BEGEHBARES LABYRINTH IN CH-3935 BÜRCHEN

Ein Ort der Besinnung und des Nachdenkens



20 Jahre war es nur ein Tagtraum. So lange existiert die Idee, ein begehbares Labyrinth auszulegen. Dafür braucht man ein geeignetes Grundstück von gut 500 Quadratmetern, und das ist gar nicht so leicht zu finden.

Im August 2002 wurde der Platz gefunden und bald darauf die Struktur mit Steinen ausgelegt. Am 13. September 2002 wurde das Birken-Labyrinth im Kreis aller, die bei seiner Entstehung beteiligt waren, eingeweiht. Seitdem kann es "begangen" werden.
Nachtrag 18. März 2019: Leider muss vermerk werden, dass infolge eiens Verkaufs der Wiese das Labyrinht nicht mehr existiert. Schade - aber "that´s life".


(Abb.: Der "Schwellenhüter" am Eingang des Labyrinths von Bürchen - Steinmetzarbeit von Robert Jez aus dem Jahr 2005 / Foto: J. vom Scheidt)

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[2019-03-18 ok / ur 2002-07-02]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)

18. März 2019
Leider muss vermerkt werden, dass infolge eines Verkaufs der Wiese das Labyrinth nicht mehr existiert. Schade - aber "that´s life". Ebenso gibt es meinen Labyrinth-Blog bei den SciLogs nicht mehr - einige dorhin auf Beiträge von mir verweisende Links funktionieren deshalb nicht mehr - andere schon, weil sie sich weiterhin im Archiv von SciLogs befinden.
Somit ist die Fotostrecke hier auf der Website alles was es davon noch gibt - gewissermaßen ein "Virtuelles Birken-Labyrinth". Ist doch auch was:
Ein Labyrinth entsteht (Foto-Essay)

24. März 2010
Höchste Zeit, dass ich wieder ins Wallis komme und nach dem Labyrinth schaue.

Seit ich an meinem neuen Roman arbeite, in dem dieses Birken-Labyrinth vorkommen wird, ist das Labyrinth-Thema für mich noch wichtiger geworden und damit vor allem auch dieses konkrete, begehbare Labyrinth in Bürchen - auch wenn es nun - s. oben - leider nidht mehr existiert.




5. Okt 2007
Jedes Jahr bin ich zu Besuch im Wallis und gehe einige Male durch das Labyrinth. Ich freue mich, daß jemand ab und zu das üppig wuchernde Gras zwischen den Begrenzungslinien der sieben Bogengänge mäht. Ich entdecke dabei kleine Zeichen von anderen Besuchern: neue Steine, eine abgebrannte Kerze (da hat wohl jemand meditiert).

Auch Spuren von Vandalismus sind gelegentlich zu erkennen - eine zerschlagene Schnapsflasche, Traktorspuren (weil ein übereifriger Einheimischer das Nachbarfeld schnell erreichen wollte). Damit war zurechnen, bei so einem öffentlichen Angerbot. Aber das hält sich zum Glück in Grenzen. Ich möchte nicht wissen, wie ein solches Labyrinth im Englischen Garten in München schon nach wenigen Tagen aussehen würde!



15. Sep 2005
Robert Jez, Teilnehmer eines Wallis-Seminars, hat aus einem Steinblock eine beeindruckende Figur geschlagen, die nun am Eingang zum Labyrinth wie ein Hüter der Schwelle die Besucher begrüßt:

[img:wallis_bl-28_schwellenhueter.jpg:400]

Abb. 1: Der Schwellenhüter am Eingang des Birkenlabyrinths - eine Steinmetzarbeit von Robert Jez, Wien, aus dem Jahr 2005


10. August 2004
Inzwischen gibt es am Eingang des Labyrinths eine Schautafel und einige Wegweiser in der Umgebung machen auf seine Existenz aufmerksam, Diese Schautafel erläutert Sinn und Entstehung der Struktur. Außerdem gibt es einen Flyer mit den wichtigsten Informationen, der im Büro von Bürchen Tourismus erhältlich ist. .

Die kleine Birke, die 2002 im Zentrum des Labyrinths gesetzt worden war, hat den zweiten Winter leider nicht überstanden. Aber es wird bald Ersatz dafür geben.



Inhalt
Ein Ort der Besinnung und des Nachdenkens
1. Das Birken-Labyrinth ist fertig
2. Was das Labyrinth nicht ist
3. Erleben und Selbsterfahrung
4. Labyrinthe und Irrgärten
5. Zur Geschichte des Labyrinth-Motivs
6. Kataloge von Labyrinthen
7. Kleine Zeittafel



Montag, 23. September 2002

Das Birken-Labyrinth ist fertig


Bisher war es nur ein Tagtraum. Schon seit zwei Jahrzehnten habe ich die Idee, ein begehbares Labyrinth auszulegen. Dafür braucht man ein geeignetes Grundstück von gut 500 Quadratmetern und das ist gar nicht so leicht zu finden.

Dann ging alles plötzlich sehr schnell. Ein Grundstück (s. Foto) fand sich und am Freitag, den 13. September 2002 konnte das Labyrinth bereits mit allen Beteiligten eingeweiht und erstmals begangen werden.




Abb.: Hier ist Mitte September 2002 das Labyrinth von zwölf Bürchner Schulkindern aus rund 1.400 Steinen ausgelegt worden.

Die Entstehung und das Ambiente können Sie mit vielen Bildern entstehen sehen auf der Verzweigung EIN LABYRINTH ENTSTEHT.




Ein Ort der Besinnung und des Nachdenkens


[Einige Gedanken zur Entstehung des Projekts und dem Ort, an dem es realisiert wurde.]



2. Was das Labyrinth nicht ist


Das Labyrinth ist keine Rennbahn, die man möglichst rasch absolviert wie eine Gymnastikübung. Wer so etwas suchen sollte: Der Trimm-dich-Pfad "Vita Parcours" befindet sich oberhalb der Chalet-Zone (nahe der Egga). Auch ein interessanter Ort.

Aber hier, im Labyrinth geht es um das Gegenteil: Um geruhsame Entspannung. Um zu sich selbst zu kommen. Um Zentrierung. Um kreatives Nachdenken.

Im Mittelalter waren Labyrinthe in bedeutenden heiligen Orten, wie dem Westportal der Kathedrale von Reims, nicht zufällig als konzentrierte Pilgerpfade angelegt.



3. Erleben und Selbsterfahrung


Dieses Labyrinth ist gedacht als Ort der Besinnung und des Nachdenkens.
Aber auch Ausblick in die eindrucksvolle Umgebung dieses Ortes, der sich beim Gang durch das Labyrinth, hin- und herpendelnd wie der Verlauf dieses Weges, immer neu eröffnet: auf den Ort Bürchen mit seinen Weilern, auf das alles überragende Bietschhorn, auf das Augstbordmassiv, die Moosalp...

Dieses Birken-Labyrinth ist gewissermassen eine Erweiterung des Birkenlehrpfades, der vom Biologischen ins Psychologische und Geistige führt.

Während des geruhsamen Ganges zur Mitte des Labyrinths - die zu Beginn so zum Greifen nah erscheint und plötzlich ganz weit weg liegt - können Sie zu sich selbst kommen, sich gehend zentrieren.

Stellen Sie sich vor, das Labyrinth sei eine Art Modell Ihres Lebens. Der Eingang sei Ihr aktueller Lebensaugenblick, der Kern des Labyrinths der Zeitpunkt Ihrer Geburt.
Stellen Sie sich noch ein Dutzend oder mehr anderer markanter Ereignisse Ihres Lebenswegs zwischen diesen beiden Punkten der Gegenwart und der Vergangenheit vor.

Und gehen Sie nun langsam, sich erinnernd, zurück an den Anfang Ihres Lebens. Überdenken Sie, ohne zu bewerten, was geschehen ist. Hätten Sie etwas anders machen können? Hätte sich die eine oder andere Weiche anders stellen lassen?
Nehmen Sie das Vergangene so, wie es ist - gelassen betrachtend, was geschah. Aber nehmen Sie auch Anregungen auf, die Ihnen beim Dahinschlendern einfallen, was Sie in Zukunft anders machen könnten.

Das Labyrinth stimuliert Ihre Kreativität. Vielleicht nicht gleich beim ersten Hindurchgehen. Aber beim dritten oder fünften Mal. Auch Klavierspielen will geübt werden, bevor das Gespielte gut klingt. So ist es auch mit dem großartigsten und kompliziertesten Instrument, das wir alle haben: unser Seelenleben, unser Bewußtsein.

Man könnte das Labyrinth als eine Art Stimmgabel verstehen für dieses kreative Ueber sich und die Welt nachdenken.

Im Kern des Labyrinths angekommen, können Sie eine Weile über den Sinn Ihres Lebens meditieren.

Vielleicht schreiben Sie die so gefundenen Gedanken auf? Im Schreiben taucht nicht selten noch mehr, Neues, Anderes auf, an das man bisher gar nicht gedacht hatte. Legen Sie ein Tagebuch mit Tiefgang an, in denen Sie Ihre Labyrinth-Gedanken sammeln und ergänzen (zum Beispiel durch Träume).

Gehen Sie schließlich wieder zurück in die Gegenwart.

Es ist übrigens sehr stimmig, dass dieses Labyrinth leicht schräg angelegt ist und nicht auf einer waagrechten Fläche. So ist es mit dem Lebenweg auch. Der hat seine Ups and Downs, sein Hinauf und Hinunter, sein Àmbrúf un´ àmbri (wie die Bürchner sagen).

Sollten in Ihnen auf dem Weg zum Zentrum auch unangenehme Erinnerungen aufgestiegen sein - das ist völlig normal. Bedenken Sie, was der bedeutende Labyrinth-Forscher Hermann Kern (er hieß wirklich so) als Motto seiner Studie über diese geheimnisvolle und rätselhafte Struktur gestellt hat:


"Im Labyrinth verirrt man sich nicht
Im Labyrinth findet man sich
Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotauros
Im Labyrinth begegnet man sich selbst."





4. Labyrinthe und Irrgärten


Wenn Sie Ihre Tageszeitung (oder irgendein Buch) aufmerksam lesen, so werden Sie darin sehr häufig dem Wort Labyrinth begegnen. Es ist die Metapher, das Symbol schlechthin, mit dem ein Zustand der Unübersichtlichkeit, ja der Verwirrung bezeichnet wird.

Leider ist dies nahezu immer genau die falsche Bezeichnung: Gemeint ist in diesen Fällen stets ein Irrgarten oder Yrrinth (wie ich, der Autor dieser Zeilen, dies lieber mit einem Kunstwort aus Irrgarten und Labyrinth bezeichne - das Ypsilon zu Beginn soll für das Rätselhafte stehen).

Wenn Sie durch das vor Ihnen ausgelegte Labyrinth gehen, werden Sie rasch feststellen, dass die hin-und-her-pendelnde Bewegung, die Sie dabei vollziehen zwar zunächst etwas verwirrend wirken kann - daß Sie jedoch in dieser Struktur keineswegs "in die Irre gehen" können. Handelt es sich hier doch nur um einen einzigen Gang, ohne Abzweigungen und Sackgassen (ganz anders als beispielsweise beim echten Irrgarten von Evionnaz im Unterwallis.)



5. Zur Geschichte des Labyrinth-Motivs


Labyrinthe gibt es seit mindestens 5000 Jahren. Man findet sie überall auf der Welt, bei den Hopi-Indianern Amerikas ebenso wie bei den Indern. Ob sie dort spontan entstanden sind (was aufgrund der Komplexität des Symbols eher unwahrscheinlich ist) oder auf unbekannten Wegen von Kreta aus dorthin gelangt sind, weiß man (noch) nicht. Kreta gilt jedenfalls als Ursprungsland des deshalb so bezeichneten kretischen Labyrinths - wie Sie eines vor sich finden.

(Eine Art Gebäude mit Labyrinthischer Anlage hat man übrigens nie gefunden. Sir Arthur Evans, der Entdecker und Ausgräber von Knossos, der alten Hauptstadt der kretischen Kultur, hat sich getäuscht, als er den sehr verwinkelt und verwirrend angelegten dortigen Königspalast mit seinen vielen Zimmern für das Labyrinth hielt. Nach sehr überzeugender Ansicht von Hermann Kern dürfte es sich viel mehr um eine Art Choreographie für - heute noch durchgeführte - Labyrinth-Tänze gehandelt haben, vielleicht als Mosaik im Fußboden eingelegt.)

Auf Kreta hat auch die Sage vom Helden Theseus und seinem Kampf mit dem Ungeheuer Minotauros ihren Ursprung, der sich in jenem mythischen Labyrinth abspielte. Der Rote Faden der Prinzessin Ariadne ist sprichwörtlich geworden (den sie dem geliebten Helden zur Rettung mitgab). Der Name des Erfinders und Erbauers der Anlage, Daidalos, ist uns ebenso vertraut wie der seines unglückseligen Sohnes Ikaros, der bei der gemeinsamen Flucht aus dem - zum Gefängnis gewordenen - Labyrinth mit seinen künstlichen Flügeln der Sonne zu nahe kam und ins - nach ihm benannnte - Ikarische Meer stürzte.

Den Befehl zum Bau des Labyrinths gab König Minos, der dort die schreckliche Missgeburt des Minotauros verstecken wollte. Dieser war , wenn man so will, der erste Klon der Weltgeschichte (was der Labyrinthsage äusserst moderne Züge verleiht): Die Gattin des Königs, Pasiphae, wollte sich unbedingt mit dem Stier vereinigen, den Minos wegen seiner prachtvollen Erscheinung nicht dem Poseidon opferte. Daidalos baute ihr eine künstliche Kuh, in der sie sich versteckte und sich mit dem Stier paarte. Wir verstehen nun, weshalb König Minos den tüchtigen Erfinder dafür ins Gefängnis des Labyrinths verbannte!

Der Vater von König Minos war übrigens kein Geringerer als Göttervater Zeus, seine Mutter die Prinzessin Europa. Jene hatte der Gott, in Gestalt eines Stiers, einst nach Kreta entführt - vom Orient ins "Land des Westens und Abends", auf Phönizisch erope.

Die griechische Zwei-Euro-Münze hat diesen Ursprung der abendländischen Kultur, der so eng mit der Labyrinth-Sage verknüpft ist, gewürdigt: Sie zeigt den Zeus-Stier mit der Prinzessin auf dem Rücken. (Allerdings galoppieren sie von links nach rechts, also von Westen nach Osten - genau in die andere Richtung, wie es der Mythos angibt.)



6. Kataloge von Labyrinthen


Labyrinthe in der freien Natur gibt es inzwischen viele. Man könnte sogar, beginnend etwa in den 1980er Jahren, von einer Art Labyrinth-Bewegung sprechen. Sie hat eine ihrer Wurzeln in England und basiert dort auf der barocken Tradition der Garten-Irrgärten (die in ganz Europa verbreitet war). Auch in der Schweiz gibt es inzwischen viele Labyrinthe dieser Art, zum Beispiel in einem aufgelassenen Schwimmbad in Trogen bei Rorschach oder in Flüeli-Ranft (das Pflanzenlabyrinth von St. Dorothea).

Einen Katalog der Labyrinthe in der Schweiz findet man im Internet unter : http://www.labyrinth-project.ch/index.html

Weitere Labyrinthe im europäischen Raum findet man unter http://www.suedwest-verlag.de/labyrinthe/labyrinthe_links.html



7. Kleine Zeittafel


Diese Chronologie befindet sich noch im Aufbau - aber Sie finden schon eine Menge interessanter Informationen in unserer ZEITTAFEL LABYRINTHE


Bibliographie

Aurnhammer, Achim und Dieter Martin (Hrsg.) Mythos Ikarus - Texte von Ovid bis Wolf Biermann. Leipzig 1998 (Reclam Leipzig).
Betz, Otto: Labyrinth des Lebens. Freiburg 1999 (Herder).
Wolff, Uwe: Reise ins Labyrinth - Unterwegs zur eigenen Mitte. Freiburg 2001 (Herder).
Candolini, Gernot: Das geheimnisvolle Labyrinth. Augsburg 1999 (Pattloch) [Schöner Bildband].
Colli, Giorgio: Die Geburt der Philosophie". (1975) Frankfurt 1990 (Athenäum TB).
Dürrenmatt, Friedrich: Minotauros. Eine Ballade. Zürich 1985 (Diogenes).
Durrell, Lawrence: Das dunkle Labyrinth. (1947) Reinbek 1994 (Rowohlt) [Roman, der auf Kreta spielt].
Hocke, Gustav René: Die Welt als Labyrinth (Manierismus I). Hamburg 1957 (Rowohlt Enz).
Jaskolski, Helmut: Das Labyrinth12:38:37 Symbol für Angst, Wiedergeburt und Befreiung. Stuttgart 1994 (Kreuz).
Kern, Hermann: Labyrinthe - Erscheinungsformen und Deutungen. 5000 Jahre Gegegenwart eines Urbilds. München 1982 (Prestel).
Langgässer, Elisabeth: Das Labyrinth. Frankfurt am Main 1995 (Bibliothek Suhrkamp) [Der Titel leitet sich von einer der fünf Erzählungen ab.]
Morgenroth, Hannelore: Den roten Faden finden. München 1995 (Kösel).
Otto, Brinna: König Minos und sein Volk. Das Leben im alten Kreta. Düsseldorf 1997 (Artemis / Winkler).
Ransmayr, Christoph: "Das Labyrinth". In: -» Thalmayr, Andreas.
Siebenmorgen, Harald (Hrsg.): Im Labyrinth des Minos. Kreta - die erste europäische Hochkultur. München 2000 (Biering Brinkmann) [Eine Ausstellung des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe.]
Sinopoli, Guiseppe: Parsival in Venedig. (1993) München 2001 (Claassen). [Der bekannte Dirigent verirrt sich in seiner Heimatstadt "wie in einem Labyrinth" - das Labyrinth-Motiv gibt dem Buch seine Tiefgründigkeit].
Thalmayr, Andreas (d.i. Hans Magnus Enzensberger): Das Wasserzeichen der Poesie, oder: Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. Nördlingen 1985 (Greno: Die Andere Bibliothek) -
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1985-04-04/Südd. Zeitung: "Neugieriger Forscher" (Nachruf auf Herman Kern: 1941- 1985) /


© 2019-03-180 / 2002 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de