HYPERWRITING

Weiterentwicklung des Creative Writing



Das Publizierte Tagebuch ist die Urform dessen, was wir als HyperWriting bezeichnen. Es verbindet - durch die Veröffentlichung - das Persönliche mit dem Allgemeinen. Die modernste Variante ist das BLog - das (We)BLog(buch) oder Internet-Tagebuch.
Aber HyperWriting ist noch weit mehr ...

(Das Solo im Jazz kommt dem am nächsten, worum es beim HyperWriting oft geht: absichtslos schreiben und dabei den richtigen Ton finden.)

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[2011-04-14 ok / ur 2002-01-01]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


(Der folgende Text ist eine bearbeitete und erweiterte Version von Kapitel 18 meines Buches "KREATIVES SCHREIBEN - HYPERWRITING").


S. auch SCHREIBEN ALS BRÜCKE




HyperWriting ist zunächst einmal die Weiterentwicklung des Creative Writing (dt. Kreatives Schreiben), die wir in unseren Seminaren vermitteln.

Creative Writing, wie es in den USA im 20. Jahrhundert entstandenen ist, bestand und besteht noch immer vor allem darin, den Studenten von Literatur-Seminaren an den Universitäten nicht länger nur fremde Texte zum Studieren und Interpretieren vorzulegen - sondern sie selbst schreiben zu lassen; wobei man gerne bereits arrivierte Schriftsteller als Lehrer einsetzte. Man kann diese Variante sehr schön betrachten in dem köstlichen Film Die Wonderboys (mit Michael Douglas als abgewracktem Erfolgsautor und Dozent und Tobey Maguire als hochtalentiertem Studenten - der in seinem schreibblockierten Lehrer die Lust am eigenen Schreiben wieder zum Leben erweckt).

Außerdem arbeitet diese USA-Variante (die heute auch bei uns in unzähligen Schreib-Werkstätten gelehrt wird, inzwischen sogar an manchen deutschen Universitäten) mit mehr spielerischen Methoden wie CLUSTER und MINDMAP". Ansonsten ist das Ziel durchaus dem der traditionellen, auf erfolgreiche Veröffentlichung ausgerichtete literarischen Produktion verpflichtet - oder bescheidet sich mit reinen Hobby-Schreiben.

Nachdem der ursprüngliche Kontext, innerhalb dessen wir unsere Art des Schreibens entwickelten, von Selbsterfahrung und Psychotherapie bestimmt war, gestaltete sich unser Ansatz zunächst völlig konträr zu diesem erwähnten amerikanischen - von dem wir lange gar nicht wussten, dass es ihn überhaupt gab. (Es soll der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden, dass es auch in den USA die Varianten des Tagebuchschreibens als Instrument der Selbsterfahrung und des therapeutischen Schreibens schon seit den 1980er Jahren gibt.)

Die Elemente der ThemenZentrierten Interaktion (TZI) waren deshalb von vorneherein für unsere Arbeit mit Schreib-Gruppen wichtiger als die literarischen Ansprüche. Hierzugehört zum Beispiel, dass wir als Seminarleiter nicht dozierend außerhalb der Gruppe arbeiten, sondern stets selbst aktiv am kreativen Gruppenprozess schreibend teilnehmen.

(Die Geschichte ist insofern etwas komplizierter, als ich selbst immer schon die literarischen und entsprechend auch die vom Buchmarkt diktierten kommerziellen Aspekte des Schreibens wichtig fand, weil ich selbst stets publiziert habe, und zwar seit meinem fünfzehnten Lebensjahr.)


Im Prinzip ist also unsere Form des Creative Writing eine Kombination des traditionellen Schreibens mit dem, was man in der modernen Psychotherapie als Narrative Psychotherapie oder Poesietherapie bezeichnet.

Den deutlichsten Ausdruck findet all dies in der von uns entwickelten VIER-SPALTEN-METHODE und in dem von uns weiter entwickelten Konzept der HELDENREISE.

Was Christopher Vogler in seinem fabelhaften Buch The Writer´s Journey für den Drehbuchautor dargestellt hat, entspricht genau unserem eigenen Konzept, das literarisches und Selbsterfahrungs-Schreiben kombiniert:
° Es machen sowohl die Figuren unserer Texte eine solchen Heldenreise durch
° wie auch wir selbst als Schreiber dieser Geschichten.

Insofern könnte man das Schreiben eines Romans in diesem Sinne durchaus als Höchstform des HyperWriting bezeichnen. Genau dies ist der Hintergrund meines Jahreskurses MINOTAUROS-ROMAN-PROJEKT.



PC, Internet und Hypertext


Das Beiwort hyper für unsere Methode finden wir weiterhin angebracht, weil wir die Möglichkeiten des PC und des Internets für interaktiv verlinkten Hypertext mit einbeziehen - sowohl für das Schreiben von Texten wie für deren Publikation (s. als Anschauungsmaterial unsere beiden Websites).

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass man den Begriff HyperWriting in den USA seit den 1990er Jahren genau für diese neuen Möglichkeiten des Schreibens verwendet (übrigens auch schon in manchen Universitäts-Kursen wie an der University of Texas). Gibt man bei Google das Stichwort "Hyperwriting" ein, so findet man einige der darauf spezialisierten Websites wie hyperwriting.com.

Der amerikanische Programmierer Scott Johnson aus Indianapolis gründete 1987 die Software-Firma NTERGAID, die ein kommerzielles Hypertext-System namens Hyperwriter entwickelte und vertrieb.



Ein Bündel von Denk- und Kreativitäts-Werkzeugen


Unter HyperWriting verstehen wir schließlich auch ein Bündel von Denk- und Kreativitäts-Werkzeugen, welche die traditionellen Grenzen des Schreibens und auch des - schon weiter greifenden - Creative Writing überschreitet (hyper = griechisch "darüber hinaus"). Überschritten wird dabei

° zum einen im literarischen Sinn

° zum anderen in psychologisch-pädagogischer Richtung



Neuer Zugang zum Schreiben


HyperWriting ist also, um es zusammenzufassen, ein neuartiger Zugang zum Schreiben, und zwar in mehrfacher Hinsicht:
° Schreiben zusammen mit anderen (statt wie üblich allein), wobei den gruppenpädagogischen Methoden der ThemenZentrierte Interaktion (TZI) eine wesentliche Rolle zukommt
° Einsatz neuester Erkenntnisse und Methoden der Angewandten Kreativitätspsychologie zur Förderung der kreativen Prozesse im individuellen und in der Gruppe
° Förderung der Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung (bis hin zur Selbsttherapie)
° Bewusstseinserweiterung als Überwinden der "Enge des Bewusstseins", wie sie mit den von uns vermittelten Werkzeugen der VIER-SPALTEN-METHODE und des CLUSTERING gefördert wird
° Verbesserung des Selbstwertgefühls durch Arbeit an längeren und komplexeren Manuskripten (z.B. einem Buch-Projekt) sowie durch sinnvollen Umgang mit Kritik und Selbstkritik
° Selbstsicherheitstraining durch Veröffentlichen in mehreren Stufen (vom Vorlesen in der kleinen Gruppe bis zur Publikation in gedruckter Form oder im Internet)
° Förderung von Aufmerksamkeit und Konzentration durch spezielle Übungen
° Intelligenztraining (durch ständige Vernetzung beim Schreiben und Überarbeiten - weshalb man auch die Bezeichnung vernetzendes Schreiben verwenden könnte)
° ganzheitliches Gedächtnistraining (durch Förderung des Freien Assoziierens)



Paradigmen-Wechsel


Was die Schreib-Fertigkeiten der wahrscheinlich meisten Menschen angeht, so ist dringend ein Paradigmen-Wechsel notwendig: Es muß eine neue Leitidee gefunden werden, welchen Stellenwert wir dem Schreiben in Zukunft in unserer Kultur zukommen lassen wollen. Denn wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit in die Informations-Gesellschaft, die zunehmend Wissensmanagement von uns verlangt, und da ist es mit den bisher genutzten Möglichkeiten des Schreibens (Dokumentation, Kommunikation, Bildung und Unterhaltung) nicht getan.

Das Schreiben ist jedenfalls viel zu kostbar als dass man es weiter den bisherigen Gralshütern (Lehrern, Journalisten, Schriftstellern, Dichtern) überlassen darf. Das merkt man spätestens, wenn man sich einmal bewusst macht, wieviele verschiedene "Funktionen des Schreibens" es gibt. Wir haben bislang 50 gezählt.



Zwischen allen Stühlen


Wir sitzen mit diesem neuen Zugang zum Schreiben vermutlich "zwischen allen Stühlen" - d.h.

° weder Journalisten noch Schriftsteller, also die Schreib-Profis, können damit viel anfangen (was man so manchem süffisanten Kommentar entnehmen kann - unsere Antwort darauf finden sie hier: AUTOREN ALS SCHREIBSEMINARLEITER)

° noch die Germanisten und Lehrer (sofern sie nicht wie DAGMAR ANTJE SCHMITZ, eigene Erfahrungen mit dem Creative Writing haben)

Da in unserer Arbeit, wie man unserem PROGRAMM entnehmen kann, auf Aspekte von Selbsterfahrung und - im Falle von writer´s block - auch, soweit nötig und hilfreich, auf psychotherapeutische Interventionen zurückgegriffen wird - denn WIR LÖSEN BLOCKADEN - haben wohl auch die Kollegen Psychologen und Psychotherapeuten ihre Mühe mit unserem Ansatz.

Aber wie heißt es so treffend: "Zwischen allen Stühlen sitzt es sich nicht bequem - aber aufregend." (Yeraklit von O´Thar).



Multifunktional wie ein Schweizer-Messer


Was wir als Kinder in der Schule bezüglich Schreiben lernen, ist so minimal und in der späteren beruflichen Praxis häufig nur so beschränkt verwendbar, dass man sich wundern muss, dass außer den rund 100.000 Schreib-Profis im deutschsprachigen Raum überhaupt jemand dieses vielseitige Denk- und Kreativitäts-Werkzeug nach Abschluss der Schulzeit noch einsetzt.

Vor allem wird so ziemlich jedem Schüler gründlich die Freude am schriftlichen Formulieren und Fabulieren ausgetrieben und ersetzt durch das tägliche Schreckgespenst von Leistungsdruck, Prüfungsangst, Notenstress und Konkurrenzneid ("Du darfst nicht abschreiben", "Thema verfehlt", "zu phantasievoll").

Kein Wunder, dass ernst zu nehmenden Schätzungen zufolge jeder zweite Student das Studium abbricht, weil er/sie mit dem Schreiben der immer wieder erforderlichen Prüfungsarbeiten nicht zurechtkommt!

Die ganze Situation ist ungefähr so, als würde man ein Schweizer Offiziersmesser nur zum Rhythmusklopfen benützen - weil man keine Ahnung hat, was für interessante und praktische Elemente in ihm verborgen sind, wenn man sie nur aufklappen könnte: Messerklinge, Schere, Korkenzieher, Schraubenzieher, Feile und noch manches mehr, je nach Ausstattung.

Hyperwriting öffnet gewissermaßen das Messer und macht seine vielfältigen Funktionen verwendbar für die kreativen Prozesse in Beruf und Privatleben.



Vom Schul-Schreiben zum Creative Writing


Schreiben kennen wir in der Regel so, wie die Schule es uns vermittelt hat. Und das sieht in etwa folgendermaßen aus:
° Ständiger Zeitdruck,
° Überbewertung sachorientierter Texte zum Nachteil von Kreativität und Phantasie,
° Bewertung durch Schulnoten,
° Konkurrenzsituation,
° Vereinzelung und Isolation als Einzelkämpfer,
° Abqualifizierung des Spielerischen (in der Schule durch die Lehrer, später durch kritische Journalisten),
° übertriebene literarische Ambitionen zum Nachteil experimenteller und mehr personenbezogener Ausdrucksformen.

Wenn wir die folgenden drei Elemente hinzufügen, bekommen wir das, was heute üblicherweise als Creative Writing bezeichnet wird:

° Gruppensituation (Auflösung der Einsamkeit),

° spielerisches Ausprobieren,

° Übung des Freien Assoziierens (z.B. mittels CLUSTER).



Vom Creative Writing zum HyperWriting


Fügen wir noch weitere Elemente hinzu, ergeben sich noch ganz andere Möglichkeiten, die wir in ihrer Gesamheit als HyperWriting® bezeichnen. Diese Elemente sind im einzelnen:

° Einsatz weiterer effektiver Tools, z.B. die VIER-SPALTEN-METHODE, die Arbeit mit Träumen, OH-Karten, Buchstaben-Würfel), die das Schreiben im beruflichen Alltag sowie in Studium und Schule erleichtern und die Kreativität fördern.

° Konsequente Vernetzung von Inhalten nach Art der HyperLinks, was man als vernetzendes Schreiben bezeichnen könnte. Diese Vernetzung findet sowohl im Schreibenden selbst statt, (als Gedächtnis- und Intelligenztraining sowie als Lernhilfe -» Hyperlearning) als auch in der Außenwelt durch Arbeit mit dem Computer (zum Beispiel entsteht durch Hyperlinks so etwas wie vernetzendes Schreiben. Diese Vernetzung geschieht drittens noch als prinzipielle Verbindung in Raum und Zeit mit allen jemals geschrieben Texten; das Internet bietet hierfür heute die technischen Grundlagen.

° ThemenZentrierte Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn als Methode der Gruppenarbeit.

° Einbeziehung von Selbsterfahrungs- und therapeutischen Aspekten.



Weitere Funktionen des Schreibens


Weitere vielfältige Funktionen des Schreibens (wir kennen inzwischen 50) haben wir in der Broschüre HyperWriting zusammengestellt. Diese können Sie mit Hilfe des Formulars e-Mail / anmelden / bestellen anfordern.

Einige dieser Möglichkeiten können Sie hier schon kennenlernen: Schreiben: 50 FUNKTIONEN



Tagebuch: Das Persönlichste ist das Allgemeinste


Das Tagebuch, insbesondere wenn es veröffentlicht wird, ist ein recht brauchbares Modell für das, was HyperWriting anstrebt: nämlich eine Kombination von autobiographischen, sachliches und erzählenden Texten.

Das Publizierte Tagebuch ist gewissermaßen die Urform des HyperWriting. Es verbindet durch die Veröffentlichung persönliches Erleben mit der öffentlichen ("allgemeinen") Welt. Und ist nicht, Goethe zufolge, gerade "das Persönlichste das Allgemeinste"?

Anschauliche Beispiele und der beste Beweis für diese These sind die autobiographischen Schriften des Dichterfürsten selbst (Dichtung und Wahrheit). Auch die Tagebücher von Max Frisch sollte man erwähnen und viele andere lesenswerte autobiographische Schriften - allen voran die eindrucksvollen Essays des Michel de Montaigne.

Unter den modernen Autoren sei August Strindberg genannt. Seine Inferno-Krise hat er in erschütternden Passagen 1895 festgehalten - im selben Jahr übrigens, in dem Sigmund Freud in einem ebenfalls sehr autobiographischen Werk auch eine Krise durch einen schöpferischen Schreibakt bewältigte: In seiner epochalen Traumdeutung teilt er viel von sich selbst und seinen beruflichen wie privaten Belangen mit. Gerade dadurch wird sein Persönlichstes zum Allgemeinsten, wird seine Selbstanalyse zur Heilmethode Psychoanalyse und zur neuen Wissenschaft Tiefenpsychologie, die auch für andere Menschen hilfreich ist.

Freuds Irma-Traum aber, das Kernstück des Buches, öffnet eine völlig neue Weltsicht: ins Unbewusste, diesen neuen und unentdeckten Kontinent der Seele. Und was gibt es Persönlicheres als unsere Träume?

Dichtung ist das Schlüsselwort. Hinter dem Gedichteten kann sich der Autor verstecken, kann er seine wahren Gefühle und seine Beobachtungen und Erlebnisse, Phantasien und Obsessionen verbergen - die allerdings für andere Menschen, vor allem für seine Angehörigen und Freunde, aber auch für die Leser nicht immer angenehm sind.

Verfremdung macht alles erträglich - sogar im Schlüsselroman. Thomas Mann und die Verarbeitung seiner Familiengeschichte in den Buddenbrocks ist ein anschauliches Beispiel dafür.


Als kleines Beispiel mag ein Auszug aus den Tagebüchern meines Urgroßvaters Ferdinand Naumann gelten, weiland Gastwirt zunächst auf dem Inselsberg bei Jena, später im Bahnhof Erfurt. Wie jedes Tagebuch transportiert dieser Text naturgemäß persönliche Erlebnisse, Meinungen und Gefühle (von letzteren eher wenig). Aber es werden bei dieser BILDUNGSREISE ANNO 1908 auch sachliche Aspekte gewürdigt) und durchaus auch erzählende Passagen (was bei einem Reisebericht nicht verwundert).

In noch anderer Form erläutere ich meine Vorstellungen zum HyperWriting auf der eigenen Verzweigung [link:#29]HYPERWRITING (Spaß am Schreiben) hier auf dieser Website.

Kernstück des HyperWriting ist die VIER-SPALTEN-METHODE, bei der während der Arbeit an einem konkreten Schreib-Projekt auch genügend Raum für das Persönliche vorgesehen ist - im Begleitenden Logbuch.



In unseren Seminaren . . .


. . . können Sie selbst praktisch erleben und lernen, was wir unter Creative Writing und HyperWriting verstehen. Die Details finden Sie unter SEMINARE



Biblio- und Filmographie

Hanson, Curtis (Regie): Die Wonder Boys. USA 2000
Scheidt, Jürgen vom: Kreatives Schreiben - HyperWriting. (1989) München 2006 (Allitera)
Vogler, Christopher: The Writer´s Journey: Mythic Structure for Writers. (1998) Dt. Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Frankfurt am Main 1999 / 3. Aufl. (Zweitausendeins)


© 2011 / 2002 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / IAK München : www.iak-talente.de