DENGLISH (eine Verteidigungsrede)

Ich liebe die englische Sprache und benütze gerne Anglizismen



Manchen Lesern meiner Bücher bereitet dieses "DEnglish" Bauchgrimmen. Vor allem im "Drama der Hochbegabten", ich gebe es zu, habe ich da gelegentlich übertrieben. Da mir an der deutschen Sprache sehr viel liegt, kann ich diesen Ärger gut verstehen. Aber ich habe auch meine Gründe, wenn ich das eine oder andere Wort der englischen Sprache (oft in ihrer amerikanischen Variante) benütze - wo ein deutsches Wort meistens (meistens!) ebenfalls möglich wäre.

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[2011-05-08 wip / ur 2007-07-01]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Mit dem Denglish ist es so eine Sache. Ich liebe die englische Sprache, habe schon als Schüler viele Bücher englische Originale gelesen und "denke" immer wieder auch englisch, schreibe manche Passagen für mich auch in Englisch - speziell wenn mir auf Deutsch - zunächst - die "passenden Wörter" fehlen. Und Sie dürfen mir glauben, daß mein deutscher Wortschatz enorm umfangreich ist (nachzuprüfen in mehr als 30 Büchern und unzähligen anderen Veröffentlichungen). Im Buch sollte das natürlich nicht so häufig vorkommen. Wenn ich dort englische Wörter benützt habe, dann aus einem oder mehreren von diesen drei Gründen:



1. Es gibt keine - oder zumindest keine brauchbare - Übersetzung . . .


. . . - oder das Original ist gut eingeführt.
Beispiel: creative writing. Natürlich gibt es die 1:1 Übersetzung Kreatives Schreiben. Aber im deutschen Sprachraum versteht man darunter etwas (ein wenig) anderes. Ich habe auch die Weiterentwicklung HYPERWRITING zu verantworten, die ich selbst eingeführt habe und die sich nun wirklich nicht sinnvoll übersetzen lässt. Denn das hyper (aus dem Griechischen übrigens) in Verbindung mit dem writing soll ja gerade die Weiterentwicklung aus creative writing anzeigen - und zugleich hinweisen auf die Bedeutung von Hypertext für diese Art zu schreiben. Letzteres wiederum ist schlichtweg nicht zu übersetzen und abgesehen davon seit den 1965Jahren bei uns eingeführt im Sinne von "durch Hyperlinks verknüpfte Texte".

(Selbstkritische Anmerkung: Begriffe aus zwei verschiedenen Sprachräumen miteinander zu verknüpfen - wie das griechischstämmige hyper mit dem englischstämmigen writing ist zugegeben ein sprachlich zumindest sehr fragwürdiges Unterfangen; aber manchmal macht es durchaus Sinn. Abgesehen davon ist es im akademischen Bereich längst gang und gäbe, speziell bei den Naturwissenschaftlern.)

Und wie soll man wiederum Hyperlink übersetzen?

Der Computer heißt bei uns korrekt auch Rechner. Aber so ziemlich jeder weiß dann, dass der Mensch, der diesen Ausdruck benützt, mit der Firma Siemens zu tun hat - sonst benützt kaum jemand diesen veralteten Ausdruck. Ich übrigens schon - der Abwechslung halber - siehe unten. Ähnlich ist es mit dem Brain Spot und dem BrainSpotting. Das ist ein von mir in die Welt gesetztes Sprachspiel, anknüpfend an das im Englischen verbreitete Train Spotting - was man nicht übersetzen kann, ohne sich total zu verrenken ("Züge ausmachen" o.ä.?) Das Englische hat nun einmal in manchen Bereichen mehr Sprachwitz. Und ein Brain Spot - also, wie soll ich das denn übersetzen, ohne dass es im Deutschen noch bescheuerter klingt: "Gehirn-Schau"?

So könnte ich mich noch endlos weiterverteidigen, will ich aber nicht.



2. Englische Wörter benütze ich auch gerne der Abwechslung halber


Man vergleiche das obige Beispiel creative writing in Abwechslung zu Kreatives Schreiben.



3. Ich wollte mit meinem Buch auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen . . .


. . . deren Wortschatz inzwischen noch weit mehr mit Anglizismen gespickt ist, als es meiner war / ist. Wir haben als Fans (ups - schon wieder) - als Freunde also von Jazz und Science Fiction (beides unübersetzbare amerikanische Wörter - Science Fiction ist nicht identisch mit "Zukunftsroman" oder "Utopischer Roman" - denn diese Begriffe beziehen sich nur auf die deutsche bzw. europäische Tradition vor den 50er Jahren - mit Hans Dominik etc.)

Also: Wir hatten als Schüler in den späten 50er Jahren und danach als Studenten in den 60er Jahren ein großes Faible - nein, das ist jetzt Französisch, also: eine große Vorliebe für englische Vokabeln und Begriffe, trugen Blue Jeans, hörten den amerikanischen Soldatensender "AFN" (auf englisch natürlich), schlossen Freundschaften mit Amerikanern, schätzten die amerikanische Kultur sehr hoch (bis der Vietmankrieg diese "Liebe" sehr auf dei Probe stellte - aber das ist ein anderes Thema). Diese Anglizismen drückten unser Lebensgefühl aus, das nun einmal ein sehr amerikanisches war.

Danach ging es auf der Uni mit original amerikanischer Fach- und Prüfungsliteratur zur Psychologie und Soziologie et cetera (na endlich: mal was Lateinisches) weiter. Die mussten wir zum Teil im Original lesen, weil sie nicht übersetzt war.

Das prägt einen Menschen, auch sprachlich.

(Englisch hat mir übrigens in den ersten Ansätzen mein Vater als Siebenjähriger beigebracht - einer unserer wichtigsten Berührungspunkte. Mein Vater war ein sehr sprachkundiger Mann: Englisch, Französisch, Latein, in Ansätzen auch Spanisch, Italienisch).

Ich bin ganz der Meinung meiner Kritiker, dass man dieses Gewürz der Anglizismen vorsichtig und sparsam verwenden sollte - und da bekenne ich mich durchaus schuldig, dass ich gelegentlich übers Ziel hinausgeschossen bin.

Musste ich z.B. Tool sttat Werkzeug schreiben?

J-ein. Tool ist eben - heutigentags - etwas anderes als Werkzeug, weil es speziell aus der Computer-Sparte kommt und mehr so etwas wie "geistige Werkzeuge" meint.



Die deutsche Sprache ist etwas ungemein Lebendiges


Sie wird auch diese Anglizismen-Attacke des DEnglish überstehen, so wie sie die französische, die lateinische, die griechische, die jiddische, die arabische (!! Kaffee, Amulett, Talisman . . . ) überstanden hat. Inzwischen rollt ja neu die Türkische Attacke (ich liebe die türkische Sprache, die ich als Student und Reiseleiter in die Türkei mal in Ansätzen gelernt habe: bülbül - die Nachtigall - was für ein wunderschönes Wort - tamam = okay bzw. ist in Ordnung - der kösk = unser vertrauter Kiosk . . . )

Anglizismen-Attacke - zwei aus dem Französischen übernommene Begriffe (oder stammt Anglizismus aus dem Lateinischen?). . .

Sollen wir ciao und Servus aus unserem Sprachschatz entfernen, weil sie italienischen resp. österreichischen Urspungs sind? ("resp." = respektive - wieder so ein nichtdeutsches Wort - also: "beziehungsweise" oder "bzw.")

Ich bin seit vielen Jahren mit einer Deutschschweizering verheiratet und inzwischen geistern natürlich unzählige schwitzerdütsche Begriffe und Wendungen durch mein Bewusstsein, meine Sprechweise -

Wenn wir alles - scheinbar - Nichtdeutsche aus unserer Sprache entfernen - bleibt nicht viel übrig! Das ist genauso wie mit dem genetischen Mischmasch, aus dem inzwischen so ziemlich alle Völker bestehen.

Anmerken möchte ich noch, dass ich zwei Bücher meines Hausnachbarn und Fernseh-Journalisten Franz Stark über Herkunft und Bedeutung der deutschen Sprache sehr genau studiert habe und sehr empfehlen kann: weil sie - fern jeder Deutschtümelei und ohne Abgrenzungsängste gegenüber anderen Sprachen - die Liebe für das Deutsche in sehr klarem Vergleich mit anderen Sprachen herausarbeiten, auch auf hochaktuelle und äußerst interessante politische Aspekte eingehen (Deutsch in der EU - ein Trauerspiel erster Ordnung!) - siehe unten Bibliographie.



Inhalt und sprachliche Verpackung


Ich kann das Bauchgrimmen der sprachkritischen Leser meines Buches, wie erwähnt, durchaus nachvollziehen. Meine Bitte ist in diesem Falle jedoch stets, vor allem Gewinn aus den Informationen zu ziehen, die mein Buch transportiert - pardon: befördert.

Die sprachliche Verpackung ist schon auch wichtig. Ich respektiere die Abneigung gegen das Denglish, teile sie sogar, wenn auch in Maßen. In der Werbung nervt es mich ungeheuer, weil es da wirklich - fast - nichts zu suchen hat. Aber ein Buch mit 420 Seiten verträgt da, denke ich, schon einiges.


Bibliographie Literatur
Stark, Franz: Faszination Deutsch. Die Wiederentdeckung einer Sprache für Europa. München 1993 (Herbig)
Ders.: Sprache - "sanftes" Machtinstrument in der globalen Konkurrenz. Paderborn 2007 (IFB Verlag)


© 2011 / 2007 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt/ IAK München: www.hyperwriting.de