VOM TRAUM ZUR DICHTUNG

Wie aus Träumen Texte entstehen



In den Träumen öffnen sich uns Welten des eigenen Inneren, die für gewöhnlich verschlossen sind.

Die Dichter hat es deshalb schon immer gereizt, in diesen nächtlichen Produkten sich selbst und dem Unbewußten nachzuspüren und Texte daraus zu gestalten. Heute muß man dazu nicht mehr unbedingt Dichter sein, denn Träumen und Schreiben sind zwei sehr verwandte kreative Tätigkeiten und schreibend können wir uns ihrer gemeinsamen Quelle nähern.

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[2019-03-20 wip / ur 2003-04-23]


(Autor:Jürgen vom Scheidt



20. März 2019 (23. Juni 2010)
Der dickleibige Roman Der Schwarm von Frank Schätzing wurde 2004 zu einem erstaunlichen Bestseller mit (bis Feb 2005) über 200.000 verkauften Exemplaren.
Der Autor hat verschiedentlich betont, daß sein Buch die Entstehung einem lebhaften Albtraum verdankt.
(s. auch meine Kurzrezension hier auf der Website: Frank Schätzing: "Der Schwarm")

(Weitere Details am Schluß dieses Beitrags: Hier klicken)



Inhalt dieses Beitrags
1. Träume gelten zur Zeit bestenfalls als eine Art Rohstoff ...
2. Blaue Blume der Romantik
3. Eigene Traum-Erfahrungen
4. Zugang zur Kreativität im eigenen Unbewußten
5. Träumen und Schreiben ähneln sich
6. Der Traum als Drama
7. Vom Traum zur Dramatischen Skizze
8. Die Lösung des dramatischen Knotens
9. Novalis Traum von der Blauen Blume
10. Auf doppelte Weise verschachtelt
11. In der Traumstadt Perle
12. Zauberberg und visionäre Reise
13. Die kürzere literarische Form wird häufiger verwendet
14. Anais Nin, Thomas Mann, Alfred Kubin
15. Traum-Protokolle der Dichter
16. Italienisches Traumbuch
17. Begräbnis des Naturlyrikers
18. Spiegel im Spiegel
19. Vom Traum zum Märchen
20. Das rote Schlauchboot
21. Auch Poesie kann man träumen
22. Der Tod ist eine Ameise
23. Ein Gedicht entsteht
24. Ein zweites Leben
25. Gerard de Nervals "Aurelia"
26. Träume in Leben und Werk Gerhart Hauptmanns
27. Steven King und die Albträume
28. Ein Albtraum wird zu einem Bestseller: Schätzings "Der Schwarm"
_Bibliographie



1. Träume gelten zur Zeit bestenfalls als eine Art Rohstoff ...


... für Schlafforscher und Psychotherapeuten, oder als Einleitung für ein Gespräch beim Frühstück, wo man dann beiläufig fragt:
"Weißt du, was ich heute Seltsames geträumt habe -"
Das war schon einmal anders. Träume waren vor allem für die Dichter eine unerschöpfliche Quelle tiefster Inspiration. Dieses Kapitel Vom Traum zum Text will solchen Dichtern nachspüren und zeigen, wie sie die Produkte des Schlafs, also ihres Unbewußten, umformen in die Produkte ihrer - sehr bewußten - Tageswerke.



2. Blaue Blume der Romantik


So ist die Romantik kaum denkbar ohne den Traum von der Blauen Blume des Novalis in seinem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen; der Traum leitete diese nicht nur literarisch bedeutsame Epoche gewissermaßen ein und gab ihr das bekannteste Symbol : eben die Blaue Blume (der Romantik).
Aber auch Goethe, Jean Paul, Franz Kafka, Hermann Hesse, Robert Louis Stevenson, Thomas Mann (im Zauberberg) und - in unseren Tagen - Martin Gregor-Dellin (mit seinem Italienischen Traumbuch) sind Zeugen für den auch literarischen Nutzen der Träume.
Daß die Träume auch weniger ambitionierten Autoren wichtige Anregungen für das Schreiben geben können, werde ich später noch zeigen.



3. Eigene Traum-Erfahrungen


Aber wie kam ich überhaupt auf die Idee, mich mit diesemThema zu befassen? Da ist zunächst die eigene Erfahrung mit Träumen. Schon als Jugendlicher schrieb ich den einen oder anderen Traum auf, gerade weil mich das Rätselhafte an ihnen reizte; nicht zuletzt wohl aber auch deshalb, weil ich bemerkte, daß so mancher meiner Träume wie eine Geschichte, ja wie ein kleiner Film gebaut war, wenngleich manchmal in recht wirrer und abrupter Szenenfolge. Aber daß man da was daraus machen könnte, in literarischer Hinsicht nämlich - das dämmerte mir schon damals, vor fünfzig Jahren.
Während des Studiums verlor ich die Träume und auch das (schriftliche) Geschichtenerzählen zeitweilig aus den Augen. Bis ich in den 60er Jahren bei der Lektüre von Alfred Kubins Roman Die andere Seite, dann wieder in Hermann Hesses Morgenlandfahrt und immer öfter auch bei anderen Autoren Träume entdeckte - mitten in ihren Erzählungen.



4. Zugang zur Kreativität im eigenen Unbewußten


Ein eigener Traum, den ich kurz schildern möchte, war es dann, der mich veranlaßte, diesen Zusammenhängen von Traum und Text gezielter nachzuspüren. Ich träumte Folgendes:

Vor einem Gebirge. - Ich beobachte einen Mann, der sich auf einem Hochplateau in einiger Entfernung von mir befindet. Ich selbst stehe offenbar auf der anderen Seite des Tals oder der Schlucht. Plötzlich lösen sich an den Hängen hinter ihm Felsbrocken, von links und rechts stürzen Geröll-Lawinen auf ihn zu.
Der Mann rennt davon, in meiner Richtung. Dabei gerät er an den Rand des Plateaus, von dem aus es zwar tief nach unten geht - aber der Sprung kann, wie ich deutlich sehe, gewagt werden, denn unten ist sicherer Grund. Es gibt auch gar keine andere Wahl, denn das Geröll droht den Mann einzuholen und zu erschlagen. Wenn er springt, so weiß ich, hat er eine Chance. Also rufe ich ihm zu:
„Spring doch! Spring!“

Ich weiß noch, daß ich aus dem Traum aufwachte mit dem sicheren Gefühl: Dieser Mann, den diese Geröll-Lawinen bedrohen, wird gerettet werden. Noch wichtiger aber war mir, daß ich spürte : Dieser Traum will mir etwas ganz Wichtiges sagen.
Aber was ?
Ich arbeite seit vielen Jahren mit der von Sigmund Freud um 1895 entwickelten Methode, Träume zu entschlüsseln, und bin dabei stets fündig geworden. Freud empfiehlt (wie ich in meinem Buch Geheimnis der Träume an vielen Beispielen zeige, zu jedem Detail des Traums, das einem wesentlich erscheint, die Erlebnisse niederzuschreiben, von denen dieses Detail herrühren könnte. Zu den Geröll-Lawinen meines Traums fiel mir zwar kein eigenes Erlebnis ein; aber ich hatte kurz zuvor in einer Schweizer Zeitung über einen schrecklichen Felssturz gelesen.
(Den autobiographischen Anteil gibt es sicher auch: Wer fühlt sich nicht ab und an von den Ereignissen des Lebens wie von einer bedrohlichen Lawine überrollt!)
Ich probierte auch an anderen Details des Traums in ähnlicher Weise ein wenig herum, merkte jedoch bald, daß ich zu dieser psychologischen Art des Traum-Entschlüsselns diesmal keine Lust hatte.

Hingegen kam mir plötzlich die Idee zu einem Märchen. Und in diesem Märchen, das später den Titel Die Abenteuer des ängstlichen Kaufmanns bekam, fand der Traum an zentraler Stelle seinen passenden Platz.
Ich möchte noch ergänzen, daß mir erst nach der Beendigung meines Märchens plötzlich jene Zusammenhänge aufgingen, die da mit meiner Lebensgeschichte bestanden.
War das Märchen nun der notwendige Umweg zur Selbsterkenntnis - oder war das Niederschreiben dieses Märchentextes nicht viel mehr der eigentliche Weg dieser literarischen Bewußtseinserweiterung ? Diese Frage hat mich schon oft beschäftigt. Ich habe sie für mich so beantwortet : mit dem Märchen DER TOD DES ZAUBERERS



5. Träumen und Schreiben ähneln sich


Bereits das Träumen ist offensichtlich ein intensiver Prozeß der Selbstklärung, bei dem älteres und uraltes biographisches Material, bei dem unerledigte Geschäfte,Schuldgefühle, Ängste und Hoffnungen aus Kindheits- und Jugendtagen verarbeitet und - meist hochverdichtet, verfremdet und verrätselt - im Traum selbst dargeboten werden. Der Traum (genauer : die Erinnerung an den Traum), erzählt oder aufgeschrieben, muß dann vom Träumer oder vom Zuhörer beziehungsweise Leser nachverarbeitet werden, um den Sinn des Geträumten zuverstehen.
Wie dies im einzelnen geschieht, weiß kein Mensch genau; darüber gibt es nur Vermutungen. Wer sich jedoch mit dem Wesen des kreativen Prozesses beim Schreiben näher befaßt hat, wird sofort erkennen, daß dabei im Grunde Ähnliches, wenn nicht gar dasselbe geschieht wie beim Träumen. Jedenfalls scheint dies beim Verfassen von Texten mit eher literarischem Anspruch so zu sein:
ø Da wird biographisches Material erinnert und durchgearbeitet;
ø dieses wird verdichtet, verfremdet und verrätselt
ø und dann im Text in eine Form gebracht, mit der sich der Leser - und zuvor natürlich auch der Autor selbst - beschäftigen muß.
Deren Inhalte muß er, muß sie anschließend richtiggehend nachbearbeiten, und sei es auch nur beim Nachfiebern einer spannend erzählten Geschichte.

Mit diesen theoretischen Zusammenhängen von Träumen und Schreiben, auf die ich hier nicht weiter eingehen kann, hat sich ausführlich die britische Literatur- und Sprachwissenschaftlerin Ella Freeman Sharpe befaßt, in ihrem Buch Traumanalyse.
Ein anderer eigener Traum half mir, Klarheit in die Arbeit an einem (unveröffentlichten) Theaterstück zu bringen, dessen Handlung und dessen Personenentwicklungen für mich zu einem chaotischen Durcheinander geraten waren. Mitten in dieser Arbeitskrise träumte mir :
Ich bin Kamera-Assistent bei Dreharbeiten; der (damals noch amtierende) US-Präsident Reagan ist der Chef des ganzen Projekts. Die Situation wird immer chaotischer, und ich flehe Reagan schließlich an, er solle mir das dringend benötigte Exposé der Handlungstruktur und die Personen-Liste geben.
Nach dem Aufwachen war es das erste, daß ich genau dies machte. Ich kümmerte mich nicht weiter um die tieferen psychologischen Implikationen, die der Traum anbot, sondern nahm mein Theaterstück her und notierte mir den Verlauf der Handlung und die Entwicklungslinien ihrer Personen, und zwar nach dem aktuellen Stand, der sich ja längst von meinen ursprünglichen Intentionen entfernt hatte.



6. Der Traum als Drama


Doch will ich jetzt nicht weiter meine eigenen Erfahrungen auf den verschlungenen Wegen vom Traum zum Text vorstellen, sondern diesen in einigen bekannten Beispielen aus der Literatur nachgehen. Als Motto mag uns dabei ein Satz des französischen Autors und Surrealisten Saint-Pol-Roux dienen. Der hängte jeden Tag, ehe er sich schlafen legte, an die Tür seines Landhauses in Camaret ein Schild mit der Aufschrift :

„Der Dichter arbeitet.“

Wir sehen : Hier wird dem Schlaf und den Träumen, die er gebiert, die rechte Bedeutung zugemessen, von der es schon im Volksmund heißt: “Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf...“
Voila! Schauen wir uns an, was sich aus Träumen alles dichten läßt und auf welche Weise.
Letzteres zuerst. Sie können es selbst einmal ausprobieren, aus einem Traum einen Text zu gestalten. Die meisten Träume bleiben uns ja nur recht bruchstückhaft in Erinnerung. Sie sollten daher versuchen, die Lücken zwischen diesen Bruchstücken phantasierend auszufüllen. Beim Phantasieren sind Sie ohnehin dem Traumleben recht nahe - wenn nicht sogar mittendrin.
Sie können auch den Schluß Ihres Traums weiterspinnen, was sich gerade bei Alpträumen empfiehlt, die man ja nicht fertig träumt, weil einen die Angst aus dem Traumgeschehen vertreibt und wir uns, aufwachend, erleichtert rasch ans sichere Ufer des Wachbewußtseins retten. Wir alle wissen aber, daß diese Rettung nur eine scheinbare ist : Die Angst wird uns beim nächsten, spätestens beim übernächsten Traum, doch wieder einholen.
Warum also nicht gleich eine Technik probieren, die in der Gestalttherapie entwickelt wurde, die aber jedem Schriftsteller bestens vertraut sein dürfte, auch wenn er dabei nicht unbedingt an Träume und ihre Fortsetzung denken mag:
Schreiben Sie den Traum zu Ende, so wie es Ihnen wünschenswert erscheint. Auch fehlende Anfänge, oder die schon erwähnten Lücken zwischen Teilen eines Traums, können Sie auf dem Papier in Ruhe weiterfabulieren. Dieses simple Verfahren hilft in der Tat, unbewußte Ängste aufzudecken und - wenn man dies möchte - sie auch ein Stück aufzuarbeiten.
Andere Möglichkeiten sind, (meditierend oder schreibend) mitten in den Traum hineinzugehen und sich, beispielsweise, mit einer der darin vorkommenden Figuren zu identifizieren, oder auch mit irgendeinemder Gegenstände.



7. Vom Traum zur Dramatischen Skizze


Oder schreiben Sie einen Dialog weiter, derzwischen zwei der Traumfiguren vielleicht angefangen hatte! Sobald Sie dergleichen einmal ausprobiert haben, werden Sie mit noch ganz anderen Möglichkeiten des Traum-Schreibens fündig werden.
Recht nahe liegt es, dabei die Form des uns vertrauten traditionellen Dramas zu wählen. Hierfür sind mir leider keine Beispiele bekannt, außer eigenen. Es liegt jedoch schon aus theoretischen Gründen nahe, Traum und Drama miteinander in Beziehung zu setzen.
Bereits die Worte Traumund Drama deuten auf tief reichende Verwandtschaft hin :Laut Ethymologischem Wörterbuch gab es in der Sprache der frühen Germanen für Traum den Ausdruck drauma; und im Niederländischen ist Traum gleich droom.

Schon Carl Gustav Jung wies auf die Ähnlichkeiten des Aufbaus von Träumenund des griechischen Dramas hin :
Das beginnt beide Male mit der Vorstellung von Zeit und Ort der Handlung und einer Dekoration, zum Beispiel einer Landschaft oder einem Gebäude, über die sowohl der Träumer als auch der Theaterbesucher als erstes informiert werden, sobald der Vorhang hochgegangen ist.
Außerdem werden die Personen vorgestellt, zwischen denen sich dann die Handlung, Exposition genannt, entwickelt. Die Fäden der Handlung verwickeln sich, es kommt zur Schürzungdes dramatischen Knotens, der durchlebt werden muß. Dabei geht es in der Regel recht eng zu. Das Wörtchen eng ist dem anderen Wort Angst nicht zufällig so nahe verwandt: Wo es eng zugeht, sei es im Traum, im wirklichen Leben, oder eben auf den Brettern der Theaterbühne, da überkommt uns Angst.



8. Die Lösung des dramatischen Knotens


Im Traum wachen wir dann gerne auf. Das Theaterstück verlassen wir nicht in Panik, jedenfalls nicht als Erwachsene - bei Kindern kommt das schon mal eher vor, daß sie die Mutter oder den Vater an der Hand aus dem Kasperle-Spiel oder den aufregenden Film ziehen, weil sie sich zu sehr fürchten.
Schließlich kommt es, wenn alles gut geht, zur Lysis - zur Lösung desKonflikts.
Die Vermutung, daß die Dramen früherer Zeiten (wahrscheinlich aber auch die modernen Theaterstücke) ihre Wurzeln wenn schon nicht in richtigen Träumen hatten, so doch zumindest im Traumbewußtsein, wird schon durch eine Reihe bekannter Dramen-Titel bestätigt :
Das Leben ist ein Traum, hieß es im Siebzehnten Jahrhundert bei Calderon; Grillparzer kehrte dies ein Jahrhundert später genau um in: Der Traum ein Leben. Noch einmal Jahrzehnte später, 1902, schrieb August Strindberg sein Traumspiel (auch andere seiner Stücke sind sehr dem Traum verwandt, spielen mit dessen Atmosphäre und seinen zauberhaften Verwandlungsmöglichkeiten) und auch Eugene O'Neill blieb beim Thema, als er 1942 sein vielleicht bedeutendstes Stück Eines langen Tages Reise in die Nacht nannte.
(Wer mehr über diese Traum-Drama-Beziehungen wissen möchte, wird fündig in Zeyde-Margreth Erdmanns Untersuchung Psycho-Drama.)
Bei den großen Regisseuren sind es vor allem Federico Fellini und Ingmar Bergmann, die deutlich immer wieder in ihren Filmen aus dem Traumleben zitieren; so Fellini in Julia von den Geistern und Bergmann in Wilde Erdbeeren (wo der von Todesahnungen erfüllte Traum eines alten Mannes eine Schlüsselrolle spielt).
In seinen Memoiren nimmt Bergmann immer wieder auf (eigene) Träume Bezug :
Wenn der Film nicht Dokument ist, ist er Traum... (S. 89)
Mehr ins Detail gehen können wir bei Beispielen aus den Ezählformen, speziell Kurzgeschichte und Roman, aber auch mit Werken der Dichtkunst. Für das wahrscheinlich bedeutsamste Beispiel möchte ich mich nun dem schon erwähnten Dichter Novalis zuwenden. Wie auch bei anderen bekannten Romanen - etwa in Kubins Die Andere Seite, Hesses Morgenlandfahrt oder in Thomas Manns Bildungsroman Der Zauberberg - hebt im (leider Fragment gebliebenen) Heinrich von Ofterdingen des jungen Novali sein Traum das Thema des ganzen Werks gewissermaßen auf eine neue und zugleich höhere Ebene.



9. Novalis Traum von der Blauen Blume


Lesen wir die wichtigste Stelle, wo der Held auf seiner lebenslangen Suche nach sich selbst und nach dem Sinn seinesLebens in einem Traum etwas schaut, was ihn von da an auchim wachen Sein unaufhörlich der einen Sehnsucht folgenläßt : die Blaue Blume des Traums wiederzufinden.
Entdeckt hat Heinrich sie, nachdem er - träumend - am Ende langer Irrfahrten zu einer Höhle gelangt war und darin in einem Teich gebadet hatte (wir gehen wohl nicht fehl,wenn wir dies als eine Art Jungbrunnen deuten) :

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Fels hineinfloß. Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog,war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte.
Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte.
Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen Stube fand, die schon die Morgensonne vergoldete.
(S. 90)



10. Auf doppelte Weise verschachtelt


Novalis verschachtelt in diesem Text das Traumgeschehen sogar auf doppelte Weise in die übrige Erzählung : Der Traum von der Blauen Blume ist seinerseits Bestandteil dessehr viel längeren Traum-Geschehens, in das uns das erste Kapitel Die Erwartung des Romanfragments sogleich hineinführt. Andere Autoren verwenden sogenannte Große Träume dieser Art zur dramatischen Steigerung mittels symbolisch-verdichtender Überhöhung erst nach der Mitte des Werkes. So Hermann Hesse in der Morgenlandfahrt, wo die reale Handlung fast unmerklich übergeht in die visionäre Schilderung eines riesigen Archivs, das sich schließlich zum Gerichtssaal verwandelt, in dem der Held sich verantworten muß.
Im Steppenwolf benützt Hesse die Möglichkeiten des (demTraumbewußtsein sehr verwandten) Drogenrausches, hier mittels Haschisch, um im Kapitel über das Magische Theater zwanglos Traumvisionen in die Handlung einzuführen.
Ich denke, daß es dabei müßig ist, zu fragen, ob denn diese Romanträume mit realen Nachtträumen des Autors gleichgesetzt werden dürfen. Mag sein, daß Hesse seine wirklich erlebten Träume schreibend nachgeschönt, dramatisiert, verändert hat. Ich denke aber eher, daß solche visionären Träume (und Träumer) dies gar nicht nötig haben - da sie ja schließlich aus denselben Quellen gespeist werden wie die Inspiration des Dichters im Wachzustand.



11. In der Traumstadt Perle


Bei Jean Paul finden wir ebenfalls wunderbare Beispiele,wie Träume das Romangeschehen überhöhen und vertiefen zugleich : Ich erinnere nur an die Rede des toten Christus vom Himmelsgewölbe herab, daß kein Gott sei. Dieser Einschub in seinem RomanSiebenkäs ist einer der erschütterndsten Texte der Weltliteratur überhaupt. Ich konnte die biographischen Hintergründe nicht genauer nachforschen, gehe aber kaum fehl, wenn ich annehme, daß ein echter Nachttraum auch dieser Vision zugrundeliegt, oder sie zumindest ausgelöst hat.

Daß man visionären Träume in solcher Dichte und auch epischen Breite und Länge haben kann, weiß ich nicht nur aus eigenem Erleben. Das läßt sich zum Beispiel in Carl Gustav Jungs Autobiographie Erinnerungen, Träume, Gedanken im Detail nachlesen. Oder bei Alfred Kubin, dessen Roman Die andere Seite ganz ausdrücklich in einem Traumland spielt, in der von ihm selbst so genannten Traumstadt Perle. Im Romanverlauf träumt der Held :

In dieser Nacht schlief ich mit großen Gedanken ein. Weniger großartig war mein Traum, den ich seiner Sonderbarkeit wegen doch hierher setzen möchte. Ich sah mich selbst am Flusse stehen und sehnsüchtig nach der Vorstadt blicken, die ausgedehnter und pittoresker erschien, als sie wirklich war. So weit man sehen konnte, ein Gewirr von Brücken, Türmen, Windmühlen, Bergzacken, alles ineinander eingeschachtelt und miteinander verbunden wie eine Luftspiegelung. Große und kleine, dicke und dünne Gestalten bewegten sich in diesem Gewirr. Wie ich so hinüber sah, fühlte ich, daß hinter meinem Rücken der Müller stand.

„Ich habe ihn umgebracht“, raunte er, und wollte mich ins Wasser stoßen. Da zog sich mein linkes Bein zu meiner großen Überraschung in die Länge, so daß ich ohne Anstrengung in das Gewimmel auf dem andern Ufer treten konnte. Und nun hörte ich um mich herum ein vielfaches Ticken und gewahrte eine Menge flacher Uhren der verschiedensten Größen, von derTurmuhr bis zur Küchenuhr und kleinsten Taschenuhr hinab. Sie hatten kurze Stummelbeine und krochen wie Schildkröten unter aufgeregtem Ticken durcheinander auf der Wiese umher.

Ein in grünes weiches Leder gekleideter Mann, mit einer Mütze, welche wie eine weiße Wurst aussah, saß auf einem entlaubten Baume und fing aus der Luft Fische. Er hängte sie dann in den Zweigen auf, und im Nu waren sie gedörrt.

Ein alter Kerl mit abnorm großem Oberkörper und kurzen Beinen näherte sich; bis auf ein paar beschmierte Arbeiterzwilchhosen war er nackt. Er hatte zwei lange senkrechte Reihen von Brustwarzen - ich zählte achtzehn.

Nun zog er seine Lungen schnaufend voll Luft, bald schwoll die rechte und bald die linke Brust mehr an, dann spielte er mit den Fingern auf diesen achtzehn Warzen die schönsten Harmonikastücke. Dabei bewegte er sich taktmäßig nach der Melodie wie ein Tanzbär, während er die Luft wieder ausstieß. Schließlich hörte er auf, schneuzte sich in dieHände und schleuderte sie von sich. Dann wuchs ihm ein ungeheurer Bart, in dessen Gestrüpp er verschwand. (1909, S.149)



12. Zauberberg und visionäre Reise


Kubin hat selbst, in einem autobiographischen Aufsatz mit dem Titel Über mein Traumerleben, deutliche Hinweise gegeben, daß er aus seinen nächtlichen Produktionen für den Roman schöpfte und seine Biographin Gabriele Brandstetter hat dies nochmals detailliert nachgewiesen.
Allerdings täuscht man sich auch gelegentlich bei solchenSpekulationen über die Zusammenhänge von Traum und Text. Als ich Ernst-Jürgen Dreyers Kurzroman Ein Fall von Liebeserschleichung las, war ich mir völlig sicher: Dieses alptraumhafte Geschehen muß einen realen Alptraum des Autors zum Hintergrund haben. Szene um Szene wird da die Horrorvision eines Geschäftsmannes entwickelt, der nichts weiter will, als im München unserer Tage eine Fahrkarte für den Intercity nach Frankfurt zu kaufen, und der nach und nach entdecken muß, daß - offensichtlich über Nacht - die ihm vertraute Bundesrepublik zu einer kommunistischen Unterdrückungsbürokratie umfunktioniert wurde.
Dies alles roch geradezu nach Traum. Und dennoch : Es war keiner. Jedenfalls lag dem Buch kein real erinnerter Traum zugrunde (ein geträumter, aber wieder vergessener vielleicht schon).
Der Autor lies mich jedoch auf meine Anfrage hin wissen (1986), daß ein anderer seiner Romane, Die Spaltung, sehr wohl echte Träume einbeziehe und daß ihm solche Einflüsse vom Traumbewußtsein auf das tagesbewußte Schreiben durchaus vertraut seien.
Ähnlich wird es auch bei Thomas Manns Zauberberg gewesen sein, in dessen Kapitel Schnee der Held Hans Castorp in einer Art Todesvision schreckliche Entdeckungen macht. Ich will hier nicht Thomas Manns eigenen Text zitieren, sondern den entsprechenden Artikel in einem Literatur-Lexikon,wo es über dieses Kapitel des Zauberberg aufschlußreich heißt:

Im zentralen Schnee-Kapitel (dem verkleinerten Modell des gesamten Romans) lernt Hans Castorp im Augenblick höchster Todesbedrohung dialektisch unter dem Begriff des Lebens aufzuheben. (Vollmuth).
Das verkleinerte Modell des Romans - genau für diese modellhafte Konzentration werden Träume immer wieder, auch von anderen Autoren, benützt, so als wüßten sie genau Bescheid um die große Bedeutung der Träume für ihren eigenen und unser aller seelischen Haushalt - oder als ahnten sie diese Zusammenhänge zumindest.
1987 erschien im Residenz-Verlag ein Literatur-Almanach mit dem Titel Träume, in dem 36 Schriftsteller und Dichter über die Zusammenhänge zwischen ihren Träumen und ihrem Schreiben Auskunft gaben und Beispiele nannten. Bei nur wenigen erhält man allerdings den Eindruck, daß ihre Träume mehr als nur eine Art willkommener Steinbruch und Lieferant für künstlerischen Rohstoff sind - als Möglichkeit der Selbsterfahrung undSelbsterkenntnis werden sie kaum genützt (J. Jung 1987).



13. Die kürzere literarische Form wird häufiger verwendet


Leichter fündig als beim Roman mit Träumen als Auslöser für Texte wurde ich bei den kürzeren Erzählformen, bei der Short Story und bei der Novelle, aber auch beim Hörspiel und beim Märchen.
69 Texte von Max Frisch, Peter Handke, Ernest Hemingway,Lewis Carroll und vielen anderen bekannten Autoren, in denenTräume und das Traumhafte im Mittelpunkt stehen, hat Jutta Freund in der Anthologie Traum-Geschichten versammelt eine Fundgrube für jeden an diesem Thema Interessierten.
Günther Eichs bekannteste Hörspiele tragen nicht zufällig den Sammeltitel Träume, doch weiß ich bei ihm leider nichts über die direkten Zusammenhänge. Anais Nin hingegenbringt in ihrem Tagebuch Haus des Inzest die folgende traumhaft-halluzinatorische Passage :

Mit Chamäleonaugen betrachtete ich das sich wandelnde Gesicht der Welt. Ich sah in einer vagen Vision mein unfertiges Ich.
Ich erinnere mich an meine erste Geburt im Wasser. Mich umgibt schweflige Transparenz, und meine Knochen bewegen sich, als seien sie aus Gummi. Ich wiege mich und treibe dahin. Ich stehe auf knochenlosen Zehenspitzen und versuche ferne Töne zu hören - Töne, die das menschliche Ohr nicht mehr wahrnimmt, ich sehe Dinge, die das menschliche Auge nicht mehr sieht. Ich wurde mit Erinnerungen an die Glocken von Atlantis geboren ... (S. 13)

Dies entpuppt sich am Schluß dann in der Tat als Bericht eines Traums :

Ich erwachte im Morgengrauen, auf einen Felsen geworfen, wie das Wrack eines Schiffs, das die eigenen Segel erdrosselt hatten. (S. 15)



14. Anais Nin, Thomas Mann, Alfred Kubin ...


Wen soll ich noch alles nennen? Martin Kiessig hat in seiner Anthologie Dichter erzählen ihre Träume mehr als hundert solcher Belege aus zwei Jahrhunderten zusammengetragen; die dokumentieren, wie wichtig den Schriftstellern ihre nächtlichen Phantasieprodukte stets waren - für die Selbsterkenntnis ebenso wie als Anregung für den kreativen Prozeß beim Schreiben selbst.
Goethe finden wir in dieser faszinierenden Sammlung ebenso wie Gottfried Keller und Franz Kafka und noch viele andere mehr.
Von Charles Dickens gibt es ein zeitgenössisches Gemälde, das ihn im Kreise seiner Romanfiguren zeigt, die er gerne aus Träumen entlehnte.
Robert Louis Stevenson sagte sogar in seiner Autobiographie Across the Plains, seine Brownies (d.h. Heinzelmännchen) hätten ihm - und zwar sehr zuverlässig - immer dann in einer Art nächtlichem Traumtheater auf der Inneren Bühne seines Unbewußten eine spannende Geschichte vorgespielt, wenn er in finanziellen Nöten war und dringend einen guten Text brauchte. Er mußte das im Traum Geschaute dann nach dem aufwachen nur noch niederschreiben.
Von wenig Künstlern sind so viele Träume erhalten wie von Richard Wagner; man findet viele davon in den Tagebüchern Cosima Wagners.
Der amerikanische Journalist Leon Edel hat 1984 das Buch Stuff of Sleep and Dreams veröffentlicht, in dem er untersucht, welche Rolle Träume im Leben und Werk von bekannten Autoren und Dichtern gespielt haben: Virginia Woolfe, HenryJames, W.H. Auden, W.B. Yeats werden angeführt.



15. Traum-Protokolle der Dichter


Der nächste Schritt, der sich anbietet, wäre dann, die Träume gar nicht mehr weiter auszugestalten und umzuformen, sondern sie so zu belassen, wie sie nach dem Aufwachen erinnert werden. Wolfgang Bächler machte dies 1972 in seinem Büchlein Traumprotokolle, als er während einer Lebenskrise nichts anderes mehr als Träume festzuhalten vermochte; 1988 hat er mit dem Band Im Schlaf eine Art Fortsetzung geliefert.
Heinar Kipphardt ahmte ihn nach, übernahm sogar ganz bewußt das Verfahren und den Titel. Die Herausgeber seiner1984 posthum veröffentlichten Traumprotokolle machen es dem Leser allerdings etwas leichter als Bächler, der nur sein Traummaterial vor den Leser hinstellt, ohne ihm irgendwelche Verständnishilfen zu geben. Bei Kipphardt hilft ein Glossar im Anhang, wenigstens die in seinen Träumen vorkommenden Figuren in etwa wieder zu erkennen, zumindest soweit sie zeitgeschichtlich eine Rolle spielten; und bei den Menschen seines privaten Umkreises erhält man auch wenigstens den Eindruck ihrer Zugehörigkeit.
Schon etwas literarischer, im Sinn von bewußter stilistischer Gestaltung und selbstkritischer Auswahl, sind die Traum-Tagebücher der Italienerin Elsa Morante (von der 26jährigen geschrieben, bevor sie Alberto Moravia kennenlernte und heiratete) und der beiden Amerikaner Jack Kerouac undWilliam S. Burroughs (die kaum zufällig auch Drogenerfahrungen gemacht haben).
52 Träume und Reflexionen über diese Nachtgesichte von Dichtern und Autoren, für jede Woche des Jahres einen, findet man versammelt im bekannten Arche Literatur Kalender für das Jahr 1990. Sehr aufschlußreich einer, der stellvertretend für viele Autoren-(Alp-)Träume stehen mag, von Paula Ludwig:

Drei Verleger besuchten mich, um sich über meinen Fall zu beraten. Ich stand abseits, um sie in ihrer Beratung nicht zu stören. Ich fühlte mich aber übertrieben mager - und war es auch - und ich fühlte, wie sie heimlich zu mir heräugten. Dann hörte ich, wie der eine zu den anderen Herren sagte: „Können wir in sie noch etwas investieren?“



16. Italienisches Traumbuch


In idealer Weise, so finde ich, erfüllt Martin Gregor-Dellin die Anforderungen, die man an ein Traum-Tagebuch stellen sollte, sobald es einem größeren Leserkreis zugänglich gemacht wird.
Der plötzliche Tod eines Bekannten, dem er zuvor in den Ferien am italienischen Strand Jahr um Jahr begegnet war, löste in dem Schriftsteller eine Kette von Träumen aus, deren Inhalt Gregor-Dellin zwar nicht tiefenpsychologisch aufschlüsselt und deutet, die er jedoch soweit für den Leser - und nicht zuletzt ja auch für sich selbst - übersetzt, so daß man allmählich das feine nächtliche Gespinst als teils enthüllenden, teils aber auch verzerrenden Spiegel der Ereignisse des Alltags verstehen und bewundern lernt.
Das sich durch das ganze Buch ziehende Thema Tod bekommt im Nachhinein noch eine weit tiefere Bedeutung, wenn man sich vor Augen hält, daß Gregor-Dellin bei der Niederschrift schon schwer krank war und kurz nach der Veröffentlichung selbst starb.
Ein meisterhaftes kleines Werk, dieses Italienische Traumbuch, überhaupt nicht umfangreich von der Seitenzahl her - und doch : welche Fülle und Dichte an Wahrnehmungen, Bildern, Gedanken. So ein Traumbuch wünsche ich mir von jedem Autor, der mir etwas bedeutet.
Dies Vorbild, das Gregor-Dellin da gibt, könnte einen ganz neuen Typus der literarischen Arbeit und Veröffentlichung überhaupt anregen. Wo sonst als in den eigenen Träumen kann man im Urgestein der eigenen Seele schürfen? Schürfen wonach?
Nach dem Gold der Kreativität, möchte ich es nennen.




17. Begräbnis des Naturlyrikers


Martin Gregor-Dellin ist aber auch in der anderen Richtung fündig geworden. Wie er mir 1986 berichtete, hat er sogar einen seiner Träume so, wie er ihn nach dem Aufwachen niedergeschrieben hatte, unverändert als Kurzgeschichte abdrucken lassen.
Wir finden sie in dem Band von und über den Autor mit dem Titel Pathos und Ironie, der zu seinem 60. Geburtstag 1986 im Piper-Verlag erschien. Die Traumgeschichte trägt den Titel Ende eines Naturlyrikersund hat es in sich - nicht zuletzt auch als ein Stück ironischer Selbstbetrachtung:
Wie man von der therapeutischen Arbeit mit Träumen weiß, ist der Träumer ja all die Personen seiner Träume auch ein Stück weit selbst :

Beim Begräbnis des Naturlyrikers waren nur wenige Leute anwesend. Sie versteckten sich zwischen den Grabsteinen oder verteilten sich so auf den Wegen des Friedhofs, daß ich nicht viele von ihnen sehen konnte, oder nur ihr Profil, oder nur ihre Schatten. Der Platz um das Grab war völlig leer. Der Naturlyriker - ich nenne seinen Namen nicht aus Rücksicht auf seine Witwe - saß in seinem Grab und steckte seine Beine in den Haufen von Erde und Laub, der vor ihm lag. Ein Sarg war nicht zu erkennen, nur der Oberkörper des Naturlyrikers, und so hielt er seine eigene Totenrede. Er rezitierte eines seiner eigenen Gedichte, und es erschien mir sinnvoll, daß er bei seinem Begräbnis eines seiner Gedichte selbst sprach, denn ein anderer hätte dieses Gedicht nur unvollkommen wiedergeben können.
Den Inhalt des Gedichts will ich nicht mitteilen, man würde an ihm leicht den Dichter erkennen. Ich kann es auch nicht, ich habe ihn schon zu erinnern versucht, und es ist mir nicht gelungen; es kommt mir manchmal vor, als habe das Gedicht nur aus dem Rauschen des Laubes und dem Geräusch der windbewegten Zweige über dem Grab bestanden, aus dem Singsang der Wolken am Himmel und dem Heulen eines Hundes in der Ferne und aus den Lauten, die immer in der Luft sind. Der Tote, seinen Abgesang haltend, sprach in die Höhe hinauf, vielleicht eine Klage um all das verlorene Licht und die fehlende Farbe dieser Stunde, alles war schwarzweiß, entweder später Abend oder früher Morgen, regnerisches Grau, obwohl kein Regen fiel.
Schließlich zog der Tote den Haufen von Laub und Erde, in dem er saß, wie eine Decke über sich. Er legte sich auf die Seite, ein paar Blätter und eine Handvoll Erde bewegten sich noch über seinem Kopf, dann war von ihm nichts mehr zu sehen.


Am Ende der Geschichte, beziehungsweise des Traumes, begegnet der doch eben gestorbene Naturlyriker dem Autor-Träumer auf dessen Rückweg nachhause. Dieser läßt ihn, voller Unbehagen, hinter sich :

Als ich mich umwandte, konnte ich gerade noch erkennen, wie der lautlose Gott Pan, eine Lichtung überschreitend, für immer im Wald verschwand.

Welche Poesie, welche Erzählung! Und das, obgleich der Autor Gregor-Dellon betont, daß er da nur den Traum aus der Erinnerung notiert habe – ohne ihn noch weiter zu gestalten und redigieren, wie man das sonst ja mit derlei autobiographischen Notizen sinnvollerweise macht.
Denn wie gesagt: Träume sind für gewöhnlich Rohmaterial , das erst noch der Gestaltung bedarf. Von Fvall zu Fall jedoch (s. auch oben R.L. Stevensons Anmerkungen über seine Brownies!) Hier ist alle nötige redaktionelle Arbeit quasi schon vom Vorbewußten des Autors erledigt worden:
„Den Seinen gibt´s der Herr (gelegentlich) im Schlaf...“ Wohl wahr.




18. Spiegel im Spiegel


Tania Blixen hat so manchen Traum in eine Erzählung verwandelt und sagt hierzu :
Ich hatte das große Glück im Leben, daß ich beim Schlafen stets träume und daß es immer schöneTräume sind. (1970)
Die Träumer und Das Traumkind weisen schon im Titel auf ihre Ursprünge im Unbewußten von Tania Blixen deutlich hin.
In seinem Geschichtenband Der Spiegel im Spiegel verwendet Michael Ende, Autor des Millionen-Erfolgs Die Unendliche Geschichte, Motive, Bilder und Erzähltechniken, diemich vermuten ließen, da könnten Träume im Spiel gewesensein. Und schon in der Unendlichen Geschichte selbst handelt ein ganzes Kapitel, mit dem poetischen Titel „Im Bergwerk der Bilder“ von nichts anderem als eben von Traum-Bildern.
Wie Ende mir auf meine Anfrage brieflich mitteilte, lag ich völlig richtig mit meiner Vermutung:
... alle meine Bücher, sogar schon der Jim Knopf, enthalten Bilder und Ideen, die aus Träumen stammen. Ich habe es mir seit Jahrzehnten zur Gewohnheit gemacht, immer ein Notizbuch und einen Schreibstift in Reichweite meines Kopfendes zu haben. Man kann sich regelrecht im Träumen üben,vor allem auch darin, nach einem interessanten Traumbild kurz zu erwachen und sich ein paar Worte zu notieren. (1986)

Die Erzählungen in Michael Endes Spiegel im Spiegel sind oft Märchen oder märchenähnlich erzählte Geschehnisse. Eine der Anregungen, die ich den Teilnehmern meiner Schreib-Seminare gebe, besteht darin, einen - möglichst frischen - Traum zunächst wie erinnert, und zwar mit möglichst allen Details, aufzuschreiben. Anschließend sollen sie diesen Rohtext, nach einer längeren Meditation, zu – beispielsweise - einem Märchen ausgestslten (es kann aber auch ein Gedicht, eine Kurzgeschichte oder ein dramatischer Sketch sein).
Das klingt für Ungeübte schwieriger als es ist. Sogar das Träumen (genauer : das klare Erinnern der Träume) läßt sich ja durch einige Übung lernen.



19. Vom Traum zum Märchen


Für diese Umgestaltung eines Traums in ein Märchen nun das Beispiel einer Teilnehmerin, das für sich selbst spricht. Es wurde von Ruth Birk ohne literarische Ambitionen geschrieben, also in erster Linie als eine Dokumention eines Selbsterfahrungsprozesses. Aber beides hat fraglos Poesie, die Bilder und der Ablauf des Traums ebenso wie das daraus entstandene Märchen. Zunächst ihr Traum :
Im roten Schlauchboot fahre ich mit F. in eine einsame Bucht, eine Bucht mit kristallklarem, durchsichtigem Wasser.Viele tausend kleine Steine am Grund sind klar zu erkennen.Auf einem einzelnen großen Stein am Ufer lieben wir uns, ich tauche ins Meer.
Dann liege ich in Moneglia auf dem großen Stein im Wasser, um mich herum das durchsichtig klare Meer. Aus einer anderen klaren Bucht, in die ich tauche, nun in Griechenland, leuchten die vielen Steine herauf.
Die Wolfsbucht auf Porquerolle liegt unter mir, ich tauche hinein. In der Türkei, wieder in einer klaren Bucht, springe ich vom Schiff und beschaue schnorchelnd die vielenSteine auf dem Grund.
Eine dunkle Höhle lockt mich an, ich sehe mich nicht hineingehen, aber ich bin plötzlich drin, in einem klar erleuchteten Kristallpalast.

Und nun das Märchen, das aus diesem Traum entstand, so wie es spontan im Seminar niedergeschrieben wurde :



20. Das rote Schlauchboot


Es war einmal eine Jungfrau, die lebte in einer Bucht am Meer. Tiefblau, aber kristallklar war das Wasser, durch dasviele tausend helle runde Steine schimmerten. Der Sturm, der über das Land brauste, konnte der Jungfrau nichts anhaben, denn hohe Felsen umrahmten diese Stätte. Sie machten sie unzugänglich von allen Seiten, hielten aber die Winde ab; keine Brandung überschlug sich in der Bucht, nur das Wasser wogte sanft auf das steinige Ufer zu.
Die Jungfrau besaß kein weiches Lager, nur einen großen flachen Stein, auf dem sie ruhen konnte, wenn die Füße vom Laufen auf den vielen kleinen Steinen schmerzten. Das klare Wasser täuschte die Jungfrau oft so, daß sie gar nicht bemerkte, wenn sie hineinging und plötzlich in Schwerelosigkeit über den klaren Grund dahinschwebte.
Sie war allein, hatte den vollsten Frieden, und keine Gefahr bedrohte sie. Aber sie kam nicht heraus aus ihrer Bucht, denn draußen versperrte ihr das wild tobende Meer denWeg.
Eines Tages kam etwas in ihre Bucht geschwommen, ein rotes Schlauchboot, und darin saß ein starker kräftiger Jüngling. Die Jungfrau wunderte sich, sie hatte noch niemals solch eine Begegnung.
Der Jüngling spielte mit ihr, sie tauchten ins Wasser, und auf ihrem von der Sonne durchwärmten glatten Lagerstein eröffnete er ihr den Himmel. Der Jüngling blieb einige Zeit und erforschte ihre Bucht. Er entdeckte dabei eine Höhle, die einen Zugang hatte. Doch er war zu groß und konnte sich nicht durch den Eingang zwängen.
So scherzten, spielten und liebten sie eine Zeit lang. Doch einmal wagte sich der Jüngling zu weit aus der Bucht heraus. Da kam eine große Woge und zog ihn fort - fort für immer. Die junge Frau war verzweifelt. Sie wollte nicht mehr in ihrer Bucht leben und zwängte sich in ihrem Kummer durch den dunklen Höhleneingang. Je weiter sie kroch, desto heller wurde es um sie und endlich war sie in einem strahlend hellen Palast von unendlicher Schönheit und Klarheit. Hier war sie geborgen, hier würde sie bleiben, und tiefer Friede zog in ihr ein.



21. Auch Poesie kann man träumen


Christoph Meckel teilt mit (1986), daß sein Gedicht Unglück läßt grüßen auch ein Produkt der Nacht sei:

"Was in der Nacht und im Wein geschrieben wird, kann sich am folgenden Tag als Klapphorn erweisen. Es kann unleserlich oder unlesbar sein ... Mein Tag war gut, das Gedicht erwie sich als haltbar ... "

Hier Meckels Gedicht :


Schlief ich, da nachts vor dem Haus
anhielt ein Wagen;
sprang der Kutscher heraus :
„Unglück läßt fragen
wenn du was nötig hast
sollst du's ihm sagen,
Unglück wär gern dein Gast
und Wegbereiter,
komm, wenn du Zeit für ihn hast,
Unglück muß weiter.“
Sagte ich : „Freund, ich schlief
er wird's wohl wissen,
hab, da ich nicht nach ihm rief,
nichts zu vermissen,
hab ja kein Paradies
je zu verbüßen
und käme das Glückstier, dies
trät ich mit Füßen
unter die Erde tief.“
Lachte der Kutscher und rief :
„Unglück läßt grüßen !“




22. Der Tod ist eine Ameise


Auf ähnliche Weise hat Dieter Wellershoff sein Gedicht Tod einer Ameise einem Satz zu verdanken, den er aus einemTraum mitbrachte :

Der Tod ist eine Ameise unterwegs in einem finsteren Treppenhaus.

Er schreibt über die Entstehung des (fast surrealistischen) Gedichts ausführlich in seinem Aufsatz Träumerischer Grenzverkehr. Solche Bearbeitung von Träumen und ihre Umsetzung in literarische Formen kann sehr befreiend sein. Diese kathartische Wirkung, um die wahrscheinlich jeder kreative Mensch weiß, ist es wohl auch, die Dichter und Schriftsteller auch in Zeiten der Frustration und Krise weiterarbeiten läßt. Und wer sich diesemProzeß der schreibenden Selbsterfahrung bewußt unterzieht, wird irgendwann auch spüren, daß solch Schreiben zur Therapie werden kann.
Schreiben mittels Träumen ist jedoch offensichtlich noch näher an den Quellen der Inspiration und der Kreativität als jede andere Form des Schreibens – näher selbst als jene, die Rauschdrogen benützt (wie mancher Poet maudit mit Entsetzen feststellen mußte : siehe Thomas de Quincey und Charles Baudelaire, um nur zwei Namen stellvertretend für viele andere zu nennen).
Ähnlich ging es zum Beispiel der Journalistin Gunhild Bohm mit ihren Träumen und Gedichten. Sie erzählte mir die Hintergrundgeschichte zu einem der Gedichte in ihrem Lyrikband Lichtkähne, einem Buch voller Poesie und Witz. Das Gedicht, das ich meine, weist schon im Titel auf seine Herkunft hin: Im Morgentraum heute.



23. Ein Gedicht entsteht


Die Verfasserin hatte geträumt, sie sei zu Hause bei ihren Eltern. Obgleich berufstätig und selbständig in einer anderen Stadt lebend, wird sie im Elternhaus, in dem es von Gästen, vertrauten und fremden, wimmelt, rasch wieder zur Tochter, die für Eltern und Brüder wie eine Dienerin sorgt. Da kommt überraschend der liebste Mann in die Halle des Hauses, den sie selten und nur allzu selten treffen kann. Er ist noch nie in das Haus der Eltern gekommen. Die beiden begrüßen sich sehr glücklich.
Sie führt ihn zu den anderen Gästen und eilt weiter in der Fürsorge für alle und voller Vorfreude auf das Zusammensein mit ihm später. Aber der Geliebte ist plötzlich verschwunden. Angst kommt auf, während die Stimmung im Haus und Garten der Eltern kühl wird, die Tochterfrau ihn heimlich erfolglos sucht, die Gesellschaft sich klanglos auflöst.
Sie tritt voller Grauen vor den Vater hin, der in alterAutorität und zugleich schwermütig sagt:
„Er ist tot“.
Traurig wacht die Träumerin auf. Ihr wird etwas klar : Sie weiß intuitiv und vom Traum sensibilisiert, daß der geliebte Mann auf eine lange Reise gehen wird, ohne sie zu benachrichtigen. Und so geschah es auch.
Gunhild Bohm befaßte sich etwa ein Jahr lang immer wieder mit dem Traum und was er ihr über die schwierige Beziehung zu diesem Mann sagen wollte. Dann schrieb sie ein Gedicht, das zugleich Trauerarbeit und Vergangenheitsbewältigung in einem wurde. Die neuerliche Auseinandersetzung mit Traum und Gedicht, nochmals später, brachte dieses Geschehen der Selbsterfahrung, wie sie mir mitteilte, erneut in Gang, und zwar mit ungeahnter Intensität. Damit muß man also rechnen, wenn man sich auf Träume und auf ihre literarische Umsetzung einläßt!
Ein folgenloser Spaß ist das selten. Aber es lohnt sich auch! Gundhild Bohm schrieb mir dazu:

"Das Gedicht beunruhigte mich, sein merkwürdig volksliedhafter Charakter, sein trauriger Ausklang. (In der Wirklichkeit schien doch der Freund nicht verloren.) Ich verstand schließlich, daß ich die Mitteilung des Traumes vom Verfehlen von Leben und Liebe noch einmal bekommen hatte. Das Gedicht erschien mir als ein Gefäß, in dem eine Lebensaussage steckt, die ich mir in ihrem ganzen Bedeutungsausmaß noch nicht in mein Bewußtsein holen konnte. Mein Wissen, vor mir selbst versteckt und dringend benötigt. Ich hatte also eine Entdeckung zu machen, die in mein Selbstverständnis als engagiert tätige, durchsetzungsfähige, selbständige Frau, die sich ihre Aufgaben bewußt gewählt hat, nicht hineinpassen würde. Ich fühlte mich unwohl genug, um weiterzufragen.
Ich konzentrierte mich einige Sommertage hindurch auf Traum und Gedicht als Antwortbehälter und fand den Schlüssel. Vom Morgentraum hatte ich die Mitteilung angenommen, daß die Frau, wenn sie sich töchterlich verhält, den Liebsten verfehlt. Mann und Frau können sich dann nicht auf einer Ebene - von gleich zu gleich - begegnen.
Im Traum wie in der Realität bekannte ich mich nicht ganz zu mir selbst, zu sehr glaubte ich, für andere dasein zu müssen. Ich verschob einen Gutteil meines eigenen Lebens, meiner Ziele in die Zukunft. Ich war nicht ganz frei. Dasmachte mir Angst und engte die Begegnung mit dem ersehnten Du ein.
Das Gedicht rührte an meine Schuldgefühle mir selbst und diesem Mann gegenüber. Das Gedicht zeigte mir auch, wie Frau und Mann, Ich und Du sich spiegeln: Der Mann, der da auftritt, zeigt sich ebenfalls nicht ganz, er sagt seiner Liebsten nicht, daß er sich allein gelassen fühlt, er verschwindet wortlos.
Des Traumes Textgestalt, sein Anklang an Märchen undVolkslied ließ mich eine noch unverstandene symbolische Bedeutung der Gestalten vermuten. Repräsentieren nicht alle Traumerscheinungen Haltungen und Kräfte des Träumendenselbst, bewußte und unbewußte, verdrängte, abgespaltene,verneinte, vergessene, die in ihm wirken? Mann und Frau zusammen im Traum: die menschliche Ganzheit des Träumers, derTräumerin, meine eigene Ganzheit.
Wer begegnet und verfehlt sich in Wahrheit im Morgentraum, erscheint im Gedicht? Bin ich nicht beide: die Frauund der Mann? Eine Selbstbegegnung... Ich erkenne mich in der eifrigen fürsorglichen Tochter, ich erkenne mich in dem begabten, weltfrohen, zielbewußten und erfolgreichen Mann.Sie sind beide (und nicht nur sie) in mir. Wie also lautet die Traumbotschaft?
Ich fand sie in der schlankeren Form des Gedichts. Sie war mir damals nicht mehr ganz neu, aber erst nachdem ich das Gedicht ein Jahr lang immer wieder gehört hatte, nahm ich sie ganz ernst: Auch ich hatte einst die traditionelle Selbstspaltung des Mädchens, der Frau vollzogen, den halben Selbstverzicht unbewußt in der Einordnung bzw. Unterordnung unter das herrschende traditionelle Familiensystem. Es war uns zu Hause so traditionell gar nicht mehr erschienen...
Das Gedicht sagte mir: Solange ich mich vordringlich um das Wohl anderer Menschen kümmere und dabei das meine vernachlässige, habe ich einen Gutteil meiner Kräfte nicht zu meiner Selbstverwirklichung zur Verfügung, schon gar nicht meinen Verstand, meine Werkbegabung, meine Durchsetzungskraft und was der sogenannten männlichen Eigenschaften mehr in mir sind. Nicht meine Freude.
Das Gedicht klingt traurig aus. Es mahnte mich unüberhörbar. Ich mahnte mich unüberhörbar. Es war hohe Zeit, daß ich meine verschiedenartigen Fähigkeiten zusammenwirken ließ zumkräftigeren Wachsen meines eigenen Lebens."

Hier nun Gunhild Bohms fertiges Gedicht:


Im Morgentraum heute
ach endlich kommst du
ins Elternhaus voller Besucher
treppauf und treppab
bring ich dem Bruder Kaffee
in sein Zimmer
in alle Räume
Kuchen Geschirr und bis
hinaus auf die Terasse
Kannen voll Tee

Wo bist du mein Lieb?
Warst eben noch hier
Ich find dich im Haus nicht
Der Garten ist leer
Vater und Mutter sagen:

Es gibt dich nicht mehr.




24. Ein zweites Leben


Auch Gerhard Hauptmanns Leben und seine Dichtungen, vor allem die Alterswerke, sind geprägt durch den Traum.
„Dennoch muß hier sogleich gesagt werden“, warnt sein Biograph KurtLothar Tank, „gerade weil der Dichter den Traum als 'durch und durch poetisch' zu empfinden geneigt war: Traum ist noch nicht Gestaltung. Der Traum ist eine der Voraussetzungen für das Schaffen...
Der Traum regt an, er erweitert den Blick, er überwältigt, aber er bleibt doch, wenn auch auf höherer spiritueller Stufe, lediglich Rohstoff (vielleicht Rohform) für den Dichter... (Tank, S. 143)
Aber der Traum, und dies zu zeigen war meine Absicht beim Schreiben dieses abschließenden Kapitels, trägt auch schon seine ganz eigene Poesie in sich selbst, ja ist immer schon Poesie: eben das Traumhafte.
Das wußten die Surrealisten. Das wußten vor ihnen die Romantiker. Das wußten die schöpferischen Menschen zu allen Zeiten.
Kein Zufall ist es also,daß in der Bibel, in allen anderen heiligen Schriften, dem Traum an Schlüsselstellen von den Verfassern eine zentraleRolle zugewiesen wird.



25. Gerard de Nervals "Aurelia"


Der Traum verweist nicht nur auf die andere Wirklichkeit des Schlafs - er deutet unmißverständlich auch an, daß es hinter den Kulissen unseres oft so blassen, nüchternen Alltags noch eine andere, eine buntere Welt gibt – ein zweites Leben, wie der französische Dichter Gerard de Nerval (1808 - 1855) in seiner Erzählung Aurelia geschrieben hat.
Er verfaßte diese Novelle, nachdem er sich unglücklich in dieSchauspielerin Jenny Colon verliebt hatte und über der Hoffnungslosigkeit dieser Liebschaft zeitweise buchstäblich wahnsinnig geworden war. Aurelia ist sein letztes Werk. Deshalb mag ihm noch eine zusätzliche Bedeutung und Tiefe des Einblicks zukommen, ähnlich wie Martin Gregor-Dellins Italienischem Traumbuch.
Ich denke, Nervals Worte sind auch eine schöne Zusammenfassung und ein passender Abschluß dieses Essays über die Träume:

Der Traum ist ein zweites Leben. Niemals drang ich ohne Schauder durch diese Pforten aus Elfenbein oder Horn, die uns von der Welt des Unsichtbaren trennen. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes; ein betäubender Nebel hüllt unser Denken ein, und wir sind außerstande, mit Sicherheit den Augenblick anzugeben, in dem unser Ich in verwandelter Gestalt das Geschäft seines Daseins fortführt. Undeutlich liegt ein unterirdisches Gelände vor uns, das sich erst allmählich lichtet, und langsam tauchen aus Nacht und Düster in strenger Erstarrtheit die bleichen Gestalten auf, die den Vorhof der Unterwelt bewohnen.
Dann vervielfältigt sich das Bild, und von einer neuen Helle beglänzt beginnen diese seltsamen Erscheinungen sich zu regen: - die Geisterwelt hat sich aufgetan.



26. Träume in Leben und Werk Gerhart Hauptmanns


Gerhart Hauptmann gestand einmal als Achtzigjähriger seinemAssistenten C.F.W. Behl, der Traum sei ihm stets eine grauenhaft-große Erkenntnisquelle gewesen. Im Grunde sei er eine heitere Natur und doch habe er das Grauen der winzigen menschlichen Existenz im ungeheuren Weltall schon als Kind traumhaft erfahren.
In Hanneles Himmelfahrt werden sehr präzis die verschiedenen Traumstufen erfaßt. Und sein Biograph Kurt Lothar Tank schreibt sogar:
„Man könnte die Biographie Gerhart Hauptmanns als die Geschichte seiner Träume und Traumdichtungen schreiben....
Von einigen der sehr lebhaften und niemals aussetzenden Träume erzählt die Autobiographie Das Abenteuer meiner Jugend. Mit zum eindringlichsten gehört ein Traum, den der siebzehnjährige Guts-Eleve an einem Wintermorgen um drei Uhr morgens zwischen dem ersten Glockenschellen des Nachtwächters und dem zweiten, also in fünf oder sechs Sekunden, gehabt hat. In diesem einen Traum konzentrierte und entfaltete sich in einer zugleich realen und symbolischen Form das gesamte bisherige Leben des jungen Gerhart. Dieser Traum, in dem wohl so etwas wie eine geistig-künstlerische Erweckung beschlossen lag, beendete die Kindheit. Es war ein Abschied, und es war zugleich eine Wiederkehr. (Tank, S. 145)
Dieser Traum hat folgenden Inhalt, in Hauptmanns eigenen Worten:
„Etwas wurde zu Grabe getragen, ohne daß ein Sarg sichtbar ward. Aber das Tote, das Verstorbene, von dem es Abschied zu nehmen galt, war trotzdem da. Es war jetzt noch da ohne Form und Gestalt, und ich konnte darauf hinabsehen. Der Begriff der Kindheit deckt sich vielleicht damit. Allein diese Kindheit war eine Welt, die mit vielen trappelnden Unschuldsfüßen sich selbst zu Grabe trug und vorher zum letzten Abschied schritt.“



27. Steven King und die Albträume


- noch kein Text -



28. Ein Albtraum wird zu einem Bestseller: Schätzings "Der Schwarm"


Der dickleibige Roman Der Schwarm von Frank Schätzing wurde 2004 zu einem erstaunlichen Bestseller mit (bis Feb 2005) über 200.000 verkauften Exemplaren. Dies ist umso überraschender, als es sich um ein ausgesprochen "verrücktes" Szenario nach Art der Science Fiction handelt (was allerdings erst in den Schlußkapiteln dieser 996 Seiten sichtbar wird):

Es zeigt sich, daß auf dem Grund der Weltmeere eine (in den Augen von uns menschlichen Individuen) seltsame, äußerst fremdartige Wesenheit lebt (eben der "Schwarm" des Titels). Schätzing nennt sie "Yrr". Sie besteht aus Trillionen von Einzellern, die sich schon Millionen von Jahren vor der Entstehung des Homo sapiens zu einer komplexen Super-Intelligenz vernetzt haben. Und dieses Wesen beginnt sich nun immer brutaler zu wehren gegen das, was die Menschen in ihrer Sorglosigkeit und Gier der Biosphäre der Erde und speziell den Meeren angetan haben.

Nicht nur die Meeresbiologen sind begeistert von dem sehr genau recherchierten Werk, sondern offenkundig auch sehr viele normale Leser. Diese schätzen diesen Roman nicht nur wegen der Fülle seiner Informationen über Meeresbiologie und das Geschehen in den Ozeanen überhaupt, sondern nicht zuletzt auch deshalb, weil er unglaublich spannend und lebendig erzählte ist.

Die Lektüre hat inzwischen nach Angaben des Verlags sogar 20 Menschen das Leben gerettet: Einer von ihnen hatte des Kapitel "Tsunami" gelesen und wußte deshalb Bescheid über dieses gefährliche Phänomen, das nach Seebeben auftritt. Er konnte seine Nachbarn am Strand im Süden von Sri Lanka rechtzeitig warnen, als dort am 26. Dezember 2004 die gigantischen Monsterwellen anrollten und rund um den Indischen Ozean etwa 250.000 Menschen töteten.

Was mir besonders gefallen hat, ist die vom Autor verschiedentlich hervorgehobene Tatsache, daß es ein lebhafter Traum war, der ihn veranlaßte, das Buch zu schreiben.

(S. auch meine Kurzrezension: Frank Schätzing: "Der Schwarm")


Bibliographie

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© 2019-03-20 / 2000 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de