanger!) springt der Wagen problemlos an, als er für die Flucht aus der Überlebenskommune gebraucht wird.

° Nach dem schrecklichen Unfall, der den Roman eröffnet, und gesucht vom FBI, gelingt es Westermann, aus den USA nach Deutschland zu flüchten. Nicht lange danach kehrt er in die USA unbemerkt von den Grenzkontrollen wieder zurück. So etwas hätte vor dem 11. Sep 2001 vielleicht funktioniert. Ob es ihm danach noch gelungen wäre ( und der Roman spielt deutlich danach), wage ich stark zu bezweifeln.

Mit diesen beiden Prämissen steht und fällt eigentlich die Geschichte - und im Grunde müßte sie hier bereits doppelt scheitern.

Aber ich will nicht beckmesserisch sein: Der Roman hat ganz andere Verdienste, die ihn doch noch zu einer wirklich guten Erzählung machen - nicht zuletzt wegen des Themas "Endzeit Erdöl".



Was geschieht, wenn das Erdöl zuende geht?


Die normale Fiction (auf Englisch mainstream genannt) behandelt primär das Schicksal von einzelnen Individuen, ihre Beziehungen miteinander und - auf einer Binnenebene - ihre Beziehung zu sich selbst.

Die Autoren der Science Fiction hingegen interessieren sich darüberhinaus (oder sogar überwiegend) für das Schicksal der ganzen Menschheit. Wobei meistens, basierend auf einer neuen (natur)wissenschaftlichen Erkenntnis, eine bahnbrechende technische Veränderung zu Fortschritt und/oder Problemen führt.
Dieser Roman von Andreas Eschbach spielt nach meiner Schätzung etwa im Jahr 2020 (es gibt eine Kanzlerin - noch - oder schon wieder). Der technische Aspekt: Die Ölvorräte gehen schneller zuende als geahnt. Das Erdöl ist also gewissermaßen die Hauptperson in dieser Geschichte.
[So wie in H.W. Frankes Flucht vom Mars eigentlich der Planet Mars die Hauptfigur ist.]

Dies ist ein utopischer Roman im besten Sinne - und m.E. einer der besten in neuerer Zeit dazu. Denn er bewirkt im Leser (jedenfalls in mir) einen heilsamen Schock: Das beschriebene Szenario handelt ja nicht in ferner Zukunft auf einem fremden Planeten - es steht uns unmittelbar bevor, könnte sogar mich selbst noch treffen: Daß das Heizöl knapp wird, daß (fast) keine Autos mehr fahren. Unsere ganze Zivilisation hängt in einem Ausmaß an diesem Öl, daß man wirklich nur noch den Vergleich mit einem Alkoholiker und seinem Suchtgift zur Veranschaulichung wählen kann.

Eschbach ist geradezu bösartig in seiner Aufdeckung dieser Suchtmechanismen: die "bösen" spritfressenden und umweltverpestenden Autos und die "noch schlimmeren" Flugzeuge sind ja nur ein Teil dieser Krankheit. Diese Wahrheit haut der Autor einem nicht um die Ohren, sondern läßt sie gewissermaßen leise anschleichen. Nur wenn man es sehen will, sieht man es.

Ein guter Freund von mir, der sein ganzes Arbeitsleben lang im Ölgeschäft tätig war, meint zwar, daß das Öl sicher noch weit länger reichen werde, als Eschbach annimmt. Aber daß es irgendwann inden kommenden Jahrzehnten zuende geht, steht auch für ihn außer Frage.

Jedenfalls handelt es sich, bei aller spannenden Unterhaltung, um ein letztlich sehr verstörendes Buch und - nicht zuletzt was diese aufrüttelnde Wirkung angeht - um Eschbachs zweitbestes (nach Eine Billion Dollar.

Das Schlimme dabei ist zugleich das Gute (und das hat wohl so manchen Leser "enttäuscht"): Es ist kein Happy-end in Sicht. Was am Schluß der Erzählung in dieser Richtung angedeutetet wird, ist zugleich der eigentliche Hammer: Es könnte alles noch viel schlimmer werden!

Zitat: "Aber so fängt es immer an. Klein und harmlos."

Was einen stören könnte an dieser Handlung, ist die Häufung von Zufällen. Aber das kann man Eschbach nachsehen - schließlich ist in so einem Roman ja ohnehin alles erfunden. Und die Zufälle sind nicht völlig unlogisch, sondern durchaus nachvollziehbar.

Und noch eine kleine Korrektur: An einer Stelle mokiert sich Eschbach darüber, daß 60% der international veröffentlichten Publikationen zum Thema Steuerrecht in Deutschland erschienen seien. Das ware mal so. Neuester Stand (2006) lt. meinem Steuerberater: es sind 85 %.



Man kann Eschbachs Roman "Ausgebrannt" auf verschiedene Weisen lesen. . .


. . ., beurteilen und rezensieren:

° als Lust-Leser

° als Eschbach-Fan

° als Alles-Fresser

° als Autoren-Kollege, der handwerklich dazulernen möchte: bewundernd (auch neidisch auf den Erfolg) und lernbegierig

° als Möchtegern-Autor.

Wenn man gerade selbst über einem Roman brütet, fragt man sich natürlich: Wie hätte man was anders erzählen können? Aber das ist müsig. Eschbach hat es so erzählt, wie man es nun in seinem Roman liest.

Egal, wie man diesen Thriller liest: Man wird schon beim Kauf (oder schon lange davor) eine irgendwie geartete Beziehung zum Autor (und damit zu seinem Werk) haben, die unvermeidlich in die Lektüre einfließt. .

All dies fließt natürlich auch in eine Bewertung und Rezension ein. Wenn man den Autor und seine Werke mag, wenn man gar Fan von ihm ist (weil seine Bücher einem wertvolle anregungen gegeben haben), dann wird man anders lesen und kritisieren als wenn man Probleme mit ihm oder seinen Themen hat. Man wird enger in den kritischen Möglichkeiten - oder weiter. Bei andreas Eschbach habe ichdie Lektüe bisher stets als Erweiterung meines Horizonts erfahren.



Weitere Eschbach-Besprechungen resp. -Empfehlungen hier auf der Website:


Eine Billion Dollar

"Der Letzte seiner Art"

"Der Nobelpreis"

Das Jesus-Video

Exponentialdrift



Bibliographie

Eschbach, Andreas: Die Haarteppichknüpfer. (Mü 1995_Schneekluth) München 1998 (Heyne)
ders.: Solarstation. (1996) Bergisch-Gladbach 2003 / 4. Aufl. (Bastei Lübbe)
ders.: Der Letzte seiner Art. Bergisch-Gladbach 2003 (Lübbe)
ders.: Das Jesus-Video. (1998) Bergisch-Gladbach 2001/12. Auflage TB (Lübbe)
ders.: Kelwitts Stern. (1999) Bergisch-Gladbach 2005 / 4. Aufl. (Bastei Lübbe)
ders.: Eine Billion Dollar. Bergisch-Gladbach 2001 (Lübbe)
ders.: Quest. (2001) München 2003 / 7. Aufl. 2003 (Heyne)
ders.: Exponentialdrift. Bergisch-Gladbach 2003 (Bastei Lübbe)
ders.: Der Nobelpreis. Bergisch-Gladbach 2005 (Lübbe)
ders.: Ausgebrannt. Bergisch-Gladbach 2007 (Lübbe)


© 2007 bei Jürgen vom Scheidt / Quelle: Website "www.hyperwriting.de"