Volkmar Weiss : "Die IQ-Falle"*

Kybernetischer Denkansatz eines Bio-Statistikers



 
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*in Bearbeitung

[2008-02-21 ok / ur 2005-10-16]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Eine Anmerkung vorweg


Ein Autor und ein Buch, die eigentlich auf meiner eigenen Linie liegen: Volkmar Weiss betont sehr den Aspekt der Vererbung von Hochbegabung und einen informationspsychologischen Ansatz - d.h. er sieht das wesentliche Element von Hochbegabung in der schnelleren Informationsverarbeitung und der größeren Leistung des (Kurzzeit-)Gedächtnisses.

Weiss steht quer zur üblichen Intelligenz-Forschung und -Literatur - und dies war schon zu DDR-Zeiten so, als seine bahnbrechende Studie über die Intelligenz-Struktur der DDR geheimgehalten wurde, weil ihre Ergebnisse nicht ins Konzept der herrschenden Elite paßte. Aber auch heute dürfte er bei den etablierten I-Forschern mit seiner dedizierten Betonung der Vererbung von Hochbegabung große Schwierigkeiten bekommen.



Verfechter der Vererbungstheorie von Hochbegabung


Das Buch ist zwar gespickt mit statistischen Argumenten, Zahlen, Formeln und Beweisen, mit denen sich der Nicht-Statistiker schwer tut. Aber man kann diese getrost überlesen, denn Weiss bedient sich einer allgemein verständlichen Sprache - anders als beispielsweise die neuen deutschen Studien von Heller (2000) und Rost (2000). Er nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn ihm eine Sehweise der "anderen Seite" nicht paßt (was verständlich wird, wenn man seinen Lebenslauf am Schluß des Buches liest).

Weiss ist ein starker Verfechter der Vererbungstheorie von Hochbegabung. Er liegt damit quer zu den heute gängigen Lehrmeinungen, die meistens von einem Ansatz "Vererbung zu Umwelt = 50 : 50" ausgehen. Weiss verschiebt dies sehr zugunsten der Bedeutung genetischer Faktoren.

Sein kybernetischer beziehungsweise informationspsychologischer Ansatz (den ich teile), basiert, kurz gesagt, auf der Annahme, daß es sich bei Hochbegabten um Menschen handelt, deren Gehirn schneller arbeitet und deren (Kurzzeit-) Gedächtnis größer ist als das der Normalbegabten - s. sein Unter-Kap "Intelligenz als Informationsverarbeitung..." (S. 35) und "Die Kurzspeicherkapazizäz als eigentliche Basisgröße" (S. 90).

Für letzteres spricht auch Niels Galleys wirklich bahnbrechende Beobachtung der schnelleren Augenbewegungen (s. mein Buch, S. 153 und S. 328).
Anders als die gängige psychologische Literatur, die Hochbegabung mit einem IQ von 130 beginnen läßt und von rund 2,3 (oft auch drei) Prozent Hochbegabten spricht, setzt Weiss - ebenso willkürlich - die Grenze bei IQ = 125 (S. 62) und schreibt entsprechend von "fünf Prozent der Bevölkerung" (S. 72).

Interessant der Ansatz, die einfache Normalverteilung durch eine Art verschobener dreifacher Normalverteilung zu ersetzen (dies auch seine Kritik an "The Bell Curve" von Murray und Herrnstein - S. 105).

Mühe habe ich mit seiner Auffassung von Intelligenz (und entsprechend Hochbegabung), die mir doch sehr eingeengt auf die "akademische Intelligenz" erscheint. Dadurch erscheinen Zigeuner und Schwarzamerikaner entsprechend "unterbelichtet" - obwohl sie auf musikalischem Bereich weit überdurchschnittlich sind. In den USA ist das Musikgeschäft beispielsweise weitgehend von den kreativen Leistungen der Schwarzen bestimmt - der Jazz ist sogar ihre ureigenste Erfindung. (Django Reinhardt war gewissermaßen in beiden Bereichen bahnbrechend: als Zigeneuer brachte er völlig neue "Töne" in den Jazz.)

Außerdem ist es keineswegs so, daß die Hochbegabten primär in die Wirtschaft drängen (S. 287): Schriftsteller und andere Künstler tun dies gerade nicht - und können dennoch enorm erfolgreich sein. Man beachte nur JOANNE K. ROWLING mit ihrem gigantischen Erfolg "Harry Potter" (mit 600 Millionen Weltauflage ist sie ab 1997, also binnen acht Jahren, die reichste Frau Englands geworden - mit einem Start bei "null" als alleinerziehende Mutter und Sozialhilfeempfängerin - das übertrifft in punkto Geschwindigkeit sogar Bill Gates und sein Microsoft-Imperium).

(Ein interessantes Gegenextrem zu Weiss vertritt übrigens die Tübinger Hochbegabtenforscherin Aiga Stapf, die 1994 in einem Interview von sich gab: "In Schlüsselpositionen - ob in der Wirtschaft oder in der Politik - sitzen selten Hochbegabte." (1994, S. 61).
Woher weiß sie das? Ich denke, sie verbreitet da nur eine vorgefaßte Meinung vom Wesen Hochbegabter. Man gelangt nicht an die Spitze eines Staatswesens, wenn man nicht über wenigstens ein Hochbegabten-Merkmal verfügt: enormes Charisma und Durchsetzungswillen, mit dem man viele politisch Erfahrene und maßgebliche und vor allem sehr mächtige und einflußreiche Menschen (und sicher nicht die dümmsten unter ihnen!) begeistern und mitziehen kann. Man muß sich diesbezüglich nur einmal einige der mehr als ein Dutzend Filme über amerikanische Präsidenten anschauen - ein beliebtes Genre der Hollywood-Produktion! Analoges gilt für Wirtschaftsführer, also die Unternehmer und Top-Manager.)




Total ignoriert :die Underachiever


Was Weiss ebenfalls total ignoriert, sind die Underachiever und die "Latenten" (auch die "Shiras-Kinder" - s. im Buch S. 141 f.) mit ihren speziellen Problemen.



Probleme mit dummen Ausländern?


Der Titel "IQ-Falle" bezieht sich auf die kommenden (und zum Teil jetzt schon sichtbaren) Probleme, die der vermehrte Zuzug wenig intelligenter Ausländer für Deutschland und das Kerneuropa bringen könnte. Vor allem in den Schlußkapiteln wird Weiss nicht müde, hier heftig zu warnen vor Zigeunern und Türken etc.. (Diesen Pessimismus muß man nicht teilen.)



Schweres Leben des Autors in DDR-Zeiten


In einem Lebenslauf am Schluß des Buches gibt der Autor interessante Einblicke in seinen schwierigen beruflichen Weg in der DDR - wo die Vererbung von Intelligenz und Begabung überhaupt nicht ins kommunistische Konzept des Egalitarismus paßte und man der Meinung war (und die "Linken" im damaligen Westdeutschland waren und sind dies heute noch im Bereich der Pädagogik und Psychologie), daß gewissermaßen "jeder ein Genie" werden kann, wenn man ihn / sie nur richtig erzieht und fördert. Hierzu findet man viele fundierte kritische Anmerkungen des Autors, der sich selbst als "begabter Enkel eines ungelernten Arbeiters" bezeichnet (S. 36).


Bibliographie

Heller, Kurt A.: Hochbegabung im Kindes- und Jugendalter.(1991) 2. überarb. und erw. Aufl. Göttingen 2001 (Hogrefe).
Rost, Detlef H. (Hrsg.): Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Münster 2000 (Waxmann).
Weiss, Volkmar: Die IQ-Falle - Intelligenz, Sozialstruktur und Politik. Graz 2000 (Leopold Stocker) 312 Seiten, 21,80 € - mit gutem Register (aber ohne Zeittafel).


© 2008 / 2005 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / Quelle: www.hyperwriting.de