Alfred Döblin: "Hamlet, oder: Die lange Nacht nimmt ein Ende"

Irrsinn des Krieges samt Folgen



Ein total überschätztes Alterswerk kann sehr lehrreich sein - wenn man selbst schreibt.

 
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[2007-09-24 wip / ur 2007-08-07]


(Rezensent: Jürgen vom Scheidt)


Als dieser Roman 1956 erschien, überschlugen sich die Rezensenten in den Feuilletons der großen Zeitungen förmlich. Vom "Meisterwerk" (Walter Muschg, Basel) war die Rede, die Südd. Zeitung begrüßte ihn als literarische Sensation" und die Welt sprach gar von einem "Wunder von einem Roman", die FAZ jubelte: "Dies Meisterwerk ist heiter, bunt und wahr - und außerdem noch so schwer an Pathos wie das Leben."

Das mit dem Pathos stimmt immerhin. Ich habe diesen Roman 50 Jahre später gelesen - nein: Ich habe mich buchstäblich durchgequält, und kann nur feststellen: Alles nur eitles Rezensentengeschwätz. Warum sagte damals niemand: "Der Kaiser trägt nur bunte Kleider (sprich. früheren Autorenruhm) - darunter ist er in Wahrheit nackt!" ?

Liegt das vielleicht daran, daß man den Roman damals anders las als ich heute, im Jahr 2007?

Nein. Der Roman ist stellenweise brillant, gar keine Frage. Vor allem das furiose Anfangskapitel mit dem Kamikaze-Überfall eines japanischen Fliegers auf ein Kriegsschiff der Briten und dessen grauenhafte Folgen ist großartige expressionistische Prosa, konzentriert und erschütternd in seiner Wahrhaftigkeit. Und die Geschichte einer Mutter, die im Jahr des Kriegsendes durch Paris irrt und vergeblich ihren Sohn unter all den von den Fronten zurückflutenden Kriegsheimkehrern sucht, ist in all ihrer Verzweiflung ein kleines Meisterwerk, das die Lektüre des Romans beinahe zum lohnenden Unterfangen macht.

Doch allese übrige ist schlecht zusammengestopselt und zum Großteil (!) in einem grauenhaft schlechten Deutsch geschrieben, am Schluß, ab S. 500, nichts anderes als religiöser Kitsch. Das war schon 1956 nicht anders, als es auf den heutigen Leser wirkt.

Die Kardinalsünde Döblins ist jedoch, daß er langweilig schreibt, sich keinen Deut um Spannungsaufbau kümmert und seine Leser als Projektionsfläche für seinen persönlichen Autorentrip mißbraucht.

Kein Wunder, daß in Klaus Schröters Döblin-Monographie dieser Roman nur mit wenigen, noch dazu sehr zurückhaltend vaguen Zeilen erwähnt wird. Döblins Meriten müssen also in seinen anderen Werken begründet sein - vor allem wohl in Berlin Alexanderplatz . Anders kann ich mir den großen Einfluß des Autors auf Bert Brecht und Günter Grass nicht erklären (letzterer gründete sogar eine nach Döblin benannte Stiftung). Und anders ist auch die sehr positive Einschätzung von Döblins Rolle als Autor für das 20. Jahrhundert im Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Kunisch 1981) nicht zu erklären.

Auf dem Hamlet . . . kann sich dieser Ruhm jedoch keinesfalls gründen.



Aber warum befasse ich mich überhaupt mit diesem Roman?


Warum habe ich mich durchgequält, obowlh ich ihn nach jedem Kapitel am liebsten in den Papierkorb geworfen hätte? Währen dich parallel dazu den neuen Harry Potter and the Deathly Hallows" von Joanne K. Rowling geradezu verschlungen habe und gar nicht erwarten konnte, anderntags weiterzulesen?

Als ich auf der letzten Seite vom Hamlet . . . angelangt war, hatte ich immerhin eine Menge gelernt:

° nämlich was man als Autor keinesfalls machen darf

° während ich bei der Rowling jede Menge dazugelernt hatte, wie man es als Autor anstellen muß, seine Leser bei der Stange zu halten.



Ein Lehrstück in Sachen: Rezensenten und ihre Besprechungen


Auf jeden Fall ist dieser Roman von Döblin ebenso wie der von Rowling ein Lehrstück in Sachen "Rezension". Da wird noch imme die erfolreiche U(nterhaltungs)-Literatur spöttisch abgebürstet oder völlig ignoriert - während die E(rnsthafte) Literatur, eben so ein Döblin-Wälzer, schon von Haus aus zumindest auf dem Tisch des Rezensenten landet, während ein Taschenbuch, oder ein Roman aus einem kleineren Verlag keine Chance hat.

Klar: Selbst dieFeuilletons der großen Tageszeitungen können jährlich nicht einmal ein halbes Prozent des Ausstoßes der deutschen Verlage von rund 90.000 Titeln berücksichtigen. Klar auch, daß jemand wie Döblin, der fraglos seine Meriten hatte, auch bei einem schwächeren Werk Beachtung findet. Und klar ebenso, daß ein Welt-Bestseller wie Harry Potter . . . wegen des Sensationseffekts des gigantischen Erfolgs news ist.

Aber alles in allem ergibt sich doch ein höchst fragwürdiges Bild von Literatur. Wie man übrigens sehr anschaulich auch in meiner HALLE DES SPÄTEN RUHMS (Rotten Rejections) ablesen kann.


Bibliographie

Döblin, Alfred: Berge, Meere und Giganten. (1924). München 1980-11 (dtv TB)
Döblin, Alfred: Hamlet, oder: Die lange Nacht nimmt ein Ende. (Berlin 1956 _ Rütten & Loening). München 1958 (Langen Müller).
Kunisch, Hermann (Begr.): Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. München 1981 (Nymphenburger)
Rowling, Joanne K.: Harry Potter… and the Deathly Hallows. London 2007 (Bloomsbury)
Schröter, Klaus: Döblin.. Reinbek 1978-05 (rowohlt bild monographien)


© 2007 bei Jürgen vom Scheidt / Quelle: Website "www.hyperwriting.de"