KRIEG EINES KINDES

Traumatisierung hat viele Ursachen und Folgen



Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war ich fünf Jahre und drei Monate alt.
Kaum jemand kann sich an die Zeit vor dem dritten Lebensjahr erinnern - und auch dann nur in Fragmenten.
Lange waren diese ersten Lebensjahre zwischen Februar 1940 und Mai 1945 irgendwo in den Speichern meines Gedächtnisses begraben, bis mich ein Traum daran erinnerte. Dieser Traum löste in mir die Frage aus: Wie habe ich eigentlich den Krieg erlebt?

 
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[2007-05-01 ok / ur 2001-10-20 / 1974-11-04]



(Autor: Jürgen vom Scheidt)



Der folgende Text fiel mir wieder ein, als ich im GLOSSAR das Stichwort über die Ursachen und Folgen von TRAUMATISIERUNG schrieb. Ich denke, er paßt ganz gut als Ergänzung. Entstanden ist er 1974, als mich die Verlegerin Christa Spangenberg vom Ellermann-Verlag fragte, ob ich einen Beitrag zu einer Anthologie mit Texten für Kinder hätte (In allen Häusern, wo Kinder sind). Ich setzte mich hin und schrieb das Folgende:



Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war ich gerade fünf Jahre und drei Monate alt.
Lange waren diese ersten Lebensjahre zwischen Februar 1940 und Mai 1945 irgendwo in den Speichern meines Gedächtnisses begraben, bis mich [kurz vor der Niederschrift dieses Textes im Jahr 1974] ein Traum daran erinnerte. Dieser Traum löste in mir die Frage aus: Wie habe ich eigentlich den Krieg erlebt.

Im Februar 1940 kam ich in Leipzig zur Welt. Mein Vater, der damals im Krieg war, erhielt ein paar Tage Heimaturlaub und durfte seinen Erstgeborenen sehen. Davon habe ich natürlich keine bewußten Erinnerungen, genauso wenig, wie ich mich an Vaters Heimaturlaub 1943 erinnere. Von dieser zweiten Begegnung existiert ein Foto, auf dem ich ihn umarme und mich offenbar sehr freue, daß er bei mir ist. Dennoch erinnere ich mich bewußt nur an eine Fahrt mit einer Pferdekutsche und an das Spielen mit einer großen Eisenbahn, auf deren Lokomotive man richtig sitzen konnte. Und an eine weiße Porzellanhenne, in deren ausgepolstertem Bauch die Frühstückseier warmgehalten wurden.



Meine Mutter hatte Leipzig Ende 1942 wegen der Bombengefahr verlassen
und zog mit mir zurück nach Rehau zu ihren Eltern. Sie fuhr in diesen Jahren immer wieder mal nach Leipzig zurück, wo die Wohnung noch gemietet blieb in der Hoffnung, daß wir sie nach Kriegsende wieder beziehen könnten. Dieses Wegfahren der Mutter hat in mir sehr schmerzliche Erinnerungen hinterlassen - und sehr schöne.

Schmerzlich war der Abschied auf dem Bahnhof, sie davonfahren zu sehen.

Schön waren jene zwei, drei Fahrten, bei denen sie mich mitnahm und ich dann auf dem kleinen Klapptisch neben dem Fenster sitzen und aus dem dahinrasenden Zug schauen durfte. Manche Träume, in denen ich von Zügen bedroht werde oder aber in Zügen sehr interessante, aufregende Dinge erlebe, sind wohl wieder wach werdende Erinnerungen an jene "Leipzig-Fahrten" der Mutter, alleine oder mit ihr.



Fliegeralarm und Bomben
Es gibt da ein Ereignis, das mit Fliegeralarm, fallenden Bomben, geängstigten Menschen, Luftschutzkelleratmosphäre zu tun hat, denn immer wieder träume ich Szenen, in denen ich ganz klein bin und mich erschreckt verkrieche. Mir ist dabei nie etwas passiert - aber irgend etwas hat sich in die Seele des Zwei-, Dreijährigen eingeprägt und bestimmte Ängste hinterlassen, die ein übergroßes Bedürfnis nach Geborgenheit und Nähe der Mutter auslösten.

Im Herbst 1943 fuhr meine Mutter mit mir nach Oberstdorf, damit ich im gesunden Bergklima meinen Keuchhusten auskurieren konnte. Wir machten dabei Station in München bei einer Tante. In deren Haus hatte eine Brandbombe eingeschlagen und den Dachstuhl aufgerissen. Es hat mich sehr beeindruckt, daß man durch die Öffnung des schwarzgebrannten Dachbodens den Sternenhimmel sehen konnte. Dauernd wollte ich ab da nachts "Sternele sehen".



Ein Junge im Matriarchat
Eines Tages kam der Großvater von der Ostfront zurück. Er brachte mir die schwierigen Worte "Dnjepr" und "Dnjepropetrowsk" bei. An das mühsame Lernen dieser beiden russischen Namen erinnere ich mich noch genau. Damals wußte ich nicht, daß sie mit dem Krieg zu tun hatten.

Aber am wichtigsten war, daß mit Opa endlich ein Mann ins Haus kam, in dem sonst nur Frauen lebten; meine Mutter, meine Tante Lis und das Mädchen Else. Alle drei verwöhnten mich sehr. Trotzdem brachte der - eher strenge - Einfluß des Großvaters in diesen Frauenhaushalt ein wohltuendes männliches Element.
In jenem schlimmen Winter 43/44, als selbst im ländlichen Rehau das Essen knapp wurde, erfüllte mir meine Mutter meinen größten Wunsch: Schweinebraten mit Klössen.

Oft erzählte sie mir später, wie schwierig es war, den Braten zu beschaffen; sie mußte fünf Kilometer zu Fuß durch tiefen Schnee und Eiseskälte zu einem Bauernhof in Kühschwitz stapfen, mußte lange die Bäuerin anbetteln, bis sie endlich das begehrte Stück Fleisch im Tausch gegen Geschirr, Stoff oder Ähnliches einhandelte. Ich erinnere mich allerdings nur daran, daß der Geburtstagsbraten köstlich schmeckte.



Ländliche Idylle mit Tiefflieger
Im Sommer 1944 bekam es meine Mutter mit der Angst zu tun. Das Ende des Krieges war absehbar, aber niemand wußte, ob nicht auch das abgelegene, strategisch unbedeutende Rehau beschossen oder gar bombardiert werden könnte. Deshalb zog sie mit meiner Tante, meiner Schwester und mir in eine kleine Hütte in einem Wiesengrund zwischen großen Wäldern außerhalb der Ortschaft. Wir pflückten Kresse in den Wassergräben nebenan, tollten auf Wiesen herum ...

... bis jener feindliche Tiefflieger aufkreuzte, als wir gerade am Waldrand spazierengingen. Meine Mutter rief "hinlegen", es gab einen Höllenlärm, als die Maschine ganz niedrig über uns dahinraste ...

In den folgenden Nächten kamen immer mehr kriegsmüde, flüchtende Landser an der Hütte vorbei, warfen ihre Waffen weg und stießen Flüche aus, wenn sie sich von uns ertappt glaubten. Es war nicht abzusehen, ob nicht demnächst mal einer darunter sein könnte, der zwei Frauen und zwei Kindern gegenüber weniger friedfertig sein würde, ja daß irgendwann auch der Feind selber, Russen oder Amerikaner, aufkreuzen könnten. So verließen wir dieses sommerliche Paradies.

Die Lage wurde immer ernster. Schließlich sollte sogar die Brücke über den Höllbach, die einige Meter neben unserem Haus lag, gesprengt werden. Die SS befahl allen Leuten aus der näheren Umgebung, die Luftschutzkeller aufzusuchen und Stöpsel in die Ohren zu stecken. Zum Glück kam es nicht dazu. Gesprengt wurde statt dessen die Eisenbahnbrücke bei Eulenhammer außerhalb der eigentlichen Ortschaft; die Detonation hörten wir freilich deutlich, und damit rückte der Krieg mit seiner Zerstörung auch ganz nahe zu uns.



Verstümmelte Männer im Lazarettzug
Am eindrücklichsten stellten sich für mich die Schrecken des Krieges in folgendem Ereignis dar: In der Nacht war ein Transport mit schwerverwundeten Soldaten auf dem Bahnhof eingetroffen. Der Zug stand auf einem Abstellgleis. Die Frauen des Ortes trugen Essen, Kleidung und was sonst noch verfügbar war, hin.

Meine Mutter und meine Tante schleppten einen Kupferkessel mit Glühwein zu den Waggons und nahmen aus irgendeinem (mir heute noch unerfindlichen) Grund, mich Vier- oder Fünfjährigen mit. Wir gingen durch den schmalen Gang eines Waggons, und ich staunte all diese verstümmelten Männer an: Menschen, deren Arme oder Beine fehlten, oder deren Köpfe so dick einbandagiert waren, daß manchmal nur noch die Augen zu sehen waren. Einer hatte überhaupt keine Gliedmaßen mehr. Ich habe keine sehr klare Erinnerung mehr daran, weiß nur noch, daß alles ganz einfach grausig war.



Kinder auf der Flucht
In einer der Nächte, es muß kurz vor Kriegsende gewesen sein, wachten wir alle durch ein merkwürdiges Geräusch auf. Wir schauten aus dem Fenster und sahen im Dämmerlicht des grauenden Morgens einen endlosen Zug von Menschen durch die Bahnhofstraße wanken. Das Geräusch kam von den schlurfenden Schritten, mit denen sie sich kraftlos dahinschleppten. Dabei sangen sie ganz leise, um sich wachzuhalten. Es waren Hunderte von Buben in Uniform, Zwölfjährige, Dreizehnjährige, Vierzehnjährige ...

Man hatte sie aus Kinderheimen in Breslau, das tausend Kilometer von uns entfernt war, evakuiert, und nun sollten sie zu ihren Familien in die Heimat zurück. Sie waren den größten Teil des langen Weges zu Fuß marschiert. Die Rehauer kamen aus ihren Häusern und brachten ihnen Essen und etwas zum Anziehen, eine warme Jacke, ein Paar Schuhe, was immer man entbehren konnte. Schon eine Stunde später zogen sie weiter und war bald - wie ein Spuk - am anderen Ende des Städtchens verschwunden. Nur der eine oder andere blieb zurück, weil er einfach nicht mehr konnte.



Die Amis befreien uns
Dann kam jener Tag Anfang Mai: Wir hockten unten im Keller, draußen ratterten amerikanische Panzer vorbei, Wortfetzen, Kommandos in einer fremden Sprache ertönten, wir hörten die schweren Schritte der Soldaten. Ein bewaffneter Amerikaner betrat den Keller und sagte etwas, was wir nicht verstanden. Mein Großvater, der ein wenig Englisch konnte, antwortete ihm.

Der Krieg war aus. Was dann folgte, waren Nachkriegserlebnisse. Selbst die Ausquartierung war, wenigstens für die Kinder, ein Spaß. Während die amerikanische Offiziere in unseren Wohnungen hausten (bei uns waren es polnische Zwangsarbeiter), krochen wir Ausquartieren uns in fremden Häusern unter, lernten neue Erwachsene und vor allem Kinder kennen und erlebte eine völlig andere Umgebung.

Im Großen und Ganzen brachte der Krieg für uns Kinder wenig Veränderungen. Nur vor einem mußte man sich unbedingt hüten: Nach Einbruch der Dunkelheit sich aus dem Haus zu wagen; das war in den ersten Monaten nach Kriegsende strengstens verboten. Aus einem Grund, den ich vergessen habe (vielleicht um die Hühner im Stall zu füttern?) lief ich in der einbrechenden Dämmerung dennoch in den Garten. Der Knall eines Gewehrschusses belehrte mich, sofort umzukehren und dies besser nicht noch einmal zu machen.



Ein fremder Mann kommt aus dem Krieg zurück
Irgendwann im Herbst 1945 pfiff es nach Einbruch der Dunkelheit im Hinterhof. Meine Mutter kannte diesen Pfiff wohl, denn sie lief sofort hinunter, um den Menschen hereinzulassen, der es wagte, nach Einbruch der Dunkelheit noch im Freien zu sein (das war streng verboten und löste sofort Schußwaffengebrauch sder amerikanischen Soldaten aus). Dann kam ein fremder Mann in die Wohnung, der aus amerikanischer Gefangenschaft geflohen war, und sagte zu mir:

"Ich bin dein Vater..."


Bibliographie

Lentz-Penzoldt, Ulrike (Hrsg.): In allen Häusern, wo Kinder sind. München 1975 (Ellermann)


© 2007/2001 bei Jürgen vom Scheidt / Quelle: Website "www.hyperwriting.de"