ATLANTIS (mit Musik)

Funk-Feature über den sagenhaften versunkenen Kontinent



Der Mythos erzählt eine Geschichte, die jedem Menschen vertraut ist: daß Altes untergehen muß, damit Platz wird für Neues. "Stirb und werde" - so formulierte es Goethe.

Aber der Atlantis-Mythos erzählt noch mehr, macht uns Tieferes zugänglich:
Er berichtet von der Sehnsucht nach dem untergegangenen Paradies. In psychologischer Sicht ist dies zuvorderst das Paradies der Kindheit.

Die moderne naturwissenschaftliche Impaktforschung (Gefahr durch Asteroiden und Kometen) eröffnet allerdings noch ganz andere Blickwinkel: der Mythos könnte - wie viele Sagen - einen wahren Kern haben.



(Die Graphik von Alfred Hertrich entstand 1950 als Schutzumschlag für das Sachbuch „Atlantis“ von Alexander Braghine.)

 
Details
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[2007-08-19 nok / ur 1991-07]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Das Folgende ist das Manuskript einer Sendung für den Bayrischen Rundfunk:
Trauminsel - Inseltraum: Atlantis und das Goldene Zeitalter der Menschheit

(geschrieben Juli 1991 / gesendet am 17. Juli 1991 / Dauer der Sendung: 85 Minuten)

In die überarbeitete Fassung vom 21. Dez 2001 wurden einige wenige Aktualisierungen eingefügt; ansonsten blieb der Text so, er ursprünglich war. Einige Kurz-Interviews [O-Ton] fehlen deshalb leider.

Jürgen vom Scheidt






Das Feature ist aufgebaut wie ein Theaterstück; das soll die dramatische Entwicklung im Verlauf des Mythos nachbilden:

Vor-Spiel

Erster Akt : Idylle, Paradies, Goldenes Zeitaltalter

Zweiter Akt : Unheil naht

Dritter Akt: Katastrophe und Untergang

Fünfter Akt: Katastrophe und Untergang

Nach-Spiel





Vor-Spiel


Musikakzent: Donovan
Donovan, CD 56 272 "Atlantis" - 30 sek

Autor:
Dieser eingängige Song hielt sich vor Jahren lange in den Hit-Paraden. Sein Thema "Atlantis" ist keineswegs neu, sondern Jahrtausende alt - eine Zeitspanne, die den Rahmen für diese Sendung absteckt, in der wir nicht nur verschiedenen Geschichtsepochen und Geistesströmungen begegnen werden, sondern auch verschiedenen Arten von Musik, Interviews und vielen interessanten Details. Das Interesse an Atlantis setzt schon früh ein - die Massenmedien sorgen dafür, die sich des geheimnisumwitterten Inselreichs schon immer gerne angenommen haben. Fragen wir ein neunjähriges Kind: Jonas, hast Du schon einmal von Atlantis?

O-Ton Interview: Jonas
1'20 min Jonas Zenhäusern, neun Jahre (Interview am 13. Juni 91)

Autor:
Nehmen wir einmal an - es GAB Atlantis wirklich ! Wie wäre das ? Fragen wir noch jemanden, der von Atlantis schon von Kindheit an fasziniert war, fragen wir die Schriftstellerin Barbara König. Atlantis - was fällt Ihnen zu diesem Stichwort ein?

O-Ton Interview: König
5'00 min Barbara König (Interview am 13. Juni 91)

Autor:
Alexander Braghine behauptete schon in den 30er Jahren, es gäbe 25'000 Bücher über Atlantis; andere sprechen sogar von 40'000. Diese ungeheuren Zahlen sind ebenso sehr unprüfbare Legende wie vieles andere bei diesem Thema. Immerhin: die Zahl beeindruckt und spiegelt etwas wider vom Gewicht, das dem Thema beigemessen wird - bis in unsere Zeit.

Seit mit dem Ersten Weltkrieg das Abendland als kultureller und gesellschaftlicher Kosmos zu versinken begann, sind - wohl kaum zufällig - jedes Jahr Dutzende von Büchern über Atlantis erschienen - sei es Sachbuch, sei es esoterische Spekulation, sei es Roman. Braghines Buch erschien 1939 - im selben Jahr, als Hitler die Welt überfiel und dem alten Regime den Todesstoß versetzte. Da ist in der Tat eine Welt untergegangen: das alte Feudalsystem der Kaiserzeit. Doch kehren wir zurück in die Gegenwart. Lesen wir eine Annonce in der "Frankfurter Allgemeinen" vom 20. Mai 1991:

Zitat: FAZ
"Wohin gehen Sie, wenn akute Kriegsgefahr, Terror das Leben hier unerträglich machen? Wir bieten Ihnen sichere Fluchtmöglichkeiten auf luxuriösen Segeljachten z.B. in die polynesische Inselwelt. Sichern Sie sich einen Platz! Ab 150'000 Mark."

Autor:
Kriegsgefahr, Terror - Doch es gibt noch manches andere, was uns zur Flucht auf "luxuriösen Segeljachten" verführen könnte. Wenn die Vulkane ausbrechen - wie auf den Philippinen und in Japan - Wenn Stürme das Meer aufpeitschen und es an den Küsten heißt "Land unter" - wie in Bangladesh -

Wenn sich die Anzeichen für einen möglichen Weltuntergang mehren - dann ist die Zeit gekommen, daß die Menschen sich an den sagenhaften Kontinent "Atlantis" erinnern, der einst in Feuer und Wasserfluten versunken ist - einer uralten Überlieferung nach, deren Raunen über die Jahrtausende hinweg nie verstummte und die heutzutage sicher von mehr beklemmender Aktualität ist als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Am 11. Juni 1991 meldete die "Süddeutsche Zeitung":

2. Zitat: SZ
"Seit Wochen warteten Journalisten, Geologen und Feuerwehrleute, aber auch neugierige Touristen und Anwohner mit wachsender Ungeduld, ob der Berg nun explodiert. Nun hat der Unzen-dake, ein 1360 Meter hoher Vulkan auf der Shimbara-Halbinsel in Südjapan, zugeschlagen. Donner grollte und die Erde bebte, als der hinter einer Regenwand verborgene Gipfel ... plötzlich fünf Minuten lang glühendes Geröll und Asche spie. Zugleich quollen dicke dunkle Dampfwolken aus dem Krater und stiegen kilometerhoch in den grauen Himmel.

Der feurige Brei aus Lava, Steinbrocken und mit Regen vermischter Asche strömte mit rasender Geschwindigkeit zu Tal, setzte Bauernhäuser, Terassenfelder und Waldstücke in Brand. 20 Menschen konnten nicht schnell genug fliehen und erlitten zum Teil schwere Verbrennungen, weitere 26 ... werden noch vermißt. Mehr als 6000 Menschen wurden in Sicherheit gebracht...

(alternativ: Radio-Meldung vom 17. Juni 91, 8.30 h Bayern 5)

Autor:
Schon 1972 hatte der Unzen-dake gewütet und an der gegenüberliegenden Küste von Kumamoto etwa 20'000 Menschen getötet und viele tausend Häuser zerstört. Es hat schon immer schreckliche Katastrophen gegeben - kollektive und individuelle. Aber was auf UNS zukommt ist neu im Ausmaß und in der Ursache, vor allem ist es weitgehend selbstgemacht. Katastrophen gigantischen Ausmaßes bedrohen die Menschheit - und es ist gut vorstellbar, daß nicht nur eine Insel, oder ein Kontinent untergeht, sondern die ganze Welt. Zumindest ist die Menschheit heute durchaus in der Lage, sich durch mehrfachen atomaren Overkill auszulöschen.

Aber selbst wenn das vermieden wird - bedroht uns nicht eine Klimakatastrophe, die den Spiegel der Weltmeere viele Meter in die Höhe treiben kann? Da würde noch viel mehr untergehen als nur ein einziger Kontinent: nämlich die Küstenränder sämtlicher Erdteile und dort wohnt der größte Teil der Menschheit !
Aber nicht nur drohender Untergang läßt den Jahrtausende alten Mythos um das einst versunkene Atlantis wieder ins Bewußtsein der Menschen treten - die Sehnsucht nach der Insel, auf die man sich in Ruhe vor den Schrecken dieser überfordernden und gefährlichen Zivilisation retten könnte, ist vermutlich noch älter als die Berichte vom Untergang solcher Idyllen und Paradiese.

Aber Inseln und Kontinente sind nicht nur vom Untergang bedroht. Sie können auch wieder auftauchen - und sei es nur aus dem Meer der Geschichte, in das sie, scheinbar für alle Zeiten, versunken waren.

Musikakzent: Neumann
Günther Neumann und die "Insulaner" (30 sek) "Berlin bleibt doch Berlin" ("... daß ganz Berlin einst wieder ein Teil vom Festland wird...")

Autor:
Der Mythos der versunkenen Insel ist also nicht nur eine Geschichte "von den alten Griechen", wie man meinen könnte, sondern hat eine geradezu bestürzende Aktualität. Es ist ja für die Deutschen nicht nur Berlin für fast ein halbes Jahrhundert zu einer sehr schwer erreichbaren "Insel" geworden - es wurde, mit der DDR, wirklich fast ein ganzer Kontinent infolge der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs für den westlichen Teil des Landes auf ähnliche Weise abgetrennt wie vor Urzeiten das sagenhafte Atlantis von der übrigen Welt.

Die Ähnlichkeiten der aktuellen Zeitgeschichte mit dem vor 2'400 Jahren von Platon aufgeschriebenen Mythos gehen aber noch viel weiter: Damals schrieb man den Untergang den Verfehlungen der Atlanter zu, ihrem Hochmut und Götterfrevel - ihrer Hybris also, wie die Griechen sagten. DDR und Berlin gingen unter infolge der großdeutschen Hybris der Nazis.

Die alte Atlantis-Sehnsucht hat in manchen Versionen auch diesen Aspekt: daß der versunkene Kontinent irgendwann wieder aufsteigen möge. Für die Deutschen hat er sich erfüllt, wenn auch die Wehen dieser Wiedergeburt noch lange zu spüren sein werden.
Doch wenden wir uns nach diesem Ausflug in die Gegenwart wieder dem Original zu: dem Original-Mythos von der Insel Atlantis, die einst Sitz eines blühenden Geschlechts war - und von den erzürnten Göttern vernichtet wurde.





Erster Akt : Idylle, Paradies, Goldenes Zeitalter



Musikakzent: Zara-Thustra
Zara-Thustra (ST 86 847) 2'00 : "Atlantis" (lp "Ritter der neuen Zeit", WeryTon)

Autor:
Eine Fanfare bläst - zum Untergang? Der Text des Liedes macht immerhin Hoffnung. An dieser Hoffnung läßt es der uns bekannte Urheber der ganzen Atlantis-Geschichte sehr fehlen. Platon lebte von 428 bis 347 vor Christus in Athen, also vor fast zweieinhalb Jahrtausenden. Er gilt als einer der größten griechischen Philosophen. Es heißt, daß er - wie vor ihm Pythagoras - ein Eingeweihter in die uralten Mysterien war.
Den Mythos von Atlantis, der von den esoterischen Überlieferungen der Ägypter zehrt, schrieb er in zwei Teilen, denen angeblich ein dritter folgen sollte. Er starb, ehe der zweite Bericht, der Kritias-Dialog, beendet war. Dieser bricht mitten im Satz ab, als gerade der Göttervater Zeus auf dem Olymp vor den versammelten Göttern den Fluch zur Vernichtung der hochmütig gewordenen Atlanter aussprechen möchte.
Zunächst werden wir im ersten, im Timaios-Dialog auf die höchst umständlichen und - bei genauer Betrachtungsweise ja auch sehr zweifelhaften - Wege der Überlieferung des Mythos hingewiesen, aus denen Platon kein Hehl macht. Ja er hebt deren zweifelhafte Wurzeln im Dunkel der tiefsten Vergangen- heit - neuntausend Jahre zurück ! - sogar noch deutlich hervor, wenn er den Kritias sich erinnern läßt:

3. Zitat:Platon #1
„So vernimm denn, Sokrates, eine gar seltsame, aber durchaus in der Wahrheit begründete Sage, die einst der weiseste unter den Sieben, Solon, erklärte. Dieser war nämlich, wie er selbst häufig in seinen Gedichten sagt, unserem Großvater Dropides vertraut und befreundet; der aber erzählte wieder unserm Großvater Kritias, wie der alte Mann wiederum uns zu berichten pflegte, daß gar große und bewunderungswürdige Heldentaten unserer Vaterstadt aus früher Vergangenheit durch die Zeit und das Dahinsterben der Menschen in Verges- senheit geraten seien, vor allem aber eine, die größte.“
(Platon: "Timaios"-Dialog, zit.n. "Platon" Bd. V, Rowohlt Klassiker, Hamburg 1959, S. 147)

Autor:
Nachdem Platon im knapperen Timaios-Dialog den Akzent vor allem auf die Untergangs-Düsternis gelegt hatte, holt er nun, im Dialog des Kritias, die Schilderung des paradiesischen Eilands nach:

4. Zitat: Platon #2
„... In dem damaligen noch unversehrten Lande ... erschienen die Berge wie Erdhügel, die Talgründe des jetzt sogenannten Phelleus waren mit fetter Erde bedeckt, und die Berge be- kränzten dichte Waldungen, von denen noch jetzt augenfällige Spuren sich zeigen. Denn jetzt bieten einige der Berge nur den Bienen Nahrung; vor nicht gar langer Zeit aber standen noch die Bedachungen von zum Sparrwerk tauglichen, dort für die größten Bauten gefällten Bäumen unversehrt. Auch trug der Boden viele andere, hohe Fruchtbäume und bot den Herden höchst ergiebige Weide; vorzüglich aber gab ihm das im Laufe des Jahres vom Zeus entsandte Wasser Gedeihen, welches ihm nicht, indem es wie jetzt bei dem kahlen Boden in das Meer sich ergoß, verlorenging; sondern indem er viel Erde besaß, in sie es aufnahm und es in einer schützenden Tonschicht verteilte, entließ er das von den Höhen eingesogene Wasser in die Talgründe und gewährte allerwärtshin reichliche Bewässerung durch Flüsse und Quellen, von welchen auch noch jetzt an den ehemaligen Quellen geweihte Merkzeichen zurück- geblieben sind, daß das wahr sei, was man jetzt davon erzählt. ("Kritias", S. 221)

Autor:
Die fruchtbare Idylle hat allerdings, wenn wir sie mit heutigen Augen betrachten, auch deutliche furchtbare Akzente: das sind die zehn herrschenden Könige mit ihrer gewaltigen Schar von Leibwächtern und Kriegern, ohne welche das atlantische Paradies offensichtlich nicht zu halten war:

5. Zitat:Platon #3
„Auf den oberen Teilen hatte bloß der Stand der Krieger für sich allein, um den Tempel der Athene und des Haphaistos herum, seine Wohnungen, die sie, wie den Garten eines und des selben Hauses, noch mit einer Ringmauer umgeben hatten. Denn die Nordseite bewohnten sie, wo sie gemeinsame Gebäude und Speisesäle für den Winter und alles dem gemeinschaftlichen Staatsleben an Wohnungen für sich und die Priester Zukommende aufgeführt hatten, doch ohne Anwendung von Gold und Silber, dessen sie durchaus in keinem Falle sich bedienten, sondern, die Mittelstraße zwischen stolzem Prunk und kleinlicher Dürftigkeit haltend, erbauten sie schmucke Wohnhäuser... So eingerichtet, wohnten sie als Wächter der eigenen Mitbürger, als Anführer der übrigen Hellenen mit deren Willen, und sie gaben darauf acht, daß die Zahl ihrer Männer und Frauen möglichst immer dieselbe bliebe, nämlich die noch zum Kriege fähig war und die schon; sie belief sich ungefähr auf 20'000." ("Kritias", S. 222)

Autor:
Interessante Aufschlüsse über Platons Phantasiereichtum und Wunschdenken sowie über seine Vorstellungen vom "Idealen Staat" gibt schließlich jener Abschnitt im Kritias-Dialog, der die zentrale Königsburg und den Tempel des Poseidon beschreibt:

6. Zitat:Platon #4
„Der Königssitz innerhalb der Burg war folgendergestalt auferbaut. Inmitten desselben befand sich ein unzugängliches, der Kleito und dem Poseidon geweihtes Heiligtum, mit einer goldenen Mauer umgeben, ebenda, wo einst das Geschlecht der zehn Herrscher erzeugt und geboren wurde. Dahin brachten sie jährlich aus den zehn Landschaften jedem derselben die Früchte der Jahreszeit als Opfer. Der Tempel des Poseidon selbst war ein Stadion lang, 500 Fuß breit und von einer entsprechenden Höhe, seine Bauart fremdländisch. Von außen hatten sie den ganzen Tempel mit Silber überzogen, mit Ausnahme der mit Gold überzogenen Zinnen. Im Inneren war die Wölbung von Elfenbein, mit Verzierung von Gold und Silber und Bergerz; alles übrige, Wände, Säulen und Fußboden, bedeckten sie mit Bergerz. Hier stellten sie goldene Stand- bilder auf; den Gott stehend, als eines mit sechs Flügelrossen bespannten Wagens Lenker, der vermöge seiner Größe mit dem Haupt die Decke erreichte; um ihn herum auf Delphinen hundert Nereiden, denn soviel, glaubte man damals, gäbe es von ihnen. Auch viele andere, von Männern aus dem Volke geweihte Standbilder befanden sich darinnen; außerhalb aber umstanden den Tempel die goldenen Bildsäulen aller von den zehn Königen Abstammenden und ihrer Frauen sowie viele andere große Weihgeschenke der Könige und ihrer Bürger aus der Stadt selbst und dem außerdem ihrer Herrschaft unterworfenen Lande. Auch der Altar entsprach, seinem Umfange und seiner Ausführung nach, dieser Pracht, und ebenso war der königliche Palast angemessen der Größe des Reiches und angemessen der Ausschmückung der Tempel. ("Kritias", S. 226)

Autor:
Wie läßt sich Platons Bericht einschätzen? Hierzu der in München lebende Philosoph und Journalist Klaus Podak:

O-Ton Interview: Podak
Klaus Podak - 5 min
[Was sagt uns die klassische Philosophie über Platons "Atlantis"?]

Autor:
Platon hat zwar die Tradition des Mythos begründet - aber diese hat sich längst verzweigt, wie es sich für ein gesundes Gewächs gehört. Heute konkurrieren bereits vier solcher Atlantis-Überlieferungen miteinander - die allerdings kaum in Kontakt stehen, ja die sich - so hat man den Eindruck - manchmal sogar spinnefeind sind.
° Da ist zunächst einmal Platons Bericht selber. Er wurde und wird an den Universitäten in den Vorlesungen und Seminaren über klassische griechische Philosophie behandelt - in der Regel eine eher trockene Pflichtübung, die sich in der Verborgenheit eines kleinen Kreises von akademischen Lehrern und Studenten abspielt.

° Dann diskutiert und spekuliert man sehr intensiv in den verschiedensten esoterischen Zirkeln über Atlantis. Das begann vor über hundert Jahren mit den Visionen und ausgedehnten Studienreisen der aus der Ukraine stammenden Helena Petrowna Blavatsky. Für den deutschen Sprachraum der wichtigste Repräsentant dieser esoterischen Atlantis-Überlieferung ist Rudolf Steiner, während die theosophische Richtung der Madame Blavatsky (von der sich Steiner ja einst ableitete, dann abspaltete) vor allem im angloamerikanischen Sprachraum nach wie vor sehr eifrig tätig ist.

° 1892 (Madame Blavatsky war gerade ein Jahr zuvor verstorben) erschienen die aufsehenerregenden Bücher von Ignatius Donnelly und William Scott-Elliot, zufällig beide im selben Jahr. Sie repräsentieren den dritten Weg dieser Überlieferung: mehr oder minder hoch-spekulative Sachbücher, stets von Außenseitern geschrieben, die den Mythos eifrig weiter- verbreiten und dafür sorgen, daß das Interesse daran nicht erlischt: Alexander Braghine, Otto Muck und - in jüngster Zeit - Charles Berlitz wären da außerdem zu nennen.

° Noch populärer geht es schließlich in den Fantasy-Romanen von Marion Zimmern Bradley und Jane Gaskell und so manchem Science-Fiction-Schmöker zu.
Addiert man alle diese Atlantis-Impulse, so muß man mit Erstaunen feststellen, daß dieser doch sehr wichtige Mythos sein Überleben bis in unsere Tage keineswegs den nüchternen Bemühungen der Philosophieprofessoren verdankt - da wäre die Erinnerung an Atlantis längst ebenso versunken wie die Insel selber - sondern nahezu ausschließlich den so gerne gescholtenen Esoterikern und den Trivialautoren. Auch der Film hat übrigens kräftig zur Atlantis-Legende beigetragen - man hatte das flimmernde Medium kaum erfunden, als schon Pierre Benoits Fantasy-Roman "L'Atlantide" verfilmt wurde - dreimal inzwischen.

Sobald Computer-Spiele in den 90er Jahre populär waren, avancierte Atlantis sofort zum Thema, von dessen Wortmagie man sich offenisichtlich - und nicht zu Unrecht - gute Kaufanreize versprach. Den vierten Teil seiner Filmserie über den unerschrockenen Helden Indiana Jones setzte Steven Spielberg gar nicht erst für die Leinwand um, sondern für den Computer-Monitor: „Indiana Jones and the Fate of Atlantis“ hieß das Produkt. Es hatte 1992 großen Erfolg - genau wie 1997 ein zweites Computer-Spiel mit dem schlichten Titel „Atlantis“.

Und dann die Musik ! Im Archiv des Bayrischen Rundfunks ist das Stichwort "Atlantis" 326 mal vertreten, darunter etliche Langspiel-Alben, Rock-Formationen und ganze Opern. Dem Neugierigen werden 60 verschiedene Musik-Stücke genannt, klassische Werke ebenso wie gefällige Film-Untermalungen, fetzige Rock-Nummern, meditative "New Age"-Legenden, atonaler Jazz, gefällige Schlager und sogar ein "Atlantis"-Marsch.
Hören wir aus diesem reichen Angebot von Chris Wolf den Song "Die Lichter von Atlantis":

Musikakzent: Wolf
Chris Wolf (ST 93 103) "Lichter von Atlantis" 1.00 min
[Pathetischer Soft Rock - "Die Lichter von Atlantis leuchten in die Nacht hinein..."]

Autor:
Einer, den es auf ferne Sehnsuchts-Inseln nach der Art von Atlantis zog, war der Arzt und Dichter Gottfried Benn. Die Frühgeschichte der Menschheit mit ihren die Phantasie anregenden Landschaften und Megalith-Kulturen wurden von ihm hymnisch gefeiert - "sei es nun Atlantis oder Lemurien, Arktis oder Antarktis", wie er einmal sagte. Speziell die Osterinsel faszinierte ihn. Er ist, trotz zweier ausgedehnter Schiffsreisen, selber nie dort gewesen - aber in der Phantasie schaffte er den Sprung zu jenem fernen, von archaischen Geheimnissen umwehten Eiland im Stillen Ozean und setzte ihm ein poetisches Denkmal, über dem gut statt "Osterinsel" stehen könnte: "Atlantis".

7. Zitat: Gottfried Benn
"Eine so kleine Insel / wie ein Vogel über dem Meer, / kaum ein Aschengerinnsel / und doch von Kräften nicht leer,/ mit Steingebilden, losen, / die Ebene besäht / von einer fast monstrosen / Irrealität... //
Vom Pazifik erschlagen, / von Ozeanen bedroht, / Nie ward an Land getragen / ein Polynesierboot, / doch große Schwalbenfeiern / einem transzendenten Du Göttern von Vogeleiern / singen die Tänzer zu. //
Tierhafte Alphabete / für Sonne, Mond und Stier / mit einer Haifischgräte / - Blustrophedonmanier - :/ ein Zeichen für zwölf Laute, / ein Ruf für das, was schlief/ und sich im Innern baute / aus wahrem Konstruktiv. //
Woher die Seelenschichten, / da das Idol entsprang / zu diesen Steingesichten / und Riesenformungszwang - / die großen alten Worte / sind ewig unverwandt, / haben die Felsen zu Horte / und alles Unbekannt." (Benn,G., zit.n.: Fröhlich, Anne Marie : "Inseln in der Weltliteratur", Zürich 1988, Manesse, S. 164)

Autor:
Doch die Sehnsucht richtet sich nicht nur in die räumliche Ferne, sondern sie schweift auch suchend in die zeitliche Distanz, in tiefste Abgründe der Vergangenheit. Vor allem die Dichter haben dort gesucht und sind, wie E. Th. A. Hoffmann in seinem phantastischem Märchenroman "Der goldene Topf" mit Atlantis fündig geworden. Von Platon wurde uns jene Überlieferung zugetragen, die er von Solon wußte und jener angeblich von den Priestern der ägyptischen Tempelstadt Sais. Hier knüpft Novalis mit seinem Romanfragment "Die Lehrlinge von Sais" an, wo es sehnsuchtsvoll heißt:

8. Zitat: Novalis
"Während eine Musik aus der Ferne sich hören ließ und eine kühlende Flamme aus Kristallschalen in die Lippen der Sprechenden hineinloderte, erzählten die Fremden merkwürdige Erinnerungen ihrer weiten Reisen. Voll Sehnsucht und Wißbegierde hatten sie sich aufgemacht, um die Spuren jenes verloren gegangenen Urvolks zu suchen, dessen entartete und verwilderte Reste die heutige Menschheit zu sein schiene, dessen hoher Bildung sie noch die wichtigsten und unentbehrlichsten Kenntnisse und Werkzeuge zu danken hat. Vorzüglich hatte sie jene heilige Sprache gelockt, die das glänzende Band jener königlichen Menschen mit überirdischen Gegenden und Bewohnern gewesen war, und von der einige Worte, nach dem Verlaut mannigfaltiger Sagen, noch im Besitz einiger glücklichen Weisen unter unsern Vorfahren gewesen sein mögen. Ihre Aussprache war ein wunderbarer Gesang, dessen unwiderstehliche Töne tief in das Innere jeder Natur eindrangen und sie zerlegten. Jeder ihrer Namen schien das Losungswort für die Seele jedes Naturkörpers. Mit schöpferischer Gewalt erregten diese Schwingungen alle Bilder der Welterscheinungen, und von ihnen konnte man mit Recht sagen, daß das Leben des Universums ein ewiges tausendstimmiges Gespräch sei; denn in ihrem Sprechen schienen alle Kräfte, alle Arten der Tätigkeit auf das Unbegreiflichste vereinigt zu sein. Die Trümmer dieser Sprache, wenigstens alle Nachrichten von ihr, aufzusuchen, war ein Hauptzweck ihrer Reise gewesen, und der Ruf des Altertums hatte sie auch nach Sais gezogen. Sie hofften hier von den erfahrnen Vorstehern des Tempelarchivs wichtige Nachrichten zu erhalten, und vielleicht in den großen Sammlungen aller Art selbst Aufschlüsse zu finden. Sie baten den Lehrer um Erlaubnis, eine Nacht im Tempel schlafen, und seinen Lehrstunden einige Tage beiwohnen zu dürfen. Sie erhielten was sie wünschten... “ (Novalis, "Die Lehrlinge zu Sais", Rowohlt Klassiker, S. 32)

Autor:
Nun verstehen wir ein wenig besser, wo Visionäre wie Rudolf Steiner und Madame Blavatsky ihre Bilder und Anschauungen schöpften. Die fahrenden Sänger und Poeten haben die Platonsche Überlieferung über die Jahrtausende hinweg auf ihre Art weitergegeben - und wer weiß: vielleicht haben sie sogar noch aus anderen Quellen geschöpft? Zum Beispiel aus dem Traum. Mit einem Traum, dem von der "Blauen Blume", beginnt ein anderes Werk des Novalis: der "Heinrich von Ofterdingen", auch so ein Sehnsuchtsroman nach der Ferne, wo es in den Paralipomena heißt:

9. Zitat: Novalis #2
"Klingsohr kömmt wieder als König von Atlantis."





Zweiter Akt : Unheil naht



Musikakzent: Danzer
Georg Danzer : "Atlantis" 4'25 min (V 24 355
["... Die Legenden aller Länder kamen - von Atlantis... Doch Atlantis sollte untergehn an seiner eigenen Macht..." / Hübscher Song mit österr. Akzent - erzählt die Atlantis-Story zur Gitarre Lagerfeuer-Romantik. ]

Autor:
Die literarischen und esoterischen Spekulationen wie auch die seriösen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zum uferlosen Thema "Atlantis" kann man wie bei einem Drama in fünf Akten ordnen:
1.Akt: Die Archaische Idylle, das goldene Zeitalter - davon hörten wir bereits Platon.
2. Akt: Der dramatische Knoten schürzt sich: Unwetter ziehen auf.
3. Akt Die Katastrophe tritt ein: der Untergang. Hier würde im Theater die Pause kommen, in der die Zuschauer spekulieren und bangen, in der sie hoffen können: Wie wird es weitergehen nach der Katastrophe?
Der 4. ist ein eher ruhiger Akt, in dem die Schiffe auf den Wogen des Ozeans dahingleiten, unter dem man die Ruinen einstiger zivilisatorischer Blüte nur ahnen kann - wenn sie einen überhaupt interessiert. Dann beginnt eine hektische Suche nach den Überresten. Endlich der
5. Akt: Der Kontinent erhebt sich aus den Fluten - während der ganze Erdball von den Wehen seiner Wieder-Geburt kräftig geschüttelt wird, mit Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Springfluten gigantischen Ausmaßes.
Vorhang auf nun für den Zweiten Akt des Dramas "Atlantis", in dem das Unheil sich naht!

Musikakzent: Zander
Frank Zander: "Atlantis - das Märchen" 2'00 min (ST 90 922 - lp "Stromstöße) Text und Musik kündigen düster die Katastrophe an. Stichwort "Phantasie" - guter Rock.





Dritter Akt: Katastrophe und Untergang



Autor:
Lassen wir nun Atlantis untergehen - der Dritte Akt des Dramas beginnt. So könnte es gewesen sein, damals, vor 12'000 Jahren - und zugleich ein Menetekel für unsere Zeit, geschildert von Alexander Braghine im Schlußkapitel seines Sachbuchs "Atlantis":

10. Zitat: Braghine #1
"Die glücklichen und wohlhabenden Atlanter verbrachten ihre Tage in Frieden unter dem Schutz des Poseidon, dessen strahlender Tempel auf dem Gipfel eines dreigezackten Berges thronte. Aber die Astronomen und Magier in der Sternwarte auf dem Poseidonsberg hatten Sorgen; merkwürdige Erscheinungen am Himmel beunruhigten sie und gaben ihnen viel zu denken...

war ein merkwürdiges Licht am Horizont erschienen. Von verschiedenen Stellen des atlantischen Reiches kamen beunruhigende Nachrichten von Erdbeben und vulkanischen Ausbrüchen. Die See war aufgeregt und die Fluten erreichten eine ungewöhnliche Höhe. Das war der erste Tag des schicksalvollen Kometen...
Am dritten Abend war der Komet zu einem breiten, schimmernden Band geworden, und sein prächtiger Schweif verdeckte wie ein feuriger Fächer viele vertraute Sternbilder... Der Ozean wogte in schrecklicher Weise, obwohl das Wetter ruhig und windstill war. Gewaltige Wogen stürmten gegen die Küsten von Atlantis und gegen seine Leuchttürme an. Die Erdkruste begann zu zittern, und in der Nähe der Hauptstadt ereigneten sich furchtbare Erdbeben. Viele Vulkane begannen zu speien und ungeheure Lavaströme überfluteten das Land...

Bald donnerten die tiefen Stimmen aller Vulkane auf der Erde und grüßten den mächtigen Besucher aus den Tiefen des interplanetaren Raumes...
(Braghine,A., "Atlantis" <1940>, Stuttgart 1946, S. 235)

Autor:
Immer näher kommt der schreckliche Besucher aus dem Weltall. Er nimmt riesenhafte Ausmaße an, und sein feuriger Schweif scheint den halben Himmel auszufüllen. Die Atmosphäre ist mit Elektrizität geladen, und vielen Atlantern kommt es vor, als strömten üble Ausstrahlungen vom Kopf des Kometen zur Erde.

11. Zitat: Braghine #2:
Der Himmel war mit dicken Wolken verhangen, so daß niemand die Veränderungen der vertrauten Himmelskörper betrachten konnte. Plötzlich aber, als mitten an einem Werktage die Straßen der Hauptstadt von dem Geschrei der Händler widerhallten und von einer bunten Menge von Städtern und geflüchteten Menschen aus den Provinzen erfüllt waren, während die Schnapsläden in den Vorstädten brannten und betrunkene Haufen im Delirium brüllten, erbebte die ganze Erdoberfläche von einem furchtbaren Schlag. In den fernen westlichen Ozean war ein riesiger Meteor gestürzt...

Ganze Inseln und große Landteile verschwanden sofort unter dem Wasser. Eine Riesenwoge, hervorgerufen von dem Sturz des Meteors, umkreiste den Erdball viele Male mit rasender Geschwindigkeit und spülte Küsten, Felsen und Städte hinweg.
Das prächtige Poseidonis verschwand für immer, und mit ihm versank die glänzende Kultur von Atlantis im Abgrund. Paläste, Tempel, Museen, Bibliotheken mit den ualten Chroniken der Menschheit und den glänzendsten Schöpfungen des menschlichen Geistes wurden in wenigen Minuten von den schäumenden Wassern verschlungen.

Und im gleichen Augenblick, als die Wogen die Türme und goldenen Kuppeln des Poseidontempels erreichten, als die Schreie der Ertrinkenden überall erklangen und Mütter mit ihren Kindern im Arm die steilen Hänge des dreizackigen Poseidonberges hinaufhasteten, flog das Schiff Noahs, mit tausend verängstigten Vögeln bedeckt, vor dem tosenden Sturm und Schrecken dahin, unter vollen Segeln ostwärts jagend... " (Braghine,A., "Atlantis" <1940>, Stuttgart 1946, S. 238)

Autor:
Alexander Braghines sehr sorgfältig, nach dem damaligen Stand der Wissenschaft, kompiliertes Sachbuch erlaubt übrigens einen interessanten Seitenblick auf das aktuelle Geschehen jener Tage. Man vermeint, im Rückblick, geradezu den Weltgeist raunen zu hören, denn das Buch erschien in den 30er Jahren, und da war schon der Untergang der "Insel Großdeutschland" zu ahnen (wenn man es nur ahnen wollte), dessen Größter Führer auch ein Atlantis-Fan gewesen sein soll. Hermann Rauschning hat uns eine Bemerkung Adolf Hitlers in dieser Richtung überliefert:

12. Zitat: Adolf Hitler
"Wie in dem Aufbruch eines neuen geologischen Zeitalters im gigantischen Schollensturz das ganze Erdgefüge zusammenbricht und sich neue Gebirge auftürmen, Brüche klaffen und Ebenen und Meere sich neu bilden, so wird in gewaltigen Eruptionen und Zusammenbrüchen die gesamte europäische Ordnung umgestürzt werden. Es ist das Gebot elementarer Selbsterhaltung, in solchen Zeiten der Weltwende sich das harte Urgestein hochzufalten, um nicht überlagert und überschüttet zu werden. Die einzige Chance für Deutschland, dem pressenden Druck zu begegnen, ist, selbsttätig einzugreifen in der einen, unabänderlichen Entwicklung des neuen, geschichtlichen Zeitalters." (Hitler)

Autor:
Die deutsche Übersetzung von Braghines Atlantis-Buch war übrigens, 1946, eines der ersten Bücher, die nach dem Krieg bei uns erschienen sind - fast so, als solle auch hiermit das Wiederaufsteigen von etwas Versunkenem signalisiert werden.

Musikakzent: Eloy:
"Atlantis Agony" von Eloy 2'30 min (ST 69 948)
[Musikalisches Mini-Drama nach "New Age"-Art. Geheimnisvoll und pathetisch wabernd.]




Vierter Akt : Suche und Spekulation



Autor:
Das Atlantis-Drama hat sein Ende noch nicht erreicht. Obgleich die Insel längst untergegangen ist, wird es im Grunde genommen erst jetzt so richtig spannend. Nun beginnt nämlich, im Vierten Akt, die Suche nach den Ruinen. Und die Spekulanten tummeln sich. Allerdings sind es nicht, wie bei der Suche nach der "Titanic" und der geglückten Bergung einiger ihrer Überbleibsel, Spekulanten der materiellen Art - nach Atlantis sucht man aus anderen Gründen. Zum Beispiel, weil man sich profilieren möchte. Oder weil es ein so unerschöpfliches und recht spannendes Hobby ist. Und nicht zuletzt deshalb, weil die Beschäftigung mit diesem Thema "Atlantis" doch einiges an Tiefsinn zugänglich macht, den man nicht geringschätzen sollte. Es gibt schließlich nicht mehr viele Mythen, die ein so reges Eigenleben besitzen und eine solche Strahlkraft.

Spekulation ist ja auch in der Wissenschaft nichts Verwerfliches, im Gegenteil: ohne Spekulation wäre wohl nicht einmal das Rad erfunden worden. Die Ideen-Spekulanten sind es stets gewesen, die die Wissenschaft vorangetrieben haben, auch wenn zunächst keiner an ihre Theorien glaubte: Kepler, Galilei, Einstein, Alfred Wegener mit seiner Theorie der Kontinentalschollen-Drift - alle wurden sie anfangs verlacht, ja sogar heftig bekämpft. Warum sollte es den Atlantologen besser gehen? Bei Atlantis lohnt es sich, auf zwei Gebieten zu spekulieren:

° Wo ging es unter - und:

° Wie ging es unter?

Es gibt mehrere Theorien, wie ein (real existierendes) Atlantis untergegangen sein könnte. Zunächst die physikalisch-geologische Theorie. Da kommen, wenn man im Rahmen des heute akzeptierten Geschichtsablaufs und der Platonschen Überlieferung bleibt, nur zwei Möglichkeiten in Betracht: Vulkanismus oder, ähnlich wie es beim rätselhaften Sterben der Saurier diskutiert wird, ein gewaltiger Meteor-Einschlag.

Für ersteres machte sich schon in den 30er Jahren Spiros Marinatos stark, der auf Santorin, den Überbleibseln der kretischen Nachbarinsel Thera, die Reste des einstigen Atlantis vermutete. Dort ist in der Tat vor etwa 3'400 Jahren ein gewaltiger Vulkan explodiert, dessen Vernichtungskräfte die damals auf Kreta blühende minoische Hochkultur aus der Geschichte fegte.

Für die Theorie des Einschlags eines kosmischen Boliden trat bald darauf der österreicheische Raketeningenieur Otto Muck ein - wir hörten Ähnliches bereits von Braghine, bei dem es auch ein Meteor, oder Komet, gewesen sein soll. Beide Theorien werden nach wie vor diskutiert, wobei einiges inzwischen gegen die Santorin-Variante spricht (neueste Untersuchungen zeigen, daß die minoische Kultur nicht plötzlich, sondern in mehreren Etappen während eines halben Jahrhunderts verschwand). Die Planetoiden-Variante hat in jüngster Zeit großen Zulauf gefunden. Die Arbeit am Manuskript dieser Sendung war bereits fast abgeschlossen, als unter der reißerischen Überschrift "Kosmisches Roulett" das Nachrichten-Magazin "Spiegel" berichtete, daß eine Gruppe von 200 Astronomen in Kalifornien auf einem hochwissenschaftlichen Kongreß die potentielle Bedrohung der Erde durch Asteroiden diskutieren.

13. Zitat: Der Spiegel
"Die Erde treibt inmitten eines gigantischen Streufelds von kosmischem Schotter, von dem regelmäßig Bruchstücke in der irdischen Lufthülle niedergehen. Zumeist sind die Meteoriten nur staubkorn- oder murmelgroß, manchmal kommen sie auch als veritable Felsbrocken daher. In der Atmosphäre verglühen die meisten der Irrläufer - als "Sternschnuppen" - mit einem pittoresken Lichtschweif, manche schlagen, faustgroß, in den Boden.
Es gibt aber auch die Schwergewichtsklasse der Asteroiden.
In Teleskopen sind die Metall- und Gesteinsbrocken nur schwer zu erkennen, wenn sie, wie Chapman erläuterte, 'auf allen nur erdenklichen Bahnen um die Sonne schwirren'. Dennoch gehen die Asteroidenforscher davon aus, daß jederzeit 'Hunderte gigantischer Geschosse' der Erdbahn in die Quere kommen können."
(Der Spiegel Nr. 26 vom 24. Juni 1991)

Autor:
Das Risiko für die Erde, von einem der großen Asteroiden getroffen zu werden, ist nicht unbeträchtlich, wenn man kosmische Maßstäbe anlegt: "etwa alle 300'000 Jahre" könnte, laut derzeitiger Schätzung, ein Gigant von eineinhalb Kilometern Durchmesser auf die Erde prallen. Die Wucht eines solchen Treffers wäre unvorstellbar: Sie entspräche der Energie von 100 Milliarden Tonnen des Sprengstoffs TNT - einem Vielmillionenfachen der Vernichtungskraft der Atombombe von Hiroshima. Einer der bekannteren Asteroiden heißt übrigens "Pallas". So lautet auch der Name einer englischen Rock-Band, die einen Song "Atlantis" veröffentlicht hat:

Musikakzent: Pallas
Pallas: "Atlantis" (0'30) (ST 85 083)
[Wuchtig-pathetische Rock-Musik mit englischem Text. ]

Autor:
Es gibt jedoch noch eine ganz andere, eine esoterische Version der Atlantis-Geschichte. Die Theosophie und Rudolf Steiners Antroposophie nehmen an, daß eine uralte Hochzivilisation lange, lange vor unserer Zeit sich selbst vernichtet hat. Die Esoteriker leisten mit ihren Gedankenspielen etwas sehr Wichtiges: Sie füllen die ungeheuren Zeiträume der Jahrmillionen, mit denen die Naturwissenschaftler die Welt entseelt haben, wieder mit - wenn auch manchmal recht absonderlichem - Leben.
Frau Gutdeutsch, Sie haben sich mit dem Thema "Atlantis" im Rahmen Ihrer Vorträge in der Neuen Akropolis befaßt. Was ist diese "Neue Akropolis" - und weshalb das Thema Atlantis? ...


O-Ton Interview: Gutdeutsch
Frau Gutdeutsch: Ungeheure Zeiträume mit Sinn erfüllen: Atlantis in esoterischer Sicht (Interview am 27. Juni 91)
(Herausgreifen: "Mut zu offenen Fragen", "Frühere Menschheiten", "Blavatsky", "Quellenlage der Esoterik".

Autor:
Es könnte sich jedoch auch - und dies wäre eine dritte, eine psychologisch-kulturgeschichtliche Variante - beim Atlantis-Mythos um die symbolische Verdichtung von historischen Abläufen handeln, die in Realzeit viel länger dauerten. Es könnte dieser "Untergang von Atlantis" für den Untergang der Kultur der "Jäger und Sammler" und das Seßhaftwerden der Menschheit während der "Neolithischen Revolution" stehen. Dazu paßt frappierend die Zeitangabe bei Platon: "vor 9'000 Jahren", also von uns aus gesehen vor etwa 11'000 Jahren. Genau in jener Epoche spielte sich die "Neolithische Revolution" ab, während der die vorher als Nomaden über die Erde streifenden Menschen seßhaft wurden, Ackerbauern und Viehzüchter wurden. Und schließlich könnte es sich, viertens, auch noch um die symbolische Darstellung eines traumatischen psycho-sozialen Vorgangs handeln, den jeder Mensch erleidet: den Verlust der Symbiose des Kleinkinds mit seiner Mutter.
Da Platon nicht nur Philosoph, sondern auch ein geschickter Kompilator von älteren Überlieferungen, ein kluger Didakt und zudem noch ein höchst einfallsreicher Geschichtenerzähler war, kann man vermuten, daß all dies bei ihm zusammengeflossen ist - der entwicklungspsychologische Aspekt wohl eher intuitiv. Fremd war letzteres ihm nicht - siehe seinen Mythos vom Hermaphroditen und sein ebenso bekanntes Höhlen-Gleichnis.

Doch auf diese tiefer wurzelnden Aspekte kommen wir noch zurück. Zunächst soll vorgeführt werden, wie sich für den Atlantologen die real mögliche Katastrophe abgespielt hat. Wir finden die grundlegende und einigermaßen vollständige Zusammenstellung in den Thesen des Mannes, der im vergangenen Jahrhundert den ganzen modernen Atlantis-Rummel ausgelöst hat: der amerikanische Politiker und Privatgelehrte Ignatius Donnelly, der beinahe das britische Parlament unter Gladstone dazu gebracht hätte, eine Expedition für die Suche nach dem verschollenen Kontinent auszurüsten. Hier Donnellys wichtigste Thesen. Er behauptet:

14. Zitat: Donnelly
1. Daß es einst im Atlantischen Ozean gegenüber der Mittelmeermündung eine große Insel gab, die der Überrest eines atlantischen Kontinents und im Altertum als Atlantis bekannt war.
2. Daß Platons Beschreibung dieser Insel nicht, wie lange Zeit angenommen wurde, eine Fabel, sondern ein auf historischen Tatsachen beruhender Bericht ist.
3. Daß Atlantis jenes Gebiet der Erde war, in dem die Menschheit zuerst das Stadium der Barbarei überwand und die ersten stufen der Zivilisation erklomm.
4. Daß Atlantis im Laufe der Zeitalter ein blühender und mächtiger Staat wurde, durch dessen Ausbreitung die Küsten des Golfs von Mexiko, die Ufer des Mississippi und des Amazonas, die Pazifik-Küste Südamerikas, das Mittelmeer, die Westküste Europas und Afrikas, die Ostsee sowie das Schwarze und das Kaspische Meer mit Kulturvölkern besiedelt wurden.
5. Daß Atlantis die wahre vorsintflutliche Welt war, der Garten Eden, die Gärten der Hesperiden, die Insel der Seligen... der Olymp, das Asgard der Germanen und eine universelle Erinnerung an ein herrliches Land hinter-ließ, in dem die Menschheit im Frühstadium ihrer Geschichte lange Zeitalter hindurch in Glück und Frieden lebte.
6. Daß die Götter und Göttinnen der alten Griechen, der Phönizier, der Hindus und der Germanen nichts anderes waren als die Könige, Königinnen und Helden von Atlantis und die ihnen in der Mythologie zugeschriebenen Taten eine verschwommene Erinnerung an historische Ereignisse sind.“
(zit. nach Berlitz, Charles, "Das Atlantis-Rätsel", Wien 1976, Zsolnay, S.15)

Autor:
Donnellys Buch von 1882 und Tausende ihm folgende Veröffentlichungen lösten eine Atlantis-Begeisterung, ja eine regelrechte Atlantis-Bewegung aus, die bis heute anhält. Eine Gruppe englischer Journalisten stimmte einmal über die aufsehenerregendste Meldung ab, die sie sich vorstellen konnten, und dabei lag das Wiederauftauchen des versunkenen Atlantis um einige Plätze vor der Wiederkunft von Jesus.





Fünfter Akt: Katastrophe und Untergang



Musikakzent: Colour'Sound
Colour'Sound: "Lost Continents" A/2 0'30 min F 103 571 (0'30) (lp "Lost Continents")
[Harfen-Solo nach Art des New Age. ]

Autor:
Was den fünften und letzten Akt des Atlantis-Dramas angeht, so können wir uns kurz fassen. In den 30er Jahren erschien, in genau 150 Folgen, eine Serie von Abenteuer-Heftchen, die den Titel trug: "Sun Koh - der Erbe von Atlantis". Der Verfasser nannte sich Lok Myler, nach dem Krieg, als die Reihe einige Male neu aufgelegt wurde, hieß er dann Freder van Holk. Sein eigentlicher Name war Paul Alfred Müller, und weil er in Murnau wohnte, nannte er sich schließlich Müller-Murnau. Sein Held Sun Koh ist der letzte Sproß eines Geschlechts von Maya-Herrschern, dessen Leben von einer uralte Prophezeiung bestimmt wird, die ihm das Wiederauftauchen des einst versunkenen Atlantis verheißt, von dem seine Vorfahren stammen.
ableiten. Episode um Episode strebt das Geschehen seinem Höhepunkt zu, der - wie kann es anders sein bei einer solchen Reihe - im 150. und letzten Band dieser Stationen einer Lebensreise eintritt:

15. Zitat: Lok Myler #1
"Es war ein majestätischer und zugleich erschreckender Vorgang, den sie beobachten konnten. Die Landmassen unter dem Schiff befanden sich in dauernder Bewegung. Da sie im Innern des Luftschiffes keine Geräusche wahrnahmen und ruckende Erschütterungen des Bodens nicht spürten, hatten diese Bewegungen etwas Gespenstisches. Es war, als verlängerten die Wellen des Meeres ihre Wirksamkeit und übertrügen sie auf den Boden, oder als befände sich unter der dünnen Decke der Erde eine kochende Masse, die bald hier, bald dort Blasen hochtriebe, um an anderer Stelle einsinkend die Hülle zurückzunehmen, oder als falte sich die dunkle Haut eines übergroßen Tieres schauernd zu immer neuen Runzeln.
Ein Hügel stieg auf, wölbte sich empor, sprang wie unter einem scharfen Schnitt auf dem Rücken auseinander. Die beiden Hälften schoben sich in ungleicher Bewegung gegeneinander, überbrachen sich, um plötzlich zusammenzusinken, als fielen sie in einen gähnenden Abgrund hinein. Und wenig später schlug das Meer mit einer gewaltigen Tatze zu der Stelle hin, an der eben noch ein Berg sich aufgewulstet hatte.
Eine flache Scheibe stieg aus dem Wasser auf. Nach allen Seiten brandete das Meer schäumend und quirlend von der Mitte weg. Ein Stoß ging über die Ebene, nach Minuten stand auf der einen Seite eine schroffe, klippige Mauer, während die andere im neu heranstürzenden Wasser verschwand...
Sun Koh gab den Befehl zum Ausstieg...
"Und wann denken Sie, daß wir das neue Land zum ersten Male betreten können?"
Sun Koh hob die Schultern.
"Das läßt sich kaum sagen. Tage können noch vergehen. Und wenn wir landen, so wird es auch nur für kurze Zeit um der symbolischen Besitzergreifung willen geschehen."

Autor:
Das Flugzeug des Helden mit seinen tatendurstigen Begleitern senkt sich langsam auf die graue Maße des hochdrängenden uralt-neuen Kontinents:

16. Zitat: Myler #2
"Im Schaubild tauchte eine weite Felslandschaft auf, ein leicht ansteigendes Hügelland und ein kleiner, stiller See.
Das Land war nackt und kahl, bar jedes Lebens, aber die Sonne lag bereits auf ihm, so daß es nicht mehr düster und erschreckend wirkte.
Sun Koh atmete tief auf.
"Unser Land... Wenn erst einmal unsere Bodenbakterien auf diesen Felsen ein Jahr lang gewirkt haben, dann wird sich um diesen See herum ein fruchtbarer Landstrich dehnen. Und nach einigen Jahren werden hier Kornfelder wogen und Wälder aufwachsen und Häuser stehen und Menschen ... ihre Füße setzen..."
Minuten später lag der graue Leib des Luftschiffes unbeweglich über der meerentstiegenen Erde. Ein leichter Wind glitt zärtlich weich an seiner Hülle entlang. An der Unterseite öffneten sich Luken, leichte Metalltreppen glitten nach unten, setzten auf und verbanden das Luftschiff mit der Erde. Die Männer ... standen in straffer Ordnung an den Luken.
(Lok Myler, "Atlantis", Leipzig 1935, A. Bergmann, S. 53)





Nach-Spiel



Autor:
Bei aller Trivialität und recht massiven Herrscherallüren, mit der diese Sun-Koh-Heftchen ausgestattet waren: Sie haben doch etwas transportiert, das keineswegs trivial war: den Glauben an einen Mythos. Hier, auf den jeweils 64 Seiten einer spannenden Romanze, wurde er lebendig gehalten.
Heinz Jürgen Galle hat sich seit vielen Jahren intensiv nicht nur mit der "Sun Koh"-Serie, sondern überhaupt mit der belletristischen Aufarbeitung des "Atlantis"-Themas befaßt:

O-Ton Interview: Galle
7'00 min (Heinz Jürgen Galle - über "Sun Koh" und die anderen "Atlantis"-Romane)

Autor:
Wer verstehen will, wie tief dieser Mythos einen Menschen ergreifen kann, der sollte die Existenz Heinrich Schliemanns studieren. Gegen Ende seines Lebens schrieb der Mann, der mit der Entdeckung von Troja (mit seinen sieben Stadt-Schichten), von Mykene und vom Schatz des Priamos so unglaublich erfolgreich war wie kein anderer Archäologe und Altertumsforscher:

17. Zitat: Schliemann
"Die Atlantis-Forschungen halte ich für unendlich bedeutsamer, als die Ausgrabungen von hundert Trojas."

Autor:
Sein Enkel Paul Schliemann übernahm 1906 nach angeblich langem Zögern das Vermächtnis des verstorbenen Großvaters und begann seinerseits zu suchen. Aber auch er fand nichts außer den immer wieder zitierten Bruchstücken eines über die ganze Welt verstreuten Puzzles, darunter manch fragwürdiges Stück, das nie verifiziert wurde:

18. Zitat: Pudor #1
"Ich fuhr sofort nach Mittelamerika, nach Mexiko und Peru. Ich habe Gräberfelder untersucht und in Städten nachgegraben. Das Gräberfeld der alten Chimus im Chacuna-Tal lieferte mir wieder nach anderer Richtung hin außerordentliches Material. Ich muß sagen, daß ich, obwohl mir noch Bruchstücke von eulenköpfigen Vasen in die Hände kamen, keine Münzen mehr fand. Aber was ich fand, war genauso wertvoll. Nämlich Inschriften, die, wenn ich sie publizierte, die Welt in Staunen setzen würden." (Pudor, S. 19)

Autor:
Man fragt sich nun verblüfft: Warum hat er sie denn nicht publiziert? Die Antwort darauf muß unterbleiben. Aber man darf spekulieren - daß es vielleicht gar nichts zum Publizieren gab? Paul Schliemann wurde jedenfalls bald als Schwindler bezeichnet.
Die Interpretation solcher Inschriften ist darüberhinaus eine unglaublich schwierige und problematische Angelegenheit, bei der gewaltige Spekulationen tatsächliche Inhalte sehr oft ersetzen:

19. Zitat: Pudor #2
"Und in der Pyramide von Teotihuacan in Mexiko fand ich Münzen von derselben Legierung, aber mit anderer Beschriftung... Ich habe Anhaltspunkte dafür, daß diese seltsamen Münzen vor 40'000 Jahren in Atlantis als Geld verwendet wurden."

Autor:
Und nun kommt der notwendige, aber eben höchst fragwürdige Anker in einer anderen Glaubwürdigkeit, den man immer dann auswirft, wenn die eigene Zeugenschaft problematisch ist:

20. Zitat: Pudor #3
"Diese Annahme stützt sich nicht nur auf meine eigenen Forschungen, sondern auch auf gewisse Untersuchungen meines Großvaters... Der 'Tempel der durchsichtigen'Wände war eine Staatsschatzkammer des untergegangenen Kontinents."

Autor:
Leider muß Heinrich von Pudor, der all dies nach einem Artikel von Paul Schliemann gutgläubig zitiert, mittendrin feststellen (und man meint, seinen lauten Seufzer der Enttäuschung zu hören):

21. Zitat: Pudor #4
"... im Chacuna-Tal müßte also neuerdings nachgeforscht werden, denn die dortigen Funde Dr. Paul Schliemanns scheinen unwiederbringlich verloren - wohin sein Nachlaß gekommen ist, ist unbekannt." (Pudor, S. 19)

Autor:
Der Mythos erzählt eine Geschichte, die jedem Menschen vertraut ist: daß Altes untergehen muß, damit Platz wird für Neues. "Stirb und werde" - so formulierte es Goethe.
Aber speziell der Atlantis-Mythos erzählt auch noch mehr, macht uns Tieferes zugänglich: Er berichtet von der Sehnsucht nach dem untergegangenen Paradies. In psychologischer Sicht ist dies zuvorderst das Paradies der Kindheit - und dort noch einmal jener im Vergessen und Verdrängen verborgene innerseelische Ort der symbiotischen Verschmelzung des Säuglings mit seiner Mutter. Für Carl Gustav Jung ist die Sehnsucht nach der Insel, also auch die Suche nach dem versunkenen Kontinent Atlantis, Hinweis auf eine primitive beziehungsweise neurotische Mentalität. Er sprach vom "Happy Neurosis Island", von der "glücklichen Neurosen-Insel", die für ihn das unbewußte Symbol eines nicht integrierten, nicht an das Festland des Bewußtseins angeschlossenen seelischen Bereichs war - und die deshalb verloren gehen muß. Der Kontinent - das ist die Realität. Die Insel - das ist die Illusion. Was aber - wenn ein ganzer Kontinent untergeht?
Jung hatte für die "Atlantis-Spinner", die sie in seinen Augen waren, überhaupt nichts übrig und schimpfte deswegen auf die

22. Zitat: Jung
"Millionen theosophisch Verseuchter, welche noch unentwegt an die einstige Existenz und Hochkultur der Atlantis glauben..."

Autor:
Der Mythos, wie Platon ihn berichtet, ist - wie die Märchen und Sagen - eine alte Form der Erinnerung an jene versunkene frühe Zeit. Schon der angebliche Zeitpunkt jener Katastrophe drückt dies aus: "vor 9'000 Jahren". Und desgleichen die räumliche Entrückung: "Vor den Säulen des Herakles" soll Atlantis gelegen sein. Dies entspricht exakt dem, was heute die Science Fiction macht, wenn sie ihre Mythen auf fernen Planeten und in allerfernsten Äonen ansiedelt: manchmal Lichtjahrmilliarden entfernt.
"Versunken" ist nicht Atlantis - versunken ist bloß die Erinnerung. So wie die Mexikaner einst Aztlan vergessen haben. Aber nun erinnern sie sich plötzlich und wollen das Versunkene wieder haben, und der Kaiser schickt seine besten Experten aus, seine Zauberer.
Wir sollten uns zum Abschluß noch diesen anderen Mythos anschauen, der den Mythenforscher Jung sehr interessiert haben müßte. Die dort erzählte Geschichte führt das zuende, was bei Platon - aufgrund seines Todes - kurz vor der Verfluchung der Atlanter durch Zeus endet. Es ist ein Mythos der Azteken, den man - gut versteckt und deshalb nahezu unbekannt - in einer Märchen-Sammlung des Diederichs-Verlags findet. Atlantis-Fans wird er allerdings nicht fremd sein - stellt er doch eines der interessantesten Beweisstücke jener Theorie dar, die schon Donnelly vortrug: daß die Atlanter auch die Länder Amerikas besiedelt haben. Dieser Mythos ist, und nicht nur wegen seines so nahe bei "Atlantis" stehenden Namen "Aztlan" in der Tat ein Fundstück ersten Ranges.

Musikakzent: Tyner
McCoy Tyner: Atlantis" 30 sek ST 64 971
[Jazz: Piano-Solo, beginnt sanft, wird wild. Auf dem Cover ein Tempel, gegen den Meeresfluten anbranden.]

Autor:
Der Jazz-Pianist McCoy Tyner hat uns musikalisch nach Amerika geführt. Betrachten wir nun unseren Schatz, der dort zu heben ist, den "Mythos von Aztlan". Die Bezeichnung als "Wandersage" und ihr Versteck in einer Märchen-Anthologie werden dem Inhalt überhaupt nicht gerecht. Dieser Mythos ist wesentlich breiter angelegt und letztendlich großartiger als das, was Platon uns bietet. Es sieht vor diesem Hintergrund so aus, als habe der griechische Philosoph eine fremde Quelle angezapft - oder sogar deren mehrere? -, die weit älter ist. Im Aztlan-Mythos von der "Verlorenenen Heimat", wie man ihn nennen könnte, nimmt der "Untergang" der Heimatinsel nur den kleinsten Teil ein - und der ist in einem Satz erzählt. Was viel wichtiger ist, das ist die Suche nach dem Verlorenen. Nicht weniger als sechzig Zauberer, noch dazu die besten, schickt der mexikanische Kaiser aus. Und welche Abenteuer und Prüfungen müssen sie nicht alles bestehen, um nicht nur jene sagenhafte Insel zu finden, die da "Aztlan" heißt, sondern um ihrem Gott zu begegnen und sogar seiner Mutter, die - alt und häßlich - auf dem Gipfel des Heiligen Berges von Aztlan wartet. Sie ist die Hüterin ewiger Jugend und des ewigen Lebens - die Urmutter - zugleich auch der Tod. Sie läßt die Zauberer mit froher Kunde zurückkehren in die Welt, die längst ihre zweite Heimat im fernen Mexiko geworden ist.
Dieser Mythos ist nicht nur viel vollständiger als der über "Atlantis" bei Platon - er ist zudem weit eindrucksvoller. Er schildert die klassische Reise des Schamanen in die Unterwelt und stammt offensichtlich aus einer Epoche der Menschheit, als das "Wandern" noch zentrale Bedeutung hatte: in der Jahrhunderttausende währenden Kultur der Jäger und Sammler, die der darauffolgenden Epoche der "Ackerbauern und Viehzüchter" voranging.
Der mexikanische Mythos läßt keinen Zweifel daran, welches die mächtigere Epoche war: die Urmutter und das Ewige Leben sind in der verlassenen Heimat, auf der Insel im Ozean der Geschichte, zurückgeblieben. Aber dort sind sie jederzeit erreichbar für den, der sich auf den Weg macht und die Gefahren auf sich nimmt.
Ob es nicht vor allem dies ist, was die ganze Geschichte um Atlantis uns erzählen möchte? Jeder Mensch muß einmal seinen "Mutter"-Kontinent untergehen lassen. Irgendwann. "Atlantis" ist als Sehnsucht in uns allen - wir suchen unaufhörlich danach.
Wäre es deshalb nicht das Schlimmste, was geschehen könnte: daß Atlantis wieder auftaucht?

Musikakzent: Colour Sound
"Lost Continents" A/1 von Colour Sound 30 sek (F 103 571 –
( Vulkanische Klänge - gutes Untergangs-Motiv)


STOP




Literatur
S. die Bibliographie zu ATLANTIS (ohne Musik)


© 2007 7 1991 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt/ IAK München : www.hyperwriting.de