Andrea Brackmann: "Ganz normal hochbegabt"

Vom schwierigen Leben als erwachsener HB



Viele wissen es nicht einmal, daß sie überdurchshcnittlich talentiert sind - andere halten sich trotz überdurchschnittlicher Leistungen für Hochstapler.
In diesem Buch kommen Betroffene mit selbst geschriebenen Lebensläufen zu Wort, welche die Autorin fachkundig kommentiert und interpretiert.

 
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[2007-08-13 ok / ur 2007-04-08 ]


(Rezensent: Jürgen vom Scheidt)


* * * * * * Sechs Punkte
(von sechs möglichen) auf meiner persönlichen Bewertungsskala.




Hochbegabung ist ein sehr komplexes Gebilde - vielschichtig, mit einer Fülle von Bedeutungseben. Zugleich ist die Materie hochabstrakt: "Hochbegabt ist, wer einen IQ von 130 und mehr Punkten in einem der etablierten Intelligenz-Tests erzielt. Das betrifft rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung."

Zudem besteht ein großes Problem, das erst allmählich ins Bewußtsein der mit dem Thema Befaßten vordringt (das betrifft allen voran die Eltern hochbegabter Kinder wie auch sie selbst, dann Psychologen, Lehrer und nicht zuletzt die Bildungspolitiker):

Wahrscheinlich der größere) Teil der Hochbegabten hat kaum, bis keine Ahnung von ihren Talenten - ja weist diese Möglichkeit, hochbegabt zu sein, nicht selten weit von sich:

"Ich bin doch nicht hochbegabt!" lautet so ein Standardsatz.


Wie kann man nun den Betroffenen und den an ihrem Wohl Interessierten vermitteln, wie sich das eigentlich äußert und nicht zuletzt auch anfühlt: Hochbegabung? Da gibt es im Grunde nur zwei taugliche Hilfen:

1. Merkmals-Kataloge (bei denen man gewissermaßen Punkte sammeln kann)

2. Fall-Studien.



Die Betroffenen kommen selbst zu Wort


Andrea Brackmann hat den zweiten Weg gewählt (der natürlich in gewisser Weise einen Merkmals-Katalog einschließt). Sie hat jedoch zunächst nicht den Blick der Expertin "von außen" auf das Phänomen gerichtet, sondern läßt Betroffene selbst zu Wort kommen.

Aus diesen Lebensgeschichten - manche gut verlaufen, manche schlecht bis tragisch, alle jedoch ausgesprochen unorthodox - erschließt sich ein äußerst buntes Panorama dessen, was Hochbegabung sein kann, wie sie sich äußert und was der Mensch, der mit diesem großartigen Potenzial auf die Welt kam, daraus gemacht hat.

Was aus diesen zwölf (selbst verfaßten) Lebensabrissen immer wieder durchschimmert, ist die Bestürzung der Betroffenen, wenn sie erstmals von ihrer Hochbegabung erfuhren, ja wie sie diese Auskunft geradezu als Zumutung von sich wiesen. Am eindrucksvollsten fand ich die Geschichte der Mutter, die sich hingebungsvoll mit den Problemen ihrer hochbegabten Kinder in der Schule befaßte - bis sie endlich von einer Expertin den Tipp bekam, doch erst mal die eigenen Talente anzuschauen und zu entwickeln. Und siehe da: Je besser die Mutter zurechtkam - umso besser ging es auch den Kindern!

Geschickt interpretiert und kommentiert die Autorin diese Lebensläufe (die sich manchmal wie richtige Lebensbeichten lesen) mit dem Blick der Fachfrau, die sich seit vielen Jahren auf die therapeutische Arbeit mit hochbegabten Erwachsenen spezialisiert hat.

Frau Brackmann hat zwei Jahre zuvor schon ein anderes Buch zum Thema vorgelegt, das für viele Leser (auch für mich selbst) zu einem wahren eye opener wurde: Jenseits der Norm.
Mit ihrem neuen Buch schließt sie einmal mehr die Lücke

° zwischen den abstrakt formulierten, statistikgespickten Untersuchungen aus dem akademischen Bereich

° und den reinen Fallgeschichten (zu denen man übrigens unzählige Künstler- und Schriftsteller-Biographien zählen kann).



Sich fühlen wie ein Hochstapler


Ein Detail möchte ich noch herausgreifen, in dem sich so manche Leser wiederfinden werden: daß man sich gerade da, wo man eigene Spezialfähigkeiten erfolgreich einsetzt (und viele müssen diese autodidaktisch entwickeln, weil Elternhaus, Schule, Universität sie nicht darauf vorbereitet haben!) - daß man sich gerade da, wo man gut ist oder gar brilliert - für einen Hochstapler hält.



Bibliographie Literatur

Brackmann, Andrea: Jenseits der Norm - hochbegabt und hoch sensibel? Stuttgart 2005 / 2. Aufl. (Klett-Cotta)
diess.: Ganz normal hochbegabt: Leben als hochbegabter Erwachsener. Stuttgart 2007 (Klett-Cotta)



© 2007 bei Jürgen vom Scheidt / Quelle: Website "www.hyperwriting.de"