DAIDALOS

Der mythische Erbauer des Labyrinths und große Erfinder



Daidalos steht für einen ganz bestimmten Typ des Hochbegabten - den kreativen Entwickler neuer Werkzeuge und Projekte.


Das Bild zeigt den "Faden der Ariadne", dessen Erfindung dem Daidalos zugeschrieben wird

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[2007-12-16 ok / ur 2001-11-26]


(Autor: Jürgen vom Scheidt - nach Grant und Hazel)


Große Erfinder und Entdecker bezeichnet man gerne als Genie. Man sollte mit dieser Etikettierung jedoch sehr zurückhaltend sein und sie den wenigen wirklich ganz bedeutenden Menschen, den GROSSEN DER WELTGESCHICHTE vorbehalten (wie es im Titel einer 12-bändigen Enzyklopädie des Kindler-Verlags in den 70er Jahren zum Ausdruck kam).

Ein Genie führt einen Paradigmenwechsel in seinem Fachgebiet herbei - oder gar gleich in mehreren Gebieten. Manche prägen sogar ganze Jahrhunderte.

Genies waren fraglos Albert Einstein, William Shakespeare und Sigmund Freud . Letzerer war und ist so einflußreich, daß er heute noch in fast jeder Ausgabe der SÜDDEUTSCHEM ZEITUNG in irgendeinem Beitrag zitiert wird.



Inhalt dieser Verzweigung
1. Mörderischer Neid
2. Kreativ auf Kreta
3. Im Kern: der Minotauros
4. Gefangen im eigenen Labyrinth
5. Der Sturz des Ikaros
6. Eine andere Variante der Flucht
7. Vater-Sohn-Konflikte
8. Und noch ein Mord
9. Fraglos ein Genie
10. Als Mentor kann ich Daidalos nicht sehen
11. Rein in die Falle - raus aus der Falle
12. Und dies wäre auch noch zu berichten
_Literatur







Ein legendärer und wirklich genialer Erfinder war der Grieche Daidalos (falls es ihn als Person jemals gegeben haben sollte). Er stammte ursprünglich aus Athen. Sein Name bedeutet "der Einfallsreiche".

Er war wegen zahlreicher Fertigkeiten und Erfindungen berühmt. Sein Vater, der angeblich von König Erechtheus abstammte , war Eupalamos ("der Geschickte") oder Metion ("der Gebildete"). Sokrates gab vor, von Daidalos abzustammen - woraus man die Bedeutung von Daidalos in der Antike recht gut ablesen kann.

Daidalos wuchs zum besten Bildhauer und Maler Athens heran; seine Arbeiten waren so naturgetreu, daß sie wie wirklich erschienen. Von seiner Schwester bekam er deren Sohn Perdix (auch Talos oder Kalos genannt) zum Lehrling; doch der junge Mann war sogar ein noch besserer Handwerker als Daidalos. Er erfand die Säge (wobei er sich einen Schlangenkiefer oder das Rückgrat eines Fisches zum Vorbild nahm), den Geometriezirkel und die Töpferscheibe.



1. Mörderischer Neid


In einem Anfall von Neid brachte Daidalos seinen Neffen Perdix um; er stürzte ihn von der Akropolis oder von einem Felsen ins Meer. Athene, die den Perdix wegen seiner Kunst geliebt hatte, sah ihn fallen und verwandelte ihn in das Rebhuhn, das nach im benannt ist.

Daidalos wurde für sein Verbrechen auf dem Areopag vor Gericht gestellt. Er ging in die Verbannung nach Kreta; entweder freiwillig oder weil er dazu verurteilt wurde.



2. Kreativ auf Kreta


In Kreta empfing ihn König Minos, für den er viele kunstvolle Arbeiten schuf. Die eigenartigste Erfindung gelang ihm wohl mit jener künstlichen Kuh, in der sich Königin Pasiphae verbarg, um ihre Lust nach einem Stier zu befriedigen. Der Stier ließ sich von der Vorrichtung täuschen, und Pasiphae empfing den Minotauros, der halb Mensch, halb Stier war.



3. Im Kern: der Minotauros


Minos schämte sich so sehr über die Existenz dieser Mißgeburt, daß er sie zu verstecken beschloß und Daidalos mit der Konstruktion des Labyrinths beauftragte, einem Gewirr unterirdischer Gänge und Tunnels, das nur einen einzigen Eingang hatte und so gebaut war, daß niemand, der es betrat, je wieder herausfand. Den Minotauros platzierte man in die Mitte der Anlage. Er nährte sich angeblich von Menschenfleisch: die Athener, die Minos im Krieg besiegt hatte, mußten jährlich oder alle neun Jahre als Tribut sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen senden, die dann nacheinander dem Minotaurus als Nahrung zugeführt wurden.

Als einige Jahre später Theseus nach Kreta kam, erfand Daidalos den Faden, den Ariadne ihm dann hielt, damit er aus dem Labyrinth entkommen konnte, nachdem er den Minotaurus erledigt hatte.



4. Gefangen im eigenen Labyrinth


Als Minos den doppelten Verrat Daidalos entdeckte (seinen Beitrag zur Entstehung des Minotauros und zu dessen Ermordung), schloß er ihn mit seinem kleinen Sohn Ikaros (den ihm eine der Sklavinnen des Minos, Naukrate, geboren hatte) in dem Labyrinth ein und hielt ihn dort gefangen. Da normale Fluchtmethoden nutzlos waren, beschloß Daidalos, dem Gefängnis mit Hilfe von Schwingen, wie sie die Vögel haben, zu entfliehen. Mit Federn und Wachs baute er für Ikaros und sich je ein Paar Flügel und schärfte dem Jungen ein, weder zu hoch noch zu niedrig zu fliegen, damit in der Sonnenwärme das Wachs nicht schmelzen und durch den Gischt des Meeres, die Federn nicht schwer würden. Dann schwang sich Daidalos empor in die Luft und Ikaros folgte dicht hinter ihm.



5. Der Sturz des Ikaros


Sie flogen in nordöstlicher Richtung, vorbei an Paros, Delos und Samos; doch als sie sich über dem Meer zwischen den Sporadeninseln und der ionischen Küste Kleinasiens befanden, nahm die Freude am Fliegen bei Ikaros überhand, und er flog zu hoch. Er näherte sich der Sonne, das Wachs an den Flügeln schmolz und er stürzte kopfüber in das Meer, das seinen Namen trägt. Daidalos landete auf der Insel, die nun Ikaria heißt, barg den Leichnam des Sohnes aus dem Meer und bestattete ihn.

Ein Rebhuhn (es war sein einstiger Neffe Perdix) beobachtete seinen Kummer mit Vergnügen.



6. Eine andere Variante der Flucht


Nach einer anderen Überlieferung befreite Pasiphae Daidalos aus dem Labyrinth. Daidalos baute ein Schiff und erfand das Segel, um es voranzutreiben. Dann stieg er mit Ikaros an Bord, floh von der Insel und suchte Zuflucht in Sizilien am Hofe des sikanischen Königs Kokalos von Kamikos.

Doch kam ihm Minos, der zur Rache entschlossen war, schließlich auf die Spur. Nacheinander besuchte er sämtliche Herrscher des Westens und legte ihnen jeweils das gleiche Problem vor: eine Spiralmuschel auf einen Faäden zu ziehen, ohne das Gehäuse zu zerstören. Erst als König Kokalos ihm die Muschel aufgefädelt zurückgab, war Minos sicher, Daidalos aufgespürt zu haben, denn er ging davon aus, daß kein anderer diese Aufgabe hätte lösen können.
(Daidalos soll in die Muschelspitze ein Loch gebohrt und dann einen Faden an eine Ameise geheftet haben, die damit durch das Muschelgewinde kroch und am anderen Ende wieder heraus kam.)

(Wie man schon bei der Flucht des Daidalos sieht, gibt es - wie übrigens bei vielen anderen Sagen auch - mehrere Varianten der Überlieferung. So verhält es sich auch mit dem Sturz des Ikaros. In einer Variante überlebt er und kann sich aus den Fluten des - später nach ihm benannten - Ikarischen Meeres retten.



7. Vater-Sohn-Konflikte


Insgesamt zeigt gerade dieser Aspekt des für seinen kühnen Höhenflug bestraften jungen Mannes einen typischen Vater-Sohn-Konflikt, den man in vielen Familien mit Hochbegabten beobachten kann: den Neid und die Eifersucht des Älteren auf den Nachkommen.

Im Falle des Daidalos geschieht dies bereits, als er seinen Neffen Perdix ermordet - und zwar wirklich aus "niederen Beweggründen".

Gerhart Hauptmann hat diesen Konflikt eindrucksvoll in seinem Drama Michael Kramer behandelt.
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8. Und noch ein Mord


Minos verlangte nun, nachdem er ihn aufgespürt hatte, die Auslieferung des Daidalos. Doch Kokalos lehnte ab, weil er Daidalos Dankl schuldete - hatte dieser ihm doch eine uneinnehmbare Stadt gebaut.

Daraufhin belagerte Minos den Ort. Kokalos, Versöhnlichkeit heuchelnd, lud ihn auf ein Fest ein und stellte die Auslieferung des Gesuchten in Aussicht. Zuerst bot man dem Arglosen ein Bad an, bei dem ihn die drei Königstöchter in der herkömmlichen Weise baden sollten. Daidalos aber, der auch die Spenglerkunst beherrschte, hatte in dem Bad Röhren verlegt, durch die er nun kochendes Wasser leitete, so daß Minos elend zugrunde ging.

Nach einer abweichenden Darstellung fiel jedoch Kokalos im Kampf gegen Minos' Truppen.



9. Fraglos ein Genie


Viele andere Konstruktionen und Anlagen schrieb man ebenfalls dem Genie des Daidalos zu. So soll er den Apollentempel in Cumae erbaut und mit Bildern ausgeschmückt haben, die seine Lebensgeschichte erzählten. In Sizilien galt er
° als Konstrukteur eines Stausees am Fluß Alabon,
° eines Dampfbades in Selinus,
° einer Festung in Akragas (Agrigentum)
° sowie der Terrasse des Aphroditentempels in Eryx;
° hier hinterließ er auch eine aus Gold gefertigte Honigwabe.

Ferner hielt man ihn für den Erfinder von Masten und Segeln, des Leims und der meisten Zimmermannswerkzeuge - der Axt, der Säge (falls diese nicht von Perdix erfunden wurde), des Senkbleis und des Bohrers. Auch ein Klappstuhl mit Blick auf den Tempel der Athene Polias in Athen soll Daidalos' Werk gewesen sein.

Schließlich betrachtete man ihn noch als den Verfertiger vieler hölzerner Bildnisse, die zum Teil bewegliche Augen und Arme hatten und laufen konnten; man begegnete ihnen an verschiedenen Orten Griechenlands und Italiens.

Auf Sardinien schrieb man ihm bestimmte, Daidaleia genannte Türme zu.
Endlich gab es griechische Überlieferungen, die auch die Pyramiden und die großen Tempel Ägyptens (wie das Ptah-Heiligtum in Memphis) auf Entwürfe von Daidalos zurückführten.



10. Als Mentor kann ich Daidalos nicht sehen


Wer taugt zum Mentor, dieser wichtigen Figur aus der Heldenreise? Eigentlich jeder kühne Mensch, der diese Reise selbst schon gemeistert hat und dadurch dem unerfahrenen neuen Helden die nötige Vorbereitung und Begleitung geben kann.

Und wer sagt denn, daß ein Mentor keine negativen Züge haben darf? Haben wir sie nicht alle - einfach deshalb, weil wir Menschen sind? Und sollte ein guter Mentor nicht auch das Böse kennen? Es muß ja nicht gleich ein Mord sein, wie bei Daidalos. Und vielleicht ist es ja in Wahrheit so, daß man Daidalos seine Morde nur angedichtet hat - vielleicht um dieses antike Genie ein wenig auf normales menschliches Maß zu reduzieren?



11. Rein in die Falle - raus aus der Falle

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Daidalos ist nicht zuletzt auch ein interessantes Symbol für den Menschen, der sich sein (Labyrinth-)Gefängnis einfallsreich und tüchtig selbst baut - eine richtige Falle.

Aber er ist ebenso das Symbol dafür, wie jemand sich mit Einfallsreichtum aus diesem Gefängnis wieder befreien kann.



12. Und dies wäre auch noch zu berichten


Übertragen auf den Kreativen Prozeß und das Vernetzte Denken, das für das Genie so wichtig ist, könnte man die Erfindungen des Daidalos auch symbolisch verstehen:
° Axt, Säge und Bohrer helfen beim Zerlegen von alten Zusammenhängen (von Objekten, von Informationen);
° Leim bringt das Zerlegte in neuer Konfiguration zusammen; ° das Senkblei sorgt für Richtung; ° Mast und Segel schaffen die nötige Energie bei der Umsetzung der Ideen.

Was den Bereich der Arbeit angeht, so hat Daidalos da mit seinem Erfindungsreichtum sicher Großes geleistet und seine HELDENREISE vollbracht - gleich, ob er nun eine real existierende Persönlichkeit war oder nur eine Fiktion griechischer Mythenerzähler ist.

Auf anderen Gebieten, vor allem dem der menschlichen Beziehungen, hat er zweimal versagt, und zwar auf katastrophale Weise:
° bei seinem Neffen und Lehrling Perdix (den er aus Neid und Eifersucht ermordete)
° und bei seinem eigenen Sohn Ikaros, dem er zu früh das Fliegen ermöglichte, sodaß er abstürzte und im Meer ertrank.

Ich vermute, daß der Grund für dieses Versagen eine typische Déformation professionelle war: die des Ingenieurs, der sich bestens mit seinen Materialien, Geräten und Ideen auskennt, aber nicht so sehr in menschlichen Beziehungen. Auch über sich selbst (sein Selbst, in moderner Terminologie) weiß er recht wenig, hält nichts von Psychologie. Und über Transzendentes macht er sich selten, wenn überhaupt Gedanken.

Ich weiß, das ist ein Klischee. Aber die griechischen Erzähler, welche diese Figur des Daidalos ersonnen haben, stellten ihn nicht zufällig als Mörder und mad scientist dar. Doch gerade weil Daidalos ein verrückter Wissenschaftler ist, erinnert uns sein negatives Beispiel daran, daß wir Verantwortung tragen und übernehmen müssen bei der Realisierung unserer Talente. Es ermahnt uns darüber hinaus, solche rechtzeitig zu erkennen, zu kontrollieren und - wenn nötig - zu stoppen.

Aber es gilt auch: "Bei den Griechen waren nicht die Ikarusflügel, sondern die Dädalusflügel als ein Mittel, das aus einer Notlage befreit, sprichwörtlich." (Reinhard Pohlke, S.240) Bei allen Bedenken sollten wir Daidalos also auch unseren Respekt zollen. Oder mit den Worten des Mythenforschers Joseph Campbell:

"Jahrhunderte hindurch hat Daedalus den Typ des erfinderischen Künstlers dargestellt, jene seltsam gleichgültige, beinahe teuflische Menschengestalt, die sich, außerhalb der normalen Maßstäbe gesellschaftlicher Reputation, nicht an die Moral ihrer Zeit, sondern allein an die ihrer technischen Aufgabe bindet. Er ist der Held des Gedankens - verschlossen, mutig und beseelt von dem Glauben, daß die Wahrheit, wie er sie findet, uns frei machen wird." (1949, S. 30)



Literatur

Campbell, Joseph.: Der Heros in tausend Gestalten. (USA 1949) Frankfurt am Main 1978 (Suhrkamp)
Fuhrmann (Hrsg.) Die Großen der Weltgeschichte. Zürich 1970 (Kindler)
Grant, Michael und John Hazel: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. (1973) München 1976 (List)
Hauptmann, Gerhart: Michael Kramer (1900)
Pohlke, Reinhard: Das wissen nur die Götter - deutsche Redensarten aus dem Griechischen. Zürich / Düsseldorf 2000 (Verlag Artemis & Winkler)


© für diesen Text: Dr. Jürgen vom Scheidt, IAK München : www.iak-talente.de