DELEGATION

Eltern geben oft unerfüllte eigene Lebensziele an ihre Nachkommen weiter



Eltern haben oft Wünsche (insbesondere beruflicher Natur) und Zielvorstellungen vom eigenen Leben, die sie selbst nicht realisieren können. Diese geben sie, und zwar in der Regel völlig unbewusst, an die eigenen Kinder weiter.

 
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[2011-04-30 ok / ur 2001-10-08]


(Autor: Jürgen vom Scheidt)


Das Leben lässt sich nicht immer so gestalten, wie wir es uns in den Träumen und Sehnsüchten unserer Jugend ausmalen. So manche Menschen geben deshalb später im Leben, wenn sie Eltern sind, eben diese Wünsche (insbesondere beruflicher Natur) und Zielvorstellungen vom eigenen Leben, die sie selbst nicht realisieren konnten, an die eigenen Kinder weiter. Dies geschieht in der Regel völlig unbewusst.

Die Kinder ihrerseits übernehmen solche delegierten Wünsche ebenfalls völlig unbewusst und führen sie - oftmals sehr kreativ umgestaltet
° entweder getreu aus
° oder verweigern sich der Delegation (wie Martin Luther - s.u.) und produzieren das genaue Gegenteil;
° eine dritte Variante ist, dass die Kinder sie ihrerseits an die eigenen Kinder, also an die Enkel-Generation, weitergeben.



Intensive Familiendynamik


Wie kann man sich so einen familiendynamischen, über mehrere Generationen wirkenden Delegations-Prozess vorstellen? Wie könnte so etwas ablaufen?

Ein berühmtes Beispiel für Delegation ist Martin Luther. Sein Vater hätte gerne gesehen, dass der Sohn den väterlichen Betrieb (ein kleines Bergwerk bei Eisenach) übernimmt. Aber der Sohn verweigerte sich diesem ökonomischen Wunsch und ging stattdessen ins Kloster. Indem er das damit verbundene Armutsgelöbnis ablegte, verzichtete er auf alle weltlichen Besitztümer. Dies war in dem Film Luther nicht sehr deutlich zu sehen - aber immerhin wurde es angedeutet.

Delegation kann allerdings weitreichende Konsequenzen haben. Wie erst Jahrhunderte später die Studien des Soziologen Max Weber über die Wurzeln des Kapitalismus im Lutherschen Protestantismus zeigten, hat der Mönch und spätere Reformator Martin Luther mit seinen rigorosen Umgestaltungen des damals herrschenden Katholizismus genau jene gesellschaftlichen und politischen Folgen herbeigeführt (erst in Deutschland, dann bald in ganz Europa), welche im Grunde auf eine dramatische Bestätigung und Unterstützung der wirtschaftlichen Vorstellungen seines Vaters hinausliefen: eben den Kapitalismus.

Seine intensivste Ausprägung hat dieser bekanntlich in den USA gefunden, die von den aus England flüchtenden Puritanern (die man als Sekte im Gefolge von Luther, Calvin, Huss und natürlich des englischen Reformators und Luther-Vorläufers Wiclif sehen kann) sehr geprägt wurde, insbesondere durch die Pilgerväter in den Neuengland-Staaten.

Eine tiefenpsychologische Richtung, die sich mit der Dynamik des Familienunbewussten befasst (von der das Phänomen der Delegation ja nur ein Teil ist) hat der aus Ungarn stammende Psychoanalytiker Leopold Szondi begründet. Sie scheint heute kaum mehr eine Rolle zu spielen; zumindest der - sehr umstrittene -Szondi-Test wird meines Wissens nicht mehr verwendet; die Literatur ist längst vergriffen; noch immer lesenswert (und in gut sortierten Bibliotheken sicher noch verfügbar) sind die beiden Bücher von Ulrich Moser über die Psychologie der Partnerwahl und die Psychologie der Arbeitswahl.

Die modernere Variante finden wir in der (systemischen) Familienforschung und in der Familientherapie, beispielsweise bei Helm Stierlin und bei Virginia Satir (von der Gisbert Hellinger sein umstrittenes Konzept der Familienaufstellung übernommen hat - ohne allerdings seine Quellen zu nennen).



Anwendung auf meine eigene Familie


Wenn ich (JvS) meine eigene Biographie anschaue, so finde ich sowohl "nach oben" (Eltern, Großeltern und noch weiter zurückreichende Vorfahren) wie "nach unten" (bei meinen eigenen Kindern) deutliche Spuren von Delegation.

Mein Vater gab an mich das Interesse am Schreiben weiter:
° Er führte ein Tagebuch, das allerdings im Krieg verlorenging;
° er wollte als junger Mann Rundfunksprecher werden;
° er machte als junger Mann eine Weltreise* (und hatte wohl auch Pläne in Richtung Reiseschriftsteller - das schließe ich jedenfalls aus den Büchern, die er mir als Lektüre empfohlen hat und aus dem, was er erzählte (und er konnte gut erzählen!).
* Genau genommen arbeitete er als Stewart und Tennislehrer auf dem Kreuzfahrtschiff Columbus, später auf der Bremen.

Er selbst hat das große Interesse am Schreiben wiederum ganz deutlich vom eigenen Großvater Ferdinand Naumann delegiert bekommen, der ihm fünf Tagebücher vererbte (von denen drei nun in meinem Besitz sind - zwei gingen in den Kriegswirren verloren); eine Kostprobe daraus ist hier auf der Website die BILDUNGSREISE ANNO 1908.

(Was sich in der dazwischen liegenden Generation abspielte, also bei den Eltern und Onkeln / Tanten meines Vaters, kann ich nur ahnen.)
Das Ganze lief ziemlich unbewusst ab. Zwar sandte mein Vater gewisse Signale aus, dass ihm das Schreiben wichtig war - so erwähnte er einmal beiläufig, er habe im Krieg Tagebuch geschrieben. Und dann waren da die bei uns übrigen Familienmitgliedern wirklich verhassten Stunden, in denen er uns zwang, zuzuhören, was er aus den Tagebüchern seines verehrten Großvaters Ferdinand Naumann vorlas. Aber das war auch schon alles.

Nein: da war noch etwas, das mir das Schreiben eigentlich hätte total vermiesen müssen (und tatsächlich ein paar Jahre lang zu einer massiven Schreib-Blockade kräftig beigetragen hat): Mein Vater zwang mich, als ich vierzehn wurde, ein Tagebuch zu führen. Er wollte das nicht lesen - er wollte nur, dass ich es schrieb. Und zwar möglichst regelmäßig. Nach jedem Familienausflug. Nach dem Urlaub.

Er stellte sich dabei pädagogisch nicht sehr geschickt an, denn ich verweigerte mich dem ebenso wie dem erzwungenen Klavierspielen ("Dein Großvater und deine Tante haben doch auch so schön gespielt...").

Zum Glück gibt es noch andere psychische Dynamismen als die Delegation. Mein Schreib-Talent trieb mich letztlich durch alle Blockaden hindurch (wobei der beste Trick meines Unbewussten sicher der war, diese - zeitweilige - Schwäche zur Stärke zu machen, indem ich mich als Psychologe auf den Abbau von Schreib-Blockaden spezialisiert habe.)



Weitergabe meiner eigenen Wünsche und Ziele


Und wie sieht es mit Delegation meiner Wünsche und Ziele an meine Kinder aus? Davon bewusst ist mir dieses:

Mein großes Interesse an Computern schon als Jugendlicher (via Science fiction) haben zwei meiner Söhne übernommen, wenn auch jeder der beiden etwas Ureigenes daraus gemacht hat:

° Gregor, der Älteste, begann schon als Zwölfjähriger mit dem Programmieren (es gab mal deswegen einen bösen Krach zwischen uns, als ich mir Sorgen um seine Schulnoten machte und ihm mitten in der Nacht genervt den Computer abstellte, wodurch das Programm, an dem er seit Stunden gebastelt hatte, fatalerweise abstürzte und die Arbeit vieler Stunden vertan war - aber so lernt man eben auch etwas: regelmäßige Datensicherung).

Später wurde Gregor, nach dem Studium der Physik, Chef einer eigenen Software-Firma.


° Jonas, der Jüngste, hat seine Leidenschaft für Musik entdeckt und komponiert mit Hilfe einer speziellen Software eigene Stücke.

Das Interesse an Musik habe ich offenbar ebenfalls an Jonas und Gregor delegiert: Als Kind lernte ich zwei oder drei Jahre lang Klavierspielen - (und diese Jahre waren wirklich lang - nämlich lang-weilig. Danach gab ich es frustriert auf (und das lag wohl nicht nur am mangelnden pädagogischen Geschick des Kantors Peter). Drei Anläufe habe ich als Jugendlicher und als junger Erwachsener außerdem unternommen, das Guitarrespielen zu lernen - kam aber (wie mein Vater) nie über ein wenig dilletantisches Klimpern hinaus. Es sieht jedoch so aus, als würden die Söhne das Talent besser nützen (Gregor brachte sich selbst das Cello-Spielen bei).


° Und Maurus, der mittlere meiner drei Söhne? Er hat ein Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film beendet, führte Regie bei zwei Kurzfilmen (für den zweiten heimste er eine Reihe Preise ein) und hat inzwischen seinen ersten abendfüllenden Spielfilm beendet, der seit 2010 auf DVD erhältlich ist (nach dem Roman Wie Licht schmeckt von Friedrich Ani.)

Auch hier war wohl eine unbewusste Delegation meinerseits im Spiel. Ich war nämlich als Student nicht nur begeisterter Kinogänger, sondern habe nächtelang mit einem Freund Plots für Drehbücher und Theaterstücke ausgesponnen. Und zweimal die Woche ins Kino gehen, sich den neuesten französischen, polnischen oder japanischen Exoten im Filmkunsttheater ´reinziehen - das war das Mindeste in diesen 1960er Jahren. Einmal arbeitete ich sogar als Regieassistent bei einem kleinen Dokumentarfilm über Frühehen mit.
(Seine Website: Maurus vom Scheidt .)



Retro-Delegation


Als Retro-Delegation bezeichne ich den interessanten Vorgang, wenn jemand eine Fähigkeit oder Obsession, die an ein eigenes Kind delegiert worden ist, wieder entdeckt und doch noch - ein Stück weit - für selbst realisiert.

So würde ich jedenfalls die Tatsache sehen, dass ich die - an Maurus delegierte - Leidenschaft für den Film bei der Arbeit an meinem Buch Das Drama der Hochbegabten wiedergefunden habe, wenn auch in sehr gemilderter Form. Es hat sicher auch mit Maurus´ Drehbuchschreiben und Regieführen zu tun, dass mir die Idee kam, das Thema "Hochbegabung" sehr intensiv mit Film-Beispielen zu dokumentieren. Das gibt nicht nur schöne bunte Bilder her - es ist auch themenimmanent sehr wichtig. Denn wie ich hoffentlich zeigen konnte,

° ist zum einen die Filmwelt ein Tummelplatz für Talente aller Art (Hochbegabte sind in dieser Branche weit überproportional vertreten),

° und zum anderen sind die Figuren in den Filmen (so meine Vermutung) weit überdurchschnittlich häufig Hochbegabte - und das nicht nur in den Filmen, die Themen wie (extreme) Hochbegabung (Das Wunderkind Tate und Good Will Hunting) oder richtiggehendes Genie (A beautiful Mind) behandeln.


Biblio-/Filmographie

Moser, Ulrich: Psychologie der Arbeitswahl und der Arbeitsstörungen. Bern und Stuttgart 1953 (Huber)
Moser, Ulrich: Psychologie der Partnerwahl. Bern und Stuttgart 1957 (Huber)
Stierlin, Helm:
Szondi, Leopold: Schicksalsanalyse. (1944)
Till, Eric (Regie): Luther. USA 2004 (Universal)


© 2011 / 2001 für diesen Text: Jürgen vom Scheidt / IAK München: www.hyperwriting.de