SHIRAS-KINDER

Hinter durchschnittlichen Leistungen gut versteckt



Diese Kinder absolvieren zähneknirschend die Schule, weil das nun einmal von den Erwachsenen so verlangt wird, aber sie strengen sich nicht sonderlich an, sind mit durchschnittlichen Noten zufrieden und schauen nur, dass sie nicht sitzen bleiben und ein passables Abitur erzielen - und manchmal schaffen sie nicht einmal das.

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[2009-03-07 wip / ur 2003-11-28]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Wenn man bei Erwachsenen nach Merkmalen für Hochbegabung sucht, fällt einem sofort eines ein, das bei Kindern noch wenig sinnvoll ist – von schulischen Leistungen und Schulnoten einmal abgesehen: der berufliche Erfolg. Hochbegabte Kinder, die sich dem Schulsystem sehr gut anpassen und entsprechend gut für die Schule lernen können, besetzen problemlos die ersten Plätze als Klassen- und Schulbeste. Auch als Erwachsene sind diese gesellschaftlich gut angepassten Hochbegabten meistens an der Spitze.

Andere HB tun sich da schwerer oder wählen bewusst einen anderen Weg. Kurt A. Heller umschreibt dies 1996 in einer Liste mit einer Vorliebe für »selbst in Gang gesetzte Freizeitaktivitäten«. Mit anderen Worten: Diese Kinder absolvieren zähneknirschend die Schule, weil das nun einmal von den Erwachsenen so verlangt wird, aber sie strengen sich nicht sonderlich an, sind mit durchschnittlichen Noten zufrieden und schauen nur, dass sie nicht sitzen bleiben und ein passables Abitur erzielen. Ich nenne sie Shiras-Kinder, nach einer Autorin, die dieses Phänomen in einem Roman beschrieben hat.



Vom Anderssein, Einsamsein und Verstandenwerden


Wilmar H. Shiras’ Children of the Atom erzählt vom Kinderpsychologen Peter Welles, dem allmählich dämmert, dass einer seiner jungen Patienten, Timothy Paul, das Ausmaß seiner Intelligenz vor der Umwelt versteckt. Er begreift, dass dieser Junge in Wahrheit ein Genie ist, das ein Leben im Verborgenen führt. In dieser Geheimidentität schreibt er bereits als Kind erfolgreiche Bücher und leistet bedeutende wissenschaftliche Forschungsarbeit. Weller widmet sich von da an der Aufgabe, Tim zu helfen und seinesgleichen zu finden – denn es gibt noch andere seiner Art.

In einem Nachwort für eine Neuausgabe des Romans schreibt Marion Zimmer Bradley, selbst weltweit erfolgreiche Autorin von Fantasy und Science-Fiction, etwas Bemerkenswertes:

Das Buch ist die Geschichte [einer] Suche. Doch für uns alle, die wir es in den kritischen konformistischen, ausgleichsorientierten Fünfzigerjahren gelesen haben, war es viel mehr als nur das. [...] In der ursprünglichen Novelle ›Versteckspiel‹ sprach Wilmar Shiras die ganze Generation der Science-Fiction-Fans an, die in den Vierziger- und Fünfzigerjahren aufwuchsen. Immer wieder mussten Fans, die diese Geschichte gelesen hatten und in dieser Zeit aufgewachsen waren, eingestehen: ›Sie hat über mich geschrieben.‹

Bradley kommt (1953) zu einem Schluss, der mir typisch für viele Hochbegabte erscheint:

... beraubt man die Novelle aller Science-Fiction-Elemente von Mutanten, die von radioaktiver Strahlung geschaffen wurden, [dann ist sie] die Geschichte des intellektuellen Kindes, das darum kämpft, in einer feindselig gesonnenen Umgebung zu überleben; nicht nur in einer Umgebung, die sich hartnäckig weigert, seine Einzigartigkeit anzuerkennen, sondern auch in einer solchen, die sich aus eigenem Antrieb jedem gegenüber feindlich verhält, der ›anders‹ ist. Allzu viele von uns haben für sich selbst den Kompromiss entdeckt, den auch Timothy Paul einging: das intellektuelle Leben und den Unterschied verzweifelt zu verheimlichen und vorzutäuschen, völlig normaler Durchschnitt zu sein. Es ist die Geschichte eines jeden abspenstigen, intelligenten Kindes, das schon früh im Leben herausgefunden hat, dass es überlegen ist – und verwirrt und unglücklich feststellen muss, dass es stattdessen als unterlegen behandelt wird, als wäre sein Intellekt eine Art Behinderung.

Ich denke, das könnte Joanne K. Rowling unverändert auch so sehen. Ihre Fantasy-Reihe über Harry Potter ist eine einzige Variation desselben Themas: ein ungewöhnlich begabtes Kind unter verständnislosen, ja feindseligen Muggles (wie die Zauberer die normalen Menschen nennen) – aber auch in Auseinandersetzung mit Zauberern seinesgleichen, welche die Muggles vernichten und allein die Macht über die Welt ausüben möchten.

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf Harry Potter und die Hochbegabten in Fantasy und Science-Fiction näher einzugehen. Hier auf der Website habe ich eine Liste von empfehlenswerten Romanen zusammengestellt und kommentiert: BIBLIOGRAFIE (Ergänzungen) zu "Das Drama..."



Heinrich Böll - ein mittelmäßiger bis schlechter Schüler


Ein sehr gutes Beispiel für ein Shiras-Kind ist Heinrich Böll (1917-1985). Der spätere Erfolgsautor und Nobelpreisträger (1972) zeigte in der Schul nichts von dem, was an Begabungen in ihm steckte. Im Abiturzeugnis wurde sein Gesamterfolg als "ausreichend" benannt, in Deutsch erhielt er gerade noch ein "genügend". Dass in diesem Schüler einer der großen Moralisten der Nachkriegszeit steckte, war aus seinem "charakterlichen und geistigen Streben" ebenfalls noch nicht ersichtlich: dieses wurde von den Lehrern gerademal als "zufriedenstellend" bezeichnet. (Koldehoff 2009).



Bibliographie

Bradley, Marion Zimmer: »Nachwort« (1978). In: Shiras, Wilmar: Children of the Atom (1953), S. 232–236
Heller, Kurt A.: »Begabtenförderung – (k)ein Thema in der Grundschule«. In: Grundschule, Nr. 5/1996
Heller, Kurt A.: Hochbegabung im Kindes- und Jugendalter. 2. überarb. und erw. Aufl.. 509 Seiten mit Abb. Göttingen 2001 (Hogrefe) 89.00 DM. [Bericht über eine der umfassendsten Hochbegabungsstudien der Gegenwart.]
Koldehoff, Stefan: "Forschung in Trümmern". In: Südd. Zeitung vom 5. März 2009
Shiras, Wilmar H.: Children of the Atom. (1953). Deutsche Ausgabe: Kinder des Atoms. Berlin 1983 (Ullstein)


© 2009 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt/ Quelle: www.hyperwriting.de